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Der Ruhestand gehört in Rente geschickt

Der Ruhestand gehört in Rente geschickt

Ausbildung, Berufstätigkeit, Ruhestand: Die Gesellschaft hat einen klaren Plan für uns. Wenn wir älter werden, sollten wir unseren Lebensentwurf jedoch entsprechend anpassen.

Seit mehreren Jahren wächst die Weltbevölkerung immer langsamer. Der «Economist» titelte jüngst sinnbildlich «Peak Human» (Der Höhepunkt der Menschheit) und zeigte auf dem Titelbild eine Familie mit zwei Kindern, die auf einem riesigen Parkplatz auf ihr alleinstehendes Auto zuspaziert. Der Untertitel dazu: «Die Aussichten auf eine leerere Welt». Tatsächlich ist eine fundamentale demografische Umkehr im Gange, die nicht nur Europa erfasst hat, sondern ein weltweites Phänomen geworden ist. Der Grund für diese langsame «Entleerung» ist klar: rückläufige Geburtenraten, die mancherorts bereits die Sterberaten unterschreiten.

In Europa fallen insbesondere Deutschland, die grösste Volkswirtschaft des Kontinents, oder Italien auf. Die Bevölkerung Deutschlands wächst um noch drei bis vier Promille pro Jahr. Italiens Einwohnerzahl stagniert schon seit mindestens einem Jahrzehnt. Die Covid-19-Pandemie mag die jüngsten Zahlen verzerrt haben, der langfristige Trend weist dennoch überall auf eine markante Verlangsamung des Bevölkerungswachstums. Ohne Zuwanderung wäre beispielsweise die Bevölkerung Deutschlands bereits seit spätestens der Jahrtausendwende geschrumpft.

Die Zuwanderung verjüngt die Schweiz

Die tiefere Geburtenrate für sich genommen führt zu einem Anstieg des Durchschnittsalters der Bevölkerung – was gemeinhin als «demografische Alterung» bezeichnet wird. Gemäss Eurostat beträgt das Medianalter in Deutschland heute 46 Jahre, 6 Jahre mehr als noch zur Jahrtausendwende; in Italien liegt es bereits bei 49 Jahren. Wenn die Zahl der Jungen schrumpft, nimmt der Anteil der Alten an der Bevölkerung zu: In Deutschland ist heute jeder fünfte Einwohner über 65 Jahre alt, in Italien bereits jeder vierte.

Was wir in Italien und Deutschland beobachten, trifft auch auf die Schweiz zu. Die Geburtenrate ist seit der Jahrtausendwende um über 20 Prozent gefallen. 2024 erreichte der Geburtenüberschuss mit noch etwas über 6300 Kindern ein Allzeittief. Auch hierzulande versiegt das natürliche Bevölkerungswachstum allmählich. Das Medianalter der Schweizerinnen und Schweizer ist seit 1990 von 41 auf 46 Jahre gestiegen. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung ist im selben Zeitraum von einem Siebtel auf knapp einen Fünftel angewachsen.

Der Vergleich mit Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern endet hier aber schnell. Grund dafür ist die seit über zwei Jahrzehnten hohe Zuwanderung. Als Folge davon ist die Bevölkerung der Schweiz jährlich um fast ein Prozent gewachsen – im gesamteuropäischen Vergleich ein sehr hoher Wert, der nur von Luxemburg und Irland übertroffen wird.

Die Zuwanderung erfolgt dabei überwiegend in die erwerbsfähige Bevölkerung im Alter zwischen 20 und 65 Jahren. Deshalb zeichnen die herkömmlichen Indikatoren zur Messung der Alterung für die Schweiz ein vergleichsweise günstiges Bild. Der Altersquotient – das Verhältnis der über 65-Jährigen zur erwerbsfähigen Bevölkerung – nahm seit der Jahrtausendwende um lediglich 7 Prozentpunkte zu. Der Grund dafür ist, dass der Nenner, die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, um über eine Million Menschen oder 20 Prozent angewachsen ist. Der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung blieb daher erstaunlich stabil bei etwas über 60 Prozent, obwohl die Zahl der über 65-Jährigen im gleichen Zeitraum um rund 660 000 oder 50 Prozent zugenommen hat.

Die Zuwanderung hat für die Schweiz einen klar verjüngenden Effekt. Das zeigt sich konkret am Medianalter der ausländischen Bevölkerung, das mit 38 Jahren fast 8 Jahre tiefer liegt als jenes der Schweizerinnen und Schweizer.

