Homo Data: Wenn der Mensch vorhersehbar wird
Yvonne Hofstetter, imago images / teutopress.

Homo Data: Wenn der Mensch vorhersehbar wird

Mittels massenhaft gesammelter Daten und künstlicher Intelligenz analysieren uns Tech-Konzerne und sagen unser Verhalten voraus. Sie gefährden damit das freiheitliche Men-schenbild, die Grundrechte und die Demokratie.

 

Smarte Häuser, Autos und Arbeitsplätze, Online-Plattformen von Instagram bis Netflix, Siri und Alexa, die Gesichtserkennung oder die Aktiv-App für Sozialhilfeempfänger – kurz: die «Umgebungsintelligenz» – sind integraler Bestandteil unserer Existenz geworden, die heute nicht mehr nur physisch, sondern auch digital ist. Die Werkzeuge analysieren unsere Bewegungen, Interaktionen und unser Denken und erstellen daraus Erwartungen über unser künftiges Verhalten – mit dem Versprechen, uns zu optimieren. Dafür nutzt die Umgebungsintelligenz einen Koffer voller Methoden: Sensoren überall, Dauerüberwachung bis tief in unser Privatleben hinein, mathematische Analysemodelle und automatische Stimuli der Nutzer. Erst sie ermöglichen das Geschäftsmodell der Optimierung, das uns Hoffnung und Träume verkaufen will. Doch die Gefahren für die Demokratie sind nicht zu unterschätzen.

Überwachen, analysieren, lenken

Umgebungsintelligenz nutzt künstliche Intelligenz. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Technologie. Seit fünfundzwanzig Jahren werden Systeme der künstlichen Intelligenz zur militärischen Aufklärung und Lageanalyse genutzt. Ein bekanntes Beispiel ist das Awacs-Flugzeug. Mit seinen Sensoren überwacht das «fliegende Auge» den Luftraum und sammelt Daten. Um Luftfahrzeuge als zivil oder militärisch zu klassifizieren, verbindet das System alle gesammelten Rohdaten: Fluggeschwindigkeit, Radarrückstrahlfläche, zivile Flugpläne. Zuletzt folgt eine computerbasierte Handlungsempfehlung. «Datenfusion» heisst ein solch leistungsfähiges Computerprogramm, ein anderer Begriff für «Algorithmus». Beschrieben ist jener Algorithmus in der Sprache der Mathematik und realisiert mit künstlicher Intelligenz. Nur künstliche Intelligenz kann riesige Datenmassen strukturiert analysieren. Intelligente Datenfusionssysteme mit ihrem Dreiklang «überwachen – analysieren – lenken» sind nicht nur für die militärische Aufklärung nützlich, sondern die Basistechnologie für alle autonomen Systeme, von der Industrie 4.0 bis hin zum selbstfahrenden Auto.

Doch was ausser dem überstrapazierten Hype ist neu an künstlicher Intelligenz? Seit Jahren explodiert die Menge der verfügbaren unstrukturierten Daten wie Bilder, Texte oder Videos. Die wertvollsten darunter stammen von Menschen, von Personen, und nicht nur von Objekten wie unseren Industrieanlagen oder kritischen Infrastrukturen. Sie sind persönliche Daten, selbst wenn sie maschinell von unseren elektronischen Türschlössern, vernetzten Saugrobotern, intelligenten Kühlschränken oder smarten Wasserzählern stammen. Auch rücksichtslose Geschäftemacher, die unsere Daten absaugen, obwohl wir das nicht wollen, maximieren den Datenreichtum: Mit der alten Technik des Screen Scrapings hat die Firma Clearview von Webseiten, Blogs und Online-Plattformen ohne unser Wissen drei Milliarden Gesichter kopiert und verwendet sie zur Gesichtserkennung durch Polizeibehörden oder Regierungen. Sorglos geben wir so preis, was Folgen für unsere Zukunft hat. Nicht ein demokratisch kon­trollierter Rechtsstaat, sondern mächtige Technologieunternehmen sind über sämtliche Details unseres Lebens informiert. Sie wissen, wer unsere Freunde und Arbeitgeber sind, was wir in unserer Freizeit tun, wie viel Gesundheitsvorsorge wir betreiben und, sofern sie wie Apple oder Google über Banklizenzen verfügen, wie hoch unser Finanzbedarf ist.

«Für die demokratische Herrschaftsform

ist die Digitalisierung, wie sie sich

heute vollzieht, extrem schädlich.»

Es gibt kein gläsernes europäisches Menschenbild

Die intelligenten Maschinen des 21. Jahrhunderts sind also ein Game Changer. Das Alte in unserer Gesellschaft hält dieser zweiten maschinellen Revolution schon heute nicht mehr stand. Traditionelle Geschäftsmodelle wanken über alle Industrien und Branchen hinweg. Von der übergreifenden Unruhe, vom erzwungenen Paradigmenwechsel bleibt niemand verschont. Kreative Zerstörung ist das erklärte Ziel der Digitalisierer.…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»