Der Welt beim  Wachsen zuhören
Pascal Finette, zvg.

Der Welt beim
Wachsen zuhören

In der Futuristik geht es nicht um den Blick in die Glaskugel, sondern um die Früherkennung des Wandels. Grosse Erfindungen gedeihen nur auf fruchtbarem Boden.

 

1993 stellte der legendäre Science-Fiction-Autor William Gibson fest: «Die Zukunft ist bereits da – sie ist nur nicht sehr gleichmässig verteilt.» In diesem einzigen Satz liegt die Grundwahrheit für jeden Futuristen. Das Handwerk, die Wissenschaft und die Kunst der Menschen, die versuchen, die Zukunft vorherzusagen, besteht darin, das zu erkennen, was zweieinhalb Jahrzehnte später die Futuristin Amy Webb beschrieb als «schwachen Signalen beim Sprechen zuhören». Es geht nicht darum, in die sprichwörtliche Glaskugel zu schauen, sondern die Welt um uns herum genau zu beobachten und von hier aus zu extrapolieren.

«Schwache Signale» erkennen

Schwache Signale sind frühe, grobe und oft zutiefst enttäuschende erste Anzeichen für eine Technologie oder einen Trend. Ich erinnere mich lebhaft an mein erstes Virtual-Reality-Spiel in einer Spielhalle Anfang der 90er Jahre. Beim dreiminütigen Spielen wurde mir übel und ich bekam starke Kopfschmerzen. Oder Googles übertriebener Versuch, die Realität mit Google Glass zu erweitern – ich habe bei Google gearbeitet, als das Produkt für vernichtende Kritiken veröffentlicht wurde. Jedes Elektroauto vor dem Tesla Modell S, die Anfänge des Internets, Solarzellenplatten, Gensequenzierung und -bearbeitung, künstliche Intelligenz, der PC, Smartphones, Handy-Apps, soziale Netzwerke, die Liste geht weiter und weiter – und ihre Gemeinsamkeit: Sie waren alle mal schwache Signale, die in ihrer Anfangszeit nicht so aussahen wie die Gamechanger, zu denen sie sich entwickelt haben.

Wir leben in exponentiellen Zeiten. Der Futurist Ray Kurzweil errechnete einmal, dass die Veränderungen, die wir in den nächsten 100 Jahren sehen werden, den Veränderungen der letzten 20 000 Jahre entsprechen. Die Vorhersage der Zukunft wird wichtiger, aber auch schwieriger.

Schauen wir zur Illustration kurz in die Vergangenheit. In der Welt von gestern dauerte es Jahrzehnte, bis neue Technologien die Massenanwendung und damit den Wendepunkt erreichten, an dem sie die Industrien neu definieren. Erfinder, Wirtschaftsführer und ihre Organisationen mussten ein Mehrgenerationenspiel spielen: Es dauerte 50 Jahre, bis das Telefon das übliche Kommunikationsmittel wurde, 48 Jahre, bis die Elektrizität die Welt veränderte, 39 Jahre, bis das Auto das vorherrschende Transportmittel wurde (was im Vergleich zu den 70 Jahren, die die Eisenbahn dafür brauchte, sehr schnell ist). Die Innovation zwischen diesen epochalen Veränderungen konzentrierte sich auf das Produkt- und Dienstleistungsniveau.

Heute, aufgrund des sich massiv beschleunigenden Tempos der Veränderungen, ist dies nicht mehr der Fall. Industrien werden geboren oder innerhalb der Amtszeit einer Führungspersönlichkeit auf den Kopf gestellt: Es dauerte nur 13 Jahre, bis das Mobiltelefon die Welt der Kommunikation veränderte, nur um dann vom Internet abgelöst zu werden, das in nur sieben Jahren die gleiche Leistung vollbrachte. Unternehmen wie Uber oder Airbnb definieren ihre jeweiligen Branchen innerhalb immer kürzerer Zeiträume neu, und die globalisierte, vernetzte Natur unserer Welt erzeugt immer mehr Druck auf diejenigen, die noch immer mental im Modell der «Bewahrung von Innovation» stecken statt im Modell «Disruption».

Der geniale Funken braucht den richtigen Resonanzboden

Um die Zukunft vorhersagen zu können, müssen wir lernen, diese Frühindikatoren zu erkennen. Wie können Sie als Leser das? Machen Sie sich eine kindliche Neugier zunutze und suchen Sie nach der Arbeit, die die Menschen an den kreativen Rändern der Gesellschaft tun: Wissenschafter, Künstler, Aktivisten und Tüftler werden alle vom Neuen – und manchmal auch Verrückten – angezogen. Entdecken diese Menschen etwas, müssen sie sich allerdings klarmachen, dass einer der menschlichen Trugschlüsse darin besteht, dass man dazu neigt, auf das «Gesetz von Amara» hereinzufallen. Roy Amara, Gründer des Silicon Valley Think Tank Institute for the Future, hat einmal beobachtet: «Wir neigen dazu, die Auswirkungen einer Technologie auf kurze Sicht zu überschätzen und auf lange Sicht zu unterschätzen.»

Es ist leicht, sich über ein schwaches Signal zu freuen und dabei zu vergessen, dass Technologien auch noch Zeit brauchen,…

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