Eine Ära der Deflation ist unabwendbar

Eine Ära der Deflation
ist unabwendbar

 

Steuern wir auf eine Inflation zu oder heisst das Schreckgespenst vielmehr Deflation? Die Deflation sei nicht zu fürchten, sondern letztlich unausweichlich, schreibt der erfolgreiche Unternehmer Jeff Booth. Der Kanadier hat 1999 Build Direct mitgegründet, einen Online-Marktplatz für Heimwerkerprodukte wie Badezimmerkacheln oder Küchenböden, eine Art Amazon für Baubedarf. Seine Kernthese lautet: Technologie ist deflationär. Ein Beispiel dafür sind Smartphones, die heute bereits für unter 100 Franken zu haben sind, jedoch sehr viel mehr können als die viel teureren Smartphones vor 5 oder vor 10 Jahren. Wer schon mal eine Harddisk gekauft hat, versteht, um was es geht: Für den Preis, den man damals für ein Megabyte Speicherplatz bezahlt hat, erhält man heute ein Terabyte. Und weil Technologie mehr und mehr Bereiche unseres Lebens einnimmt, ist ein neues Zeitalter der Deflation, wie wir es noch nicht gesehen haben, unvermeidbar.

Für fallende Preise jedoch sind grosse Teile der bisherigen Industrien nicht gerüstet. Sie wurden gegründet in einer Zeit von Wachstum und Inflation, in der Arbeit und Kapital untrennbar miteinander verbunden waren. Ihr Geld verdienten sie bisher mit Knappheit und Ineffizienz. Doch das ist kaum zu halten: Es kommt der Tag, an dem selbst die Unmengen von verschifften Containern mit Billigware obsolet werden, weil man das, was man braucht, vor Ort drucken kann (Print on Demand).

Um weiterhin Geld verdienen zu können, benötigen die alten Industrien Wachstum: mehr Güter, neue Märkte, mehr Absatz. Um dieses Wachstum zu erhalten, müssen immer mehr Schulden auf­genommen werden – ein Weg, der erst endet, wenn die Erkenntnis reift, dass die Kredite niemals zurückbezahlt werden. Ein System funktioniert ja nur auf der Grundlage des Vertrauens darauf, dass Schuldner – egal, ob es sich um eine Person, ein Unternehmen oder eine Regierung handelt – die Schuld tatsächlich auch zurückzahlen. Fehlt das Vertrauen, fällt das System.

Dass viele Geschäftsmodelle, die lange hervorragend funktionierten, bald endgültig scheitern werden und auch das von den Zentralbanken immer inflationärer ausgerichtete Fiat-Geldsystem nicht mehr passt zu einer Ära der Deflation, ist absehbar. Dadurch seien Vermögenswerte wie Immo­bilien und Aktien zuletzt weit über ihren tatsächlichen Wert hinausgewachsen, schreibt Booth und findet, ihre Besitzer sollten ehrlich sein: Ein Grossteil des Reichtums und der Privilegien, die sie genössen, resultierten nicht aus Einfallsreichtum oder harter Arbeit, sondern eben aus der Gelddruckerei. Menschen ohne solches Vermögen dagegen sähen sich gefangen in einer sich immer schneller drehenden Tretmühle, mit der sie kaum noch Schritt halten könnten.

Booth versteht sich als Anhänger eines Kapitalismus, in dem der freie Markt der ultimative Schiedsrichter ist und in dem das Risiko belohnt und bestraft wird. Ein Markt hingegen, in den die Regierung eingreife, um zu entscheiden, wer gewinne oder verliere, sei nichts anderes als Vetternwirtschaft (Crony Capitalism). Darin resultiert Reichtum nicht durch erschaffene Werte und eingegangene Risiken, sondern durch ein politisches System, das seine Insider belohnt.


Jeff Booth: The Price of Tomorrow.Why Deflation Is the Key to an Abundant Future. Vancouver: Stanley Press, 2020, englisch

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»