Leistungsgesellschaft oder Wie man das Beste von sich gibt

In den letzten Jahrzehnten ist es den Industrienationen gelungen, eine beispiellose Mehrung des Wohlstandