Mythos Ungleichheit

Die Armut nimmt ab. Sowohl in der Schweiz als auch weltweit. Das kümmert Haushalte mit bescheidenen Einkommen wenig: für die Verbesserung ihrer Lage bleibt viel zu tun. Neue Steuern und zusätzliche -Umverteilung sind aber keine Lösung.

Mythos Ungleichheit
Marco Salvi, Bild: Avenir Suisse.

Es vergeht kaum eine Woche, in der in den hiesigen Medien nicht irgendwo über die materielle Ungleichheit und die vermeintlich «ungerechte Verteilung» des Reichtums lamentiert wird. Man könnte ob dieser Lektüre manchmal meinen, die Schweiz – eines der reichsten Länder der Welt – sei in Wirklichkeit ein tief gespaltenes Land, das zur einen Hälfte nur aus wohlstandsspeckigen «Superreichen» und zur anderen Hälfte aus ausgemergelten «Working Poor» bestehe. Gut also, dass man – um dem Phänomen auf den Grund zu gehen – nicht nur, passiv, auf Lektüre vertrauen muss. Die Schweizer Bevölkerung wurde in den letzten Jahren mannigfach zum Thema befragt, ja erhielt gar den Blankoscheck zur aktiven Veränderung des Ist-Zustandes, per Abstimmung. Was sagte der Schweizer selbst dazu?

Abschaffung der Pauschalbesteuerung? Zu 59 Prozent verworfen. Begrenzung der Lohnspanne im Betrieb auf das Verhältnis 1 zu 12? Von zwei Dritteln der Bevölkerung verweigert. Mindestlöhne bei 4000 Franken ansetzen? Abgelehnt zu 76 Prozent. Millionenerbschaften besteuern? 71 Prozent Nein. Wenn es um grosse Umverteilungsvorhaben der Politik geht, so scheint es, können die Schweizer ganz gut mit den gegenwärtigen Einkommens- und Vermögensdisparitäten leben. Und das tun sie auch tatsächlich – dies aus mindestens zwei wichtigen Gründen: Erstens leben sie in einem Land, das bereits sehr stark auf Gleichheit bedacht ist; zweitens gibt es immer grössere Zweifel daran, ob eine nationale, egalitäre Einkommensverteilung ein erstrebenswertes politisches oder gar moralisches Ziel an sich darstellt. Oder anders gesagt: die Mehrheit will wohl eine Ausrottung der Armut, aber keine Gleichheit um der Gleichheit willen.

Zweitens können die Schweizer mit den jetzigen Verhältnissen gut leben, weil die materielle Gleichheit in den letzten Jahren zugenommen hat. Sowohl Avenir Suisse als auch die BAK Basel haben die bestehenden Zahlen zur Einkommensverteilung in der Schweiz in Berichten zerpflückt.1 Ob Gini-Koeffizient, Theil-Index oder Variationskoeffizient, sämtliche gängigen Kennzahlen zur Einkommensungleichheit sind seit 2009 rückläufig: Die Finanzkrise hat bei den Topeinkommen deutliche Spuren hinterlassen. Tieflohnbezieher haben hingegen auch während der Krise weiterhin von Verbesserungen profitiert. So nahm die Armutsquote (der Anteil der Bevölkerung, der unter dem sozialen Existenzminimum von 2200 Franken pro Person und Monat lebt) seit 2007 um 1,6 Prozentpunkte ab und liegt neu bei 7,7 Prozent. Diese Kennzahl unterschätzt zudem zahlreiche Fortschritte. Die Alterung der Gesellschaft generiert einkommensarme, aber vermögensreiche Rentnerinnen und Rentner. Einige fallen zwar technisch unter die Armutsgrenze, doch haben sie häufig keine materiellen Entbehrungen zu befürchten, da sie auf Erspartes zurückgreifen können. Auch im internationalen Vergleich gehört die Schweiz zu den Ländern mit relativ geringen Einkommensunterschieden. Bereits die drei grossen Nachbarn der Schweiz weisen merklich grössere ökonomische Ungleichheiten auf.

 

Auf die Einkommensmobilität kommt es an

Verteilungspolitische Entwarnung geben auch neue ökonomische Studien zur Einkommensmobilität. Diese ist empirisch schwieriger zu fassen, die wenigen vorhandenen Daten deuten aber darauf hin, dass die Schweizer Gesellschaft mindestens so durchlässig ist wie bei den europäischen Nachbarn. Deshalb birgt eine vielbeachtete Publikation des Institute for Fiscal Studies (IFS) in London auch für die hiesige Debatte nützliche Einsichten.2 Nach einer Untersuchung der Erwerbs- und Einkommensbiographie der Baby-Boom-Generation in Grossbritannien kommen die Autoren zum Schluss, dass sogar jene Haushalte, die aus der Sicht des kumulierten Lebenseinkommens zu den ärmsten 10 Prozent gehören, nur rund ein Fünftel ihrer Lebenszeit im untersten Einkommensdezil verbringen. Aus einer Lebensperspektive betrachtet verbringen die ärmeren Personen fast 80 Prozent ihres Lebens ausserhalb der tiefsten Einkommensklasse. Auch die Reichen bleiben nicht immer reich: Die zehn Prozent mit den höchsten Lebenseinkommen gehören nur einen Drittel ihrer Lebenszeit zu den 10 Prozent mit den höchsten Einkommen, was man wohl als Paradox des «armen Studenten» bezeichnen könnte. Demnach überzeichnet die übliche statische Betrachtung der Einkommensverteilung das Ungleichheitsbild.

Wenn wir uns von Westeuropa wegbewegen, ist bittere Armut…