Fürchtet euch nicht!

Robotik-Pionier Rolf Pfeifer baut Automaten, die lächeln, mitdenken und Persönlichkeit entwickeln. Können künstlich intelligente Maschinen natürlichen Menschen zu mehr Autonomie verhelfen?

Fürchtet euch nicht!
Rolf Pfeifer und Roboy, photographiert von Ethan Oelman.

Herr Pfeifer, auf der Vorderseite Ihrer Visitenkarte ist ein niedlicher Roboter zu sehen, der einen mit «Hello. My name is roboy» begrüsst. Zwei Dinge daran irritieren: Ihr Name und Ihre Profession tauchen erst auf der Rückseite auf. Und: das niedliche Gerät auf der Frontseite passt so gar nicht zum Klischee des kühl kalkulierenden Robotik-Professors. Wir nehmen an, das ist gewollt?

Oh ja. Und zwar aus folgendem Grund: Mir ist es wichtig, auch den interessierten Laien ein komplexes Gebiet wie die Robotik so zu erklären, dass es für sie verständlich und anschaulich ist. Schon eine Visitenkarte kann dazu beitragen. Dass Roboy niedlich ist, haben nun Sie gesagt. Und damit meine Erwartungen bestätigt.

Es bleibt aber auch mit hübschem Gesicht ein «totes» Gerät aus Plastik und Metall. Doch zugestanden, sein Antlitz ist vertrauenswürdiger als das eines Industrieroboters am Fliessband.  

Roboy unterscheidet neben dem Gesicht von diesen Industrierobotern, dass er sehnengesteuert ist. Normale Roboter haben die Motoren in den Gelenken, unser Roboter aber hat Sehnen und Muskeln. Damit wurde Roboy Botschafter einer neuen Generation von Robotern: freundlich und sehnengesteuert – beides macht ihn menschenähnlicher.

Mit Verlaub: Das menschliche Äussere ist klar als Hülle erkennbar. Wir sind, Sie merken es, eher misstrauisch.

Damit passt Ihre Regung zu den Ergebnissen aktueller Studien. Am besten fühlt man sich, wenn klar ersichtlich ist, dass es sich um einen Roboter handelt, unabhängig davon, ob diese Maschine menschliche Züge trägt. Es gibt die Hypothese des «Uncanny Valley», des unheimlichen Tals: Wenn die Roboter klar als solche erkennbar sind, ist die Akzeptanz gross. Wenn sie menschenähnlicher werden, fällt die emotionale Reaktion zunehmend negativ aus, und wenn die Roboter vollwertig menschlich wären, wie beispielsweise im Film «Blade Runner», dann ist auch alles wieder in Ordnung. Über diese Hypothese gibt es allerdings noch wenig empirische Untersuchungen.

Es gibt ja auch noch keine Roboter, die so menschenähnlich sind, dass sie nicht mehr als Maschinen erkennbar sind.

Nein, aber die Entwicklung geht in diese Richtung. Mein Kollege Hiroshi Ishiguro von der Osaka University hat einen Klon von sich selbst gebaut. Als wir hier in Zürich auf unserer Robotertour auftraten, schickte Ishiguro seinen Klon. So musste er selbst nicht reisen. Und die neueren Kreationen von Ishiguro sind immer schwieriger vom menschlichen Original zu unterscheiden. Wenn man mit diesen Dingen interagiert, entsteht ein sehr komisches Gefühl.

Bei Ishiguro war es offenbar die Reisefaulheit – aber wie kamen Sie dazu, intelligente Maschinen zu bauen?

Das war ein langer Weg. In den 1960ern und 1970ern gab es an der ETH Zürich und der Universität die Möglichkeit, Seminare nach dem Bottom-up-Prinzip durchzuführen. Ich hatte damals gerade mein Physikdiplom abgeschlossen und begann, als Systemingenieur für IBM zu arbeiten. Im Zuge der Studentenbewegung habe ich dann mit Kollegen ein Seminar über Kybernetik organisiert: Selbstorganisation, komplexe Systeme, verteilte Steuerung etc. Wir luden bekannte Leute ein, die in ihren Fachbereichen kybernetische Prinzipien anwendeten. Einer von ihnen war Ulrich Moser, ein klinischer Psychologe der Universität Zürich. Er sprach über Computersimulationen von neurotischen Abwehrprozessen. Ich verstand kein Wort, traf mich aber danach mit ihm zum Kaffee. Moser erzählte mir, dass er mittels Computer Träume simulieren wolle. Er fragte, ob ich ihm helfen könne. Meine Kenntnisse beschränkten sich auf Computersimulationen der Neutronenphysik. Von Psychologie hatte ich keine Ahnung. Das war Moser egal – Simulation sei Simulation, meinte er. Er offerierte mir eine Stelle, ich nahm sie an. Ein Kollege von Moser arbeitete mit den Methoden künstlicher Intelligenz; das war quasi mein Einfallstor in den Forschungsbereich der künstlichen Intelligenz.

Künstliche Intelligenz, was hiess das damals?

Es gab die klassische Sichtweise, Intelligenz als Algorithmus, als eine Art immer wieder ablaufendes Computerprogramm zu verstehen. Wir merkten dann…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»