Jamaikas letzter Löwe

Kurzgeschichte von Marlon James. Übersetzt von Anke Caroline Burger. Mit Illustrationen von Wojtek Klimek.

Jamaikas letzter Löwe
Illustrationen von Wojtek Klimek

Che Guevara, auf der Titelseite der Abendzeitung, aufgedunsen, oben ohne, tot. Mehrere Männer umstanden ihn, alle in Uniform, keiner davon tot, keiner wirklich ein Mann, allesamt Jungs mit Maschinengewehren, die sie wie einen Phallus hochhielten. Keiner der Jungs auf dem Foto konnte beweisen, dass er den entscheidenden Schuss abgefeuert hatte, aber alle behaupteten es. Andere waren nicht auf dem Foto, auch nicht in der Kaserne, noch nicht mal in der Gegend, behaupteten es aber trotzdem. Che, mit Hose, aber ohne Stiefel, Schlafzimmerblick in den halboffenen Augen, den Mund zu einem kleinen, schiefen Lächeln verzogen, wirkte nicht tot, sondern wie gerade aus süssem Schlummer erwacht. Daneben fand sich eine andere Schlagzeile: Kein Lebenszeichen vom Jungen, der zuletzt auf der Aloysius Dawkins Street gesehen wurde.

«Haben sie ihn gekriegt, diese Schlangen, was, Mister Minister? Schwarzherzige Schlangen.»

Morrison bekleidete seit fast sieben Jahren kein öffentliches Amt mehr, aber sein Hausmädchen Clemencia nannte ihn immer noch «Mister Minister». Jahre hatte es gedauert, bis er den Verdacht losgeworden war, in ihrer Stimme könnte ein Anflug von Ironie liegen; mittlerweile ging er davon aus, dass sie ihm wirklich unterwürfig ergeben war. Dafür hatte er sie sogar geehelicht, aber sie diente ihm weiterhin als Hausmädchen und nannte ihn immer noch Mister Minister. Er nannte sie Missus Minister, halb aus Zuneigung, halb im Spott, aber Zuneigung und Spott waren zwei Dinge, die an seiner Frau einfach vorbeirauschten. Die ideale Gattin für jemanden wie Morrison.

Er betrachtete Clemencia über seinen langen Nasenrücken hinweg. Sie war mit einem Flederwisch auf der Veranda zugange und wirbelte den Staub auf, statt ihn wegzuwedeln. Die Veranda war auf allen Seiten mit glaslosen Holzjalousien umschlossen, durch die ein eisiger Wind hereindrang. Manchmal ärgerten ihn auch die Moskitos. Clemencia wollte die Lamellen schliessen, aber er hatte dagegen protestiert, mit seinem üblichen Spruch, er warte auf den Abend, den einzigen Besucher, der ihn nie versetzte. Hinter ihm war eine graue Wand, die in der Mitte von einer dunklen, zur Küche führenden Fluröffnung durchbrochen wurde. In diesem Land gilt das Fenster mehr als der Spiegel, hörte er eine Stimme sagen, aber er schüttelte sie ab.

«Hör auf, mir Eselsmist in die Ohren zu schmieren, du alte Krähe», gab er grantig zum Besten.

Ohne Veränderung in Gesten oder Gesichtsausdruck wedelte Clemencia weiter Staub. Er fragte sich, ob sie ihm etwas vorspielte, ob sie vielleicht nur zu gut wusste, dass er sie von oben herab behandelte. Womöglich schmiedete sie ja schon süsse Rachepläne, jeden Abend eine kleine Prise Arsen im Tee vielleicht? Es musste sich um Verfolgungswahn handeln, redete er sich gut zu, eine so unerfreuliche wie unvermeidliche Alterserscheinung. Er war fünfundsiebzig Jahre alt und kinderlos.

1965 wurde Morrison zum ersten Premierminister des Landes gewählt. Er war ein schlaksiger, viel zu gross geratener Weisser mit wild wuchernden Koteletten, die direkt dem vorherigen Jahrhundert entsprossen zu sein schienen. Das dünne Haupthaar war schon mit dreissig weiss und hätte ihm Würde verliehen, wäre er kein so notorisches Schandmaul gewesen. Er kam als Weisser in einem Dorf im Norden zur Welt und wuchs in Armut auf. Doch schon mit fünfzehn arbeitete er sich innerhalb weniger Jahre zum Pferdeexperten und Besitzer eines eigenen Fohlens hoch.

Morrison hatte eine Gabe dafür, aus Heu Gold zu dreschen, die seine Mitmenschen immer wieder erstaunte. Er, ein gerissenes Schlitzohr, das seine niedrige Herkunft zum eigenen Vorteil nutzte, manipulierte seine wohlhabenderen Cousins, damit sie Mitleid mit ihm hatten. Er übertrumpfte wohlgeborene Herren im Poker und beim Pferderennen, machte sich bei den reichen Weissen lieb Kind und trieb es mit den missratenen Töchtern der Oberschicht – den Frauen, die keine Lust mehr auf Weisse hatten, sich…