ICH – jetzt noch besser

Dank technologischem Fortschritt werden wir präziser, schneller, grossartiger. Wir glauben, wir bewegten uns durch die digitale Welt wie die Eingeborenen durch den Dschungel. Aber liegen wir richtig?

ICH – jetzt noch besser
Miriam Meckel, photographiert von Claude Stahel.

Vor einhundert Jahren wurde der Mensch zum Tier. Die Abhängigkeiten der engen sozialen Bindungen, der wirtschaftlichen Notlagen und alltäglichen Verrichtungen, die den Menschen wie in einem durch ein Präzisionsuhrwerk angetriebenen Hamsterrad laufen liessen, sollten in einer Nacht metaphorisch gelöst werden. Durch evolutionäre Regression. Durch die schiere physische Unmöglichkeit, überhaupt noch die Wohnung zu verlassen. Denn als der Mensch «eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt». Der Mensch in Franz Kafkas «Verwandlung» überlebt das nicht. Er stirbt an den Folgen von Selbstverleugnung, Realitätsverdrängung, der schieren Hilflosigkeit gegenüber einer Umgebung, die ihn ausgeschlossen hat. In einer spiessigen, auf reines Funktionieren ausgerichteten Umwelt geht das Menschenherz an emotionaler Verarmung ein. Der Käferpanzer hilft da nicht.

Einhundert Jahre später warten wir auf die nächste Verwandlung. Sie kommt nicht über Nacht. Sie macht uns nicht unbeweglich, sondern immer mobiler. Nicht einsam werden wir, sondern verbunden mit Millionen anderen, die dieselbe Verwandlung durchlaufen. Sie ist uns äusserlich nicht anzusehen. Und sie geschieht nicht durch evolutionäre Regression, sondern durch technologische Progression. Wir werden präziser, schneller, besser. Eines Morgens werden wir aus unseren Träumen vom besseren Selbst nicht mehr erwachen, denn es gibt keine Grenze mehr zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Sollen und Sein. Wir sind das bessere Selbst. Dieses Mal überleben wir das natürlich, denn wir überleben uns selbst in unseren physischen und psychischen Begrenzungen.

Es ist eine Metamorphose in drei Akten, die sich derzeit vor unseren Augen vollzieht und uns mitreisst, den Menschen herausreisst aus seinen verhassten Begrenzungen im Wollen, im Wissen und in seiner ganzen Existenz. Und sie läuft auf nichts weniger hinaus als auf die Überwindung der letzten humanen Grenze der individuellen Endlichkeit.

Was will ich?

Den ersten Akt haben wir in Teilen schon hinter uns. Er spielt auf der glatten Bühne des Mobiltelefons, das zum Smartphone wurde, auf den spiegelnden Flächen der Tabletcomputer, auf denen wir uns zunächst vorsichtig tastend zurechtfinden mussten, um uns schliesslich frei und flexibel auf ihnen zu bewegen. So flexibel, dass es immer schwerer wurde, den Vorhang zwischen die bunte Welt der Vernetzung und unser manchmal graues Alltagsleben zu ziehen.

Auf der Bühne der digitalisierten Mobilkommunikation schien es so leicht, sich selbst zu inszenieren. Das kleine Gerät in unseren Händen versorgte uns mit tausendfachen neuen Möglichkeiten der symbolischen Interaktion: Ich maile, also bin ich. Ich bin erreichbar, also bin ich wichtig. Ich bin immer «on» oder im «Standby», also bin ich angekommen bei mir selbst als dem Prachtexemplar eines vernetzten Neonomaden der digitalen Globalisierung.

Irgendwann wurde aus der Faszination ein Fetisch, aus der Vernetzung die Verfolgung durch unerledigte Anfragen. Wir haben begonnen, das Telefon wie eine Waffe mit uns herumzutragen, gerichtet auf alle, die eine Frage an uns haben, immer bereit zum Abschuss einer neuen Nachricht. Und dabei haben wir vergessen, dass eine Seite des Geräts immer auf uns selbst gerichtet ist, manchmal auch gegen uns selbst. Wir haben neu lernen müssen zu fragen: Was will ich? Was macht die modernen Kommunikationstechnologien zu einer Hilfe statt einem Hindernis auf einem autonomen und authentischen Lebensweg?

