Ein 100-Kilometer-Lauf hat mich gelehrt, dass das Streben nach Aussergewöhnlichem nichts Aussergewöhnliches ist
In vielen Menschen steckt mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Eindrücke von einem Volkslauf der etwas anderen Art.
Diesen Monat habe ich zum ersten Mal den 100-Kilometer-Lauf von Biel absolviert. Die «Nacht der Nächte» beginnt traditionell um 22 Uhr und findet bereits seit 1959 statt. Durch zwei Kantone und 20 Gemeinden führt die Strecke über sanft hügeliges Terrain. Die schnellsten Läufer legen sie in grob sechseinhalb Stunden zurück, die langsamsten benötigen 21.
Selbstberichte von Ultraläufern handeln oft von mentalen und körperlichen Ausnahmezuständen, von Euphorie, Flow-Erfahrungen, Schmerzen. Der Bestsellerautor und Extremläufer Haruki Murakami beschreibt in seinem Buch «Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede», wie er bei einem 100-Kilometer-Lauf einen «Zustand der Meditation» erreicht, ja «fast in einen metaphysischen Bereich» gelangt.
Ich persönlich habe beim 100er keinerlei metaphysische Erfahrungen gemacht. Mein Körper tuckerte unspektakulär dahin wie eine gut geölte Maschine. Gedanken und Gefühle blieben völlig klar und ruhig. Weder erlebte ich ekstatische Flows noch geriet ich in ein Tief, aus dem ich mich heroisch hätte herausarbeiten müssen. Am stärksten in Erinnerung bleiben wird mir der Bieler Lauf nicht als disruptives mentales, sondern als beglückendes soziales Ereignis.
Das Klischee will es, dass Läufe dieser Art etwas für narzisstische Highperformer und Ausnahmeathleten sind. Mithin für eine entrückte, statusfixierte Elite, die wie der Kapitalismus nach grenzenlosem Wachstum strebt. Doch weit gefehlt. Der Bieler 100er ist ein Volkslauf im besten Sinne und nur durch lokal verankerte Freiwilligenarbeit möglich. Das Teilnehmerfeld ist maximal divers. Junge und Alte, Spitzenläufer und wagemutige Hobbysportler treffen aufeinander. Auch das Militär läuft respektive marschiert mit Patrouillen und Stafetten mit. Ausgerechnet im roten Biel! Aus demokratiepolitischer Sicht ist dieses selbstverständliche Miteinander begrüssenswert. Berufsarmeen, die sich von der Bevölkerung abnabeln, sind gefährlich.
«Das Teilnehmerfeld ist maximal divers. Junge und Alte, Spitzenläufer und wagemutige Hobbysportler treffen aufeinander.»
Beim Bieler 100er gibt es kein Preisgeld. Wer mitmacht, tut es um der Sache selbst willen. Früher, als ein Zeitlimit von 24 statt 21 Stunden galt, spazierten zahlreiche Teilnehmer die Strecke gemütlich durch, ohne spezifisch trainiert zu haben. Sie plauderten und tranken zwischendurch ein Bier. Bluteten die Füsse, holte sie ein Militärlaster ab. Auch 2026 begegnet man diesem nonchalanten Typus Läufer noch. In den Achtzigerjahren nahmen bis zu 4500 am 100er teil. 2026 meldeten sich knapp 1400 an – krassere, exotischere Ultras liegen im Trend.
Grenzgänge sind nichts Elitäres
Auf der Strecke wurde mir mehrmals klar, wie wenig man von der äusseren Erscheinung auf die Leistungsfähigkeit des Körpers schliessen kann. An einem Verpflegungsposten unterhielt ich mich mit einem Herrn aus der Altersklasse Ü65. Er hatte weder Proviant noch eine Wasserflasche dabei – und kam ein paar Stunden vor mir ins Ziel, genauso wie übergewichtige ältere Damen, zierliche junge Frauen oder jener ältere Mann mit der stark verkrümmten Wirbelsäule, mit dem ich mich bei Kilometer 96 austauschte. Ihm falle das Gehen schwer, sagte er, fast entschuldigend, deshalb müsse er laufen – schwankend zog er an mir, dem gerade gewachsenen, muskulösen Mittvierziger, vorbei und war rasch ausser Sicht.
So zeugt der Bieler 100er davon, dass das Streben nach Aussergewöhnlichem nichts Aussergewöhnliches ist, dass in vielen Menschen mehr steckt, als viele andere denken, dass die Lust an Leistung und Grenzgängen nichts Elitäres sein muss und dass es nicht zuletzt möglich ist, sogar extreme sportliche Herausforderungen in unaufgeregte, sozial durchmischte Ereignisse zu verwandeln.