Gefühlshandel

Mit verhaltener Sorge beobachten die Händler den Verlauf der Ereignisse. Sie erkennen das Schicksal an den Zeichen über ihren Köpfen, an den Zahlen auf dem Laufband, der Kurve auf der Anzeigetafel, den farbigen Pfeilen und Säulen auf den Bildschirmen – im Sekundentakt. Die Wohlfahrt der Nationen entscheidet sich in höheren Sphären. So wachsam sie die […]

Mit verhaltener Sorge beobachten die Händler den Verlauf der Ereignisse. Sie erkennen das Schicksal an den Zeichen über ihren Köpfen, an den Zahlen auf dem Laufband, der Kurve auf der Anzeigetafel, den farbigen Pfeilen und Säulen auf den Bildschirmen – im Sekundentakt. Die Wohlfahrt der Nationen entscheidet sich in höheren Sphären. So wachsam sie die Wendungen des Glücks verfolgen, der Marktprozess entzieht sich ihrem Einfluss. Er geschieht nicht hinter dem Rücken der Menschen, sondern über ihre Köpfe hinweg.

Das populäre Gerede von spekulativen Verschwörungen oder dubiosen Manipulationen verkennt die Wirklichkeit wirtschaftlichen Handelns. Nur enge Märkte können hin und wieder von einzelnen Akteuren gesteuert werden. Auf breiten Märkten entwickeln sich Trends durch die unbeabsichtigten Folgen sozialer Nachahmung. Je mehr verkaufen, desto mehr Verkäufer erscheinen auf dem Marktplatz. Je stärker Verlustangst oder Gewinneuphorie, desto mehr verdichten sich die individuellen Affekte zur kollektiven Gefühlskraft. Deren Zwang ist nicht zu entkommen. Gebannt verfolgen die Menschen die Signale an der Tafel.

Keiner darf sie übersehen. Ein Fehler inmitten des Wertewandels kann den Ruin bedeuten. Blitzschnell überschlagen sie die Wetten, überdenken ihre Entscheidungen, suchen zu retten, was zu retten ist. Bei manchen sind am Tagesende Urteils- und Kapitalkräfte
erschöpft, und sie kapitulieren vor der Übermacht der Ereignisse. Das Photo vom Parkett der New Yorker Stock Exchange zeigt
Händler und Besucher im Bannkreis des drohenden Absturzes. An diesem Tag verloren die Leitindizes an der Wall Street
rund vier Prozent.

Die Angst vor Rezession und Staatsbankrott hielt Investoren und Broker über Wochen in Atem. Dicht stehen sie
beieinander, aber nur die drei älteren Herren vorn rechts reden miteinander. Die anderen blicken stumm hinauf, jeder
für sich. Einige sind per Headphone oder Computer mit ihren Zentralen verbunden. Sie kennen einander seit langem,
dennoch arbeiten sie nebeneinander. Die laute Börsenzeit der Zurufe und Handzeichen ist weithin dem elektronischen Handel gewichen. Und dennoch zeichnet sich auf allen Gesichtern das gleiche Gefühl ab, jene sonderbare Mischung aus Besorgnis,
Ahnung, dezenter Entgeisterung und gespannter Ungewissheit. Keiner weiss, was in der nächsten Minute geschehen wird.

Bald wird der Kurssturz zur Entladung der Gefühle führen. Sie werden die Köpfe schütteln, die Beine von sich strecken, mit
den Händen das schwere Haupt abstützen oder sich den Mund zuhalten, weil es ihnen die Sprache verschlagen hat. Andere
werden sich resigniert auf den Sitzen zurücklehnen und die Hände hinter dem Kopf verschränken. Quer über den Erdball
löste der Kurssturz die gleichen Ausdrucksgebärden aus. Globalisierung heisst auch Synchronisierung der Körper und
Gemüter. Ob in Sydney, Singapur, Seoul oder São Paulo, angesichts fallender Kurse neigten Menschen den Nacken und verliessen
mit hängenden Schultern die Stätten der Depression.

Börsen sind nicht nur Foren von Angebot und Nachfrage, sondern auch soziale Schauplätze und Arenen der Seele. Gehandelt werden neben Wertpapieren, Optionen oder Devisen auch Erwartungen und Enttäuschungen, Gerüchte, Ahnungen und Stimmungen.
Bekanntlich werden Menschen auch bei wirtschaftlichen Angelegenheiten oft von Leidenschaften getrieben. Die Zeichen auf
der Tafel schlagen ihnen direkt aufs Gemüt. Aber der ökonomische Tausch wird auch begleitet von einem sozialen Austausch der
Emotionen. Käufer erwerben mit Zinsansprüchen oder Firmenbeteiligungen auch rosige Aussichten, freudvolle Hoffnungen oder beruhigende Sicherheiten. Verkäufer sind erleichtert, wenn sie mit den Papieren auch ihre Ängste, Sorgen und Enttäuschungen losgeworden sind. Bis sie das Geschäft abschliessen, beobachten sie jedoch alle an der Tafel das Barometer ihrer eigenen
Stimmungen. In den Kurven der Werte spiegelt sich die Kurve ihrer Affekte. Was ist die Kurstafel über ihren Köpfen anderes
als das Leitbild ihrer Gefühle, vor dem sie sich fortwährend selbst begegnen?

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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