Die «grosse Verlangsamung» der Wirtschaft

Grundsätzlich wirken aber auch in der Schweiz die bekannten Mechanismen der Alterung, wenn auch langsamer. Die Auswirkungen dieser Alterung geben Anlass zu Sorge. In wirtschaftlicher Hinsicht lässt eine alternde Bevölkerung ein geringeres Produktivitätswachstum erwarten, was zu Lasten unseres Wohlstandes geht. Die Innovationskraft sinkt und der Prozess der schöpferischen Zerstörung verlangsamt sich, die Jobmobilität der Erwerbstätigen und auch die Gründungsdynamik von Firmen nehmen ab. Es kommt zu einer «grossen Verlangsamung» der wirtschaftlichen Aktivität. Ferner entfällt ein immer grösser werdender Teil der öffentlichen Ausgaben auf die Altersvorsorge und das Gesundheitswesen. Der fiskalische Handlungsspielraum wird kleiner.

Die Umkehrung der Wachstumstrends hin zu schrumpfenden Bevölkerungen und einem Anstieg des Durchschnittsalters hat zudem Auswirkungen über die Wirtschaft hinaus. Wie Andreas Reckwitz in seinem Buch über Verlust bemerkt, waren die westlichen Gesellschaften lange Zeit «junge» Gesellschaften – getrieben von einem modernen Fortschrittsimperativ, der sich an der Zukunft orientiert. Die jüngeren, nachwachsenden Generationen waren dabei die Schrittmacher der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit der fortschreitenden Alterung verlieren jedoch das Fortschrittsnarrativ und das Ideal einer zukunftsorientierten Gesellschaft an Anziehungskraft. Mit dem allmählichen Verschwinden der Jungen erlahmen auch der gesellschaftliche Impuls und die Vitalität. Die Innovationskraft und Risikofreude versiegen, das allgemeine Sicherheitsbedürfnis nimmt zu.

Übersehene Dimension

Bemerkenswert ist jedoch, dass der herrschende ökonomische und gesellschaftliche Pessimismus hinsichtlich der Alterung grundsätzlich auf guten Nachrichten für jeden Einzelnen beruht: Im Durchschnitt leben wir heute in fast allen Ländern länger und vor allem länger bei guter Gesundheit. Zur beschriebenen Alterung kommt nämlich eine zusätzliche demografische Dimension ins Spiel, die subtiler ist und im Kontext der negativ konnotierten gesellschaftlichen Alterung oft übersehen wird: die kontinuierlich steigende Langlebigkeit. Wir altern hinsichtlich des Sterberisikos und des allgemeinen Gesundheitszustandes langsamer.

Das Narrativ in der Debatte um die Altersvorsorge und die gesellschaftliche Alterung fokussiert auf die altersmässige Zusammensetzung der Bevölkerung, also die steigende Zahl und den steigenden Anteil der alten Menschen relativ zu jenen im Erwerbsalter. Der Langlebigkeitseffekt, also die Art und Weise, wie wir altern, überlagert und dominiert dagegen diesen Alterungseffekt. In der Schweiz mit ihrer hohen Zuwanderung ist dieser Langlebigkeitseffekt besonders bedeutsam.

Betrachtet man die Sterbehäufigkeit für jedes Alter, sieht man, dass das Alter der höchsten Sterblichkeit sich seit 1970 von 79 auf gegenwärtig 89 Jahre deutlich nach hinten verschoben hat. Die Mortalität hat sich zudem um diesen höheren Wert verdichtet – sie steigt später und steiler an. Die Phase bis ins hohe Alter ist von einer geringeren Mortalität in jedem Lebensjahr geprägt. Die Wahrscheinlichkeit, etwa an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder nicht übertragbaren Infektionskrankheiten zu sterben, ist über die gesamte Lebensspanne bis ins hohe Alter gesunken. Am deutlichsten sichtbar wird dies bei der Kindersterblichkeit, die in den 1970er-Jahren noch bei etwa 5 Prozent im ersten Lebensjahr lag und heute auf unter drei Promille gefallen ist. Als Folge davon ist auch die durchschnittliche Sterberate gefallen.

Illustrativ ist etwa auch die Entwicklung der Anzahl Menschen, die das Alter von 100 Jahren erreichen. Diese hat sich von rund 60 Personen im Jahr 1960 auf heute mehr als 2300 erhöht. Die jüngsten Demografieszenarien des Bundesamtes für Statistik lassen erwarten, dass ihre Zahl bis ins Jahr 2050 auf über 25 000 Menschen ansteigen wird. Bereits die Generation Z darf mit einer 30-prozentigen Wahrscheinlichkeit rechnen, die Schwelle der 100-Jährigkeit zu überschreiten. Die früher spektakuläre Ausnahme wird zu einem fast gewöhnlichen Ereignis. Schon heute hat sich die Zahl der 80-Jährigen seit 1990 auf mehr als eine halbe Million Menschen gut verdoppelt und sie macht bereits knapp einen Drittel aller über 65-Jährigen aus. Es ist insbesondere dieses Phänomen, welches den demografischen Wandel nachhaltig prägt, nämlich die stark gestiegene Langlebigkeit, die noch weiter zunehmen wird.

