Deutschland, aufwachen!

Der Photograph Jörn Vanhöfen

Deutschland, aufwachen!

Nebel, Nieselregen, Rauhreif. Himmel ohne Horizont, als sei ein blasses, graues Leinentuch im Hintergrund aufgespannt. Es scheint nur selten gutes Wetter zu herrschen, wenn Jörn Vanhöfen Deutschland photographiert. Und fast immer Stille. Sollte man sich Geräusche zu den Bildern vorstellen, dann wohl am passendsten das vereinzelte, melancholische Krächzen einer Krähe oder das metallene Pink-Pink einer Amsel, Vogelstimmen grossstädtischen Brachlands und kleinbürgerlicher Vorstadtidylle.

Menschen hat der Photograph nicht oft vor der Linse, wenn er für seine Reportagen und Photoessays durch Deutschland reist. Hin und wieder einen Rentner, der versonnen in die Ferne schaut, obwohl er nicht mehr zu erwarten scheint, dass sie etwas Neues bringen könnte. Einen Jungen, der einen Stein in den Fluss schlittern lässt. Oder einen Mann, der seinen Benzinrasenmäher über den Wiesenstreifen vor seinem Einfamilienhaus steuert. Wenn es Menschen auf den Photos gibt, dann gehen sie in sich versunken ihrer Beschäftigung nach und sind meist warm, regen- und winddicht angezogen. Die Aufnahmen sind weder gestellt noch das Ergebnis aufwendiger Installationen. Sie sind Momentaufnahmen eines Photographen, der damit auch seine Seelenlage ausdrückt.

Der 1961 im Ruhrgebiet geborene Jörn Vanhöfen ist mit seiner Wahl von Stimmung und Sujet keine Ausnahme unter seinen Kolleginnen und Kollegen. Die «Wiesbadener Fototage» stellten dieses Jahr «Deutschlandbilder» aus; wenn diese Bilder nicht gleichfalls menschenleer sind, dann zeigen sie etwa: einen dunkelhäutigen Asylanten im kalten Scheinwerferlicht; einen Rentner in Hosenträgern, der seine Freizeit der Pflege von Oldtimern widmet; einen bulligen Mann, Typ tätowierter Fernfahrer, mit einem Faible für Kleintierzucht. Oder einen Gartenzwerg. Auf den Reihenhäusern der Vorstädte lastet wieder der nasse Nebel. Nur auf wenigen Photographien lachen die Menschen und ist der Himmel blau. Deutschland: ein Land, in dem zwölf Monate lang November ist und das kleine Glück im Rückzug in die eigenen vier Wände liegt.

Das Publikum liebt die Bilder Vanhöfens, sein Photoband über die Elbe war bald ausverkauft, sein Galerist kann stolze Verkaufszahlen vorweisen. Das beliebteste Bild zeigt das Wrack eines grossen Dampfers, der so nah am Strand liegt, dass man fast meint, mit hochgekrempelten Hosen hinlaufen zu können. Rost zerfrisst den Rumpf, das hintere Viertel fehlt ganz, doch noch hält sich das Schiff, nur leicht zur Seite geneigt, aufrecht. Im Vordergrund brechen die Wellen am flach auslaufenden Strand, im Hintergrund deutet der Himmel eine leichte Morgenröte an. Fasziniert das Publikum die Romantik des Verfalls? Die Ästhetik des Vergänglichen? Das Abbild der eigenen Emotionen?

«Am Wasser stehen und warten, voll Sehnsucht und romantischer Gefühle», so umschreibt Jörn Vanhöfen die Befindlichkeit in Deutschland und die Stimmung seiner Bilder. «Deutschland hat den Wunsch, alles richtig zu machen. Das Bedürfnis, geliebt zu werden, ist gross. Doch all das schlägt ins Gegenteil um. Man will Gutes tun und tut doch Schlechtes.» Daher also fühlen sich die Deutschen von bröselnden Mauern, leerstehenden Fabrikhallen und ausrangierten Fahrzeugen ästhetisch angezogen? Vor allem dann, wenn noch eine kleine, gelbe Butterblume als Zeichen der Hoffnung, und der Unwirtlichkeit zum Trotz, aus den Ritzen spriesst?

Auf die gelbe Butterblume kommt es an. Auch wenn sie sich auf den Bildern von Jörn Vanhöfen so sicher nicht finden lässt. Die Photographien verheissen, auch ohne solchen Kitsch, im Zerfall den baldigen Aufbau, im Stillstand den nahenden Aufbruch, im Daniederliegenden das Neue. Das ist deutsche Dialektik. Die Bilder sind Aufzeichnungen des Übergangs, des Nicht-mehr-lange-so. Sie zeigen den Moment des Innehaltens vor dem Weitergehen und leisten sich den Luxus, noch ein wenig in der Wehmut des Abschieds verweilen zu dürfen. Jetzt muss sich nur noch der Nebel verziehen.

Jörn Vanhöfen wird von der Galerie Römerapotheke in Zürich vertreten (www.roemerapotheke.ch). Abbildungen seiner Photographien finden sich auf den Seiten 7, 16, 34, 35, 43, 51, 63 sowie auf dem Umschlag.

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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