Die Antwort verbirgt sich zuallererst hinter dem Ausknopf. Man kann ihn betätigen. Er hat Folgen. Zum Beispiel die einer Besinnung auf Momente des realen Erlebens, einer Konzentration auf das Gegenüber (das häufig selbst eher vom Gerät in der Hand als dem Gesprächspartner am Tisch eingenommen ist), eines Augenblicks geistiger Befreiung von allen äusserlichen Anforderungen, der Raum und Zeit für Musse schafft. Wir haben auch neu lernen müssen, dass Musse nicht Faulheit ist, sondern Voraussetzung für Kontemplation und Kreativität. In Analogie zu Charles Baudelaire: Le portable dévore le temps. Et «le temps mange la vie» – das Mobiltelefon frisst Zeit. Und die Zeit verschlingt das Leben.

Den exzessiven Schaustellern der eigenen Bedeutsamkeit hilft all das wenig. Sie rotieren weiter auf der Bühne der digitalen mobilen Alltagsinszenierung. Und wenn nichts mehr geht, laden sie sich eine App herunter, die das Gerät für eine selbst zu bestimmende Zeit ausser Funktion setzt, Apps, die uns mit Namen wie «Macfreedom» vor Augen führen, dass die Freiheit auch nicht mehr ist als ein digitaler Zustand zwischen «an» und «aus». Der Käfer strampelt, aber er bleibt ein Käfer.

Umsichtigere Transformisten unserer Zeit haben verstanden, dass das gute digitale Leben mehr beinhaltet als eine binäre Entscheidung zwischen «on» und «off». Es bedarf in der vernetzten Welt ebenfalls sozialer Umgangsformen, die über die allumfassende Eingangsfragen «Wo bist du gerade?», «Was machst du gerade?», «Störe ich?» hinausreichen. Es ist im digitalen Umgang miteinander sogar besonders wichtig, sich selbst als einen gestaltenden Teil einer wechselseitigen Be- oder Entlastung zu sehen, deren Balance sich aus den Antworten auf diese Fragen ergibt: Was will ich mit meiner Information erreichen? Was kann der andere damit anfangen? Was erwarte ich von ihm, und was darf er von mir erwarten? Die Antworten öffnen einen Pfad, auf dem aus Information Kommunikation, aus dem Aufeinandereinsenden ein Gespräch entstehen kann.

Was weiss ich?

Der zweite Akt unserer Verwandlung vollzieht sich nicht mehr auf einer Bühne. Er vollzieht sich in den Hinterstübchen der Digitalisierung, die sich unserer Beobachtung entziehen, also unsichtbar sind. Doch das Wort Hinterstübchen führt in die Irre. Es sind vielmehr die Schaltzentralen der neu entstehenden digitalen Infrastruktur unseres Lebens, in denen an der Metamorphose des Menschen gearbeitet wird. Die meisten sind im Silicon Valley angesiedelt, in den Räumen von Google, Facebook, Amazon und Co.

Dort schreiben die Regisseure unseres digitalen Lebens an der Neuauflage des Gegenwartstheaters, in einer Sprache, die viele Menschen nicht verstehen. Auf den Hinterbühnen der digitalen Displays entstehen aus Codes die Algorithmen, die unsere Präferenzen analysieren und beschreiben, unser Verhalten in Gegenwart und Zukunft.

War es soeben noch ein Akt der Selbstbestimmung zu fragen, was will ich, und auf diese Frage eigenständig zu antworten, so wird das nun schwieriger. Wenn wir nicht sehen können, was auf den Hinterbühnen gespielt wird, dort, wo die Algorithmen von Google und Co. als wertvollste Geschäftsgeheimnisse der digitalen Wirtschaft gehütet werden, dann fällt auch die Antwort auf die Frage «Was weiss ich?» schwer. Ich weiss, dass ich nicht weiss, wie die Selektionen und Präferenzen, die Analysen und Vorhersagen im Netz für mich vorgenommen werden. Ich weiss, es geschieht, aber ich weiss nicht wie.

Gehört es nicht zu den elementarsten Voraussetzungen eines autonomen und authentischen Lebens zu verstehen, welchen Bedingungen und Gesetzmässigkeiten es unterworfen ist? Es gehört zu unserer Verwandlung im Guten, dass wir verstehen, wie das personalisierte Internet funktioniert, dass es uns die Informationen und Produkte anbietet, die wir immer schon gesucht und gemocht haben. Dass wir uns aktiv darum bemühen müssen, der Überraschung und dem Zufall auch den Weg ins Netz zu bahnen, um beiden noch online begegnen zu können. Indem wir zum Beispiel alternative Suchmaschinen nutzen, indem wir unsere Privacy Settings bei Facebook regelmässig kontrollieren, indem wir über das TOR-Netzwerk browsen, um uns in unserer Suche unsichtbar für die zu machen, die glauben, alles Leben müsse heute eine transparente Bühne sein.

Tun wir das nicht, bleiben wir ahnungslos. Wir glauben, wir bewegten uns durch die digitale Welt wie die Eingeborenen durch den Dschungel. Aber so ist es nicht. Wir werden, gefangen in den Standardeinstellungen anderer, im «Default»-Modus, zu digitalen Käfern unserer selbst. Wir werden zu den «Software Bugs», die wir unwissend ins Betriebssystem unseres Lebens haben krabbeln lassen und die langsam alles fressen, was nicht mathematisch fassbar und nicht nach der Logik des Digitalen funktionalisierbar ist.

Der Käfer kriecht vermeintlich frei her­­um, aber er bewegt sich in einem unsicht­baren Glasgehäuse, das sich immer mitverschiebt, wohin es auch geht. Raus geht es nie.

Was bin ich?

Im dritten Akt unserer Verwandlung schauen wir uns selbst beim Verschwinden zu. Die Bühne scheint leer, und doch sind wir da. Wir bewegen uns auf ihr für uns selbst und einander unsichtbar als die neuen Menschen des informatischen Zeitalters, eingebettet in den unendlichen virtuellen Raum, schwebend in der Systemzeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins geworden sind.

Es braucht keinen Uri Geller, um uns auf die Anforderungen dieser Zeit hin zu verbiegen, und es braucht keinen Harry Houdini, um uns von den Fesseln unserer physischen Existenz zu befreien. Allein unsere eigenen Gedanken reichen aus. Das Streben nach dem höheren, weiteren, besseren Ich, das in der Selbstoptimierung durch digitale Technologien endlich seinen angemessenen und effektiven Resonanzraum findet.

Die Optimierung des Menschen – «Self Enhancement» genannt – ist die dritte Stufe der menschlichen Verwandlung. Es beginnt mit einem kleinen Armreif, der alles dokumentiert, was wir tun. Heute habe ich 8736 Schritte getan, ich bin 928 Stufen gestiegen und habe dabei 1459 Kalorien verbraucht. Zu wenig, denn ich habe 1845 zu mir genommen! Ich habe 6 Stunden und 32 Minuten geschlafen, davon 84 Minuten im Tiefschlaf, und bin zwölfmal aufgewacht. Ich habe im Auto auf dem Weg in die Stadt dreimal scharf gebremst. Das muss besser werden. Ich muss besser werden.

Im «Self Tracking» liegt das Glück der umfassenden Selbstkontrolle und -diszi­plinierung des «mathematischen Menschen», wie Robert Musil ihn bereits 1913 in einem gleichnamigen Essay entworfen hat als Analogie «für den geistigen Menschen, der kommen wird». Der mathematische oder informatische Mensch ist eine Funktion aus Problem und Problemlösung durch technologischen Fortschritt. Er kennt keine Krankheit, sondern nur Dysfunktionen seines physischen Apparats, keine körperlichen Grenzen, sondern nur Schwellen auf dem Weg zu einer besseren physischen Leistungsfähigkeit. Er ist nicht müde oder unkonzentriert, sondern schlecht eingestellt in seinem «Neuroenhancement». 50 mg Ritalin über den Tag verteilt, sie lösen das Problem auf.

Das datengetriebene und technologisch angereicherte Leben der Zukunft ähnelt dem digitalen Code: ich bin 0 oder 1, gut oder schlecht. «Alles auf der Welt ist entweder drinnen oder draussen», sagt der US-Schriftsteller Don DeLillo und beschreibt so prognostisch die digitale Zukunft. In der sind wir immer drinnen, denn das Netz mit seinen digitalen Technologien ist in uns hineingewandert, vom Tracking-Armreif über den RFID-Chip unter der Haut bis zum Hirnimplantat.

Wir telefonieren nicht mehr, sondern teleportieren Gedanken. Wir erfahren nicht mehr, sondern laden Erlebnisse aus den eigenen Ego-Speichern oder denen der anderen hoch. Wir posten unsere täglichen Lebensdaten im globalen Netzwerk und werden automatisch nach den neu entwickelten Algorithmen der «World of Selfcraft» auf das Siegertreppchen der Leistungsträger gehoben. Unsere Passwörter für die anstehenden 24 Stunden sendet eine Pille, die wir geschluckt haben, aus unserem Innersten an die Aussenwelt, der Minicomputer im linken hinteren Backenzahn mobilisiert einen mechanischen Schliessmechanismus unserer Kieferknochen, gegen den wir alleine nicht mehr andenken können, um dem süssen Keks im Anmarsch den Weg zu versperren.