Rüstige Rentner

Nichts wäre falscher, als diese gesteigerte Langlebigkeit generell als fortschreitende Vergreisung zu bezeichnen. Paradoxerweise ist nämlich nicht a priori klar, ob angesichts der zunehmenden Langlebigkeit überhaupt pauschal von einer «gesellschaftlichen Alterung» gesprochen werden kann. Angesichts der steigenden Langlebigkeit und des biologisch langsameren Alterns erscheint heute ein Alter von 70 längst nicht mehr als «alt». Sinnbildlich dafür eine kürzliche Konversation zwischen Wladimir Putin und Xi Jinping am Rande einer Militärparade in Peking, die Journalisten mitbekamen. Putin sagte zu Xi, dass man dank Blutauffrischung und Organtransplantationen bald ein Alter von 150 Jahren erreichen werde und dann 70-Jährige gleichsam noch Kinder sein würden. Beide Autokraten sind heute in ihren 70ern; gemessen an ihrer Ambition, noch lange zu leben und an der Macht zu bleiben, stehen sie tatsächlich erst am Anfang ihres Lebens.

Die per gesellschaftliche Konvention festgelegte Schwelle von 65 Jahren, ab der man als «alt» gilt, möglicherweise sogar hilfsbedürftig, und daher in den Ruhestand übergeht, relativiert sich angesichts steigender Langlebigkeit und gestiegener verbleibender Lebenszeit bei anhaltend guter Gesundheit. Das Ergebnis von Alterung und Langlebigkeit zusammengenommen sind rüstige, unternehmungslustige Rentnerinnen und Rentner, gross an der Zahl, aber immer noch jung gemessen an den noch vor ihnen liegenden Lebensjahren. Die Babyboomer sind heute deren sichtbarste Repräsentanten und sie bilden nur den Auftakt für später folgende Generationen, die zwar weniger zahlreich sein werden, aber noch länger leben werden.

Während sich das Narrativ der alternden Gesellschaft eher auf das Lebensende konzentriert, steht aus der Perspektive der Langlebigkeit die ganze Lebensspanne im Fokus. Das im 20. Jahrhundert zur gesellschaftlichen Norm gewordene dreistufige Lebensmodell mit Jugend und Ausbildungszeit, Berufstätigkeit und Familiengründung und schliesslich Ruhestand wird sich zunehmend auflösen und individualisieren.

Die meisten staatlichen Massnahmen als Reaktion auf die Alterung zielen lediglich darauf ab, die Parameter dieses dreistufigen Lebens anzupassen – beispielsweise durch eine Anhebung des Rentenalters, eine Senkung der Rente oder eine Erhöhung der Beiträge. Anstatt jedoch die Zeitpunkte wichtiger Übergänge (von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt und in den Ruhestand) festzulegen, sollte die Politik einen Rahmen schaffen, der es den Menschen ermöglicht, ihre eigenen Meilensteine zu wählen. Dazu gehört auch, ein längeres Erwerbsleben zu fördern. Derzeit versucht die Politik, dies durch die äusserst unpopuläre Massnahme der Anhebung des gesetzlichen Rentenalters zu erreichen. Das allein reicht jedoch nicht aus, um Menschen zu befähigen, länger produktiv zu bleiben. Was es braucht, sind Massnahmen, um Menschen jenseits des Alters von 50 Jahren im Erwerbsleben zu halten.

Bezeichnenderweise geht die Debatte über die alternde Gesellschaft häufig davon aus, dass alle zusätzlichen Lebensjahre erst am Ende des Lebens hinzukommen. Tatsächlich fällt die Langlebigkeitsdividende aber schon im mittleren Alter an. Und diese Dividende gilt es laufend zu nutzen. Warum alle Wünsche und Sehnsüchte eines gefassten Lebensentwurfes auf die Zeit nach Erreichen des Rentenalters verschieben?

Die Herausforderung für die Gesellschaft und jeden Einzelnen besteht darin, diese zusätzliche Zeit im Laufe des Lebens sinnvoll zu nutzen – etwa durch das Erlernen neuer Fähigkeiten. Oder mit den Worten von Karl Marx: «Morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, […], ohne je ein Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker zu werden.» All das wäre über das ganze Leben zu verteilen, anstatt auf die letzten Jahre zu verschieben – nur um dann ernüchtert und frustriert festzustellen, dass es sehr langweilig und gleichwohl anstrengend sein kann, noch so viel Zeit totschlagen zu müssen.

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