Wir sind gut. Wir sind besser. Wir sind grossartig. Wir sind die, von denen wir selbst immer geträumt haben. Wir sind unmenschlich gut. Die Besten in unserem Leben. Wo findet das noch statt? Es wird zum Aktivitätslevel unseres perfektionierten biopsychologischen Mechanismus, ein Moment, in dem wir so sind, um dann wieder anders zu werden. Ich – jetzt noch besser.

Wenn alles sich immer ändert, wer sind wir dann? Unsere Identität wird fliessend. Sie wird zur «most valuable commodity», wie es Eric Schmidt und Jared Cohen von Google in ihrem Buch über «Die Vernetzung der Welt» beschreiben. Ein handelbares Gut, das sich aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage bildet. Ich bin auf dem Markt der Optimierungsoptionen. Und ich bin Marktführer. Oder ich bin nichts mehr.

Und der letzte Akt? Der entfällt…

Als besseres Selbst sind wir auf dem Weg zu einem Grad der Autonomie, wie wir ihn nie zuvor gekannt haben. Befreit von den Grenzen unseres Körpers, unseres Geistes, bereinigt von allen störenden Affekten. Wir überschreiten unsere Grenzen. Wir wachsen über uns selbst hinaus. Auch über die Idee eines authentischen Lebens.

Authentizität hat ausgedient. In Zeiten der allumfassenden Optimierung ist nichts mehr echt, sondern immer nur der Entwurf einer Zwischenstufe auf dem Weg zu Besserem, eine Abfolge von Updates und Upgrades. Wir sind nie mehr Original, sondern immer nur die interimistische schlechte Kopie dessen, was möglich ist. Als permanente Betaversion des Menschen unterliegen wir der Überprüfung und Bereinigung des Selbst durch uns und andere.

Sind wir dann noch Teil unserer überlieferten Ichs? Oder nur ein Kategorienfehler in der Evolution des Technohumanismus? Entscheiden wir noch, was mit uns geschieht, was wir wollen oder nicht? Müssen wir das noch entscheiden, wenn der Mensch in seinen umfassenden Optimierungs- und Erweiterungsmöglichkeiten durch die Biotechnologie, die Genetik und Informatik am Ende nie mehr am Ende ist?

Vielleicht sind wir dann Menschmaschinen, unterworfen den Gesetzmässigkeiten der totalen Digitalisierung und Vernetzung. In jedem Fall sind wir andere. Denn wo die Grenze fehlt, endet auch das Denken im Raum zwischen Anfang und Ende. Wir implodieren in den Möglichkeiten der Grenzenlosigkeit.

Philosophieren heisst sterben lernen, einen versöhnlichen Umgang zu pflegen mit der eigenen Endlichkeit, das wissen wir seit Platon. Und in der Differenz zwischen Anfang und Ende, zwischen Möglichem und Unmöglichem, zwischen Hier und Dort, Jetzt und Gleich, Ich und Du liegt alles menschliche Denken und Gestalten. Die Maschine wird nie die Sinnfrage stellen, weil die Frage an sich für sie sinnlos ist. Die Maschine funktioniert, sogar ganz sinnfrei. Der Mensch kann die Sinnfrage stellen. Und er kann leben, ohne zu funktionieren, sogar ganz ohne Zweck. Er ist sich selbst Zweck. War es jedenfalls, bis jetzt.

«Wir sehnen uns nach Fortschritt, weil er in einer Welt der Evolution die besten Aussichten bietet, die Arroganz beizubehalten», schreibt der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould in seinem Buch «Illusion Fortschritt». Es gibt eine Arroganz gegenüber den Grenzen des menschlichen Körpers und Geistes, eine Arroganz in der Ignoranz des Humanen durch den Menschen, die ihm gefährlich werden kann.

Wohin das führt, lehrt uns die «Verwandlung» des vorigen Jahrhunderts. Die Familie Samsa hat sich soeben des ausgetrockneten starren Käferkörpers entledigt, der einmal ihr Sohn Gregor war. Für den Neuanfang gehören die Überreste des Subjekts besinnungslos weggeschafft. Im Gefühl der «Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten» machen sie sich auf den Weg in ein neues Leben. Auf der Strecke bleibt die menschliche Würde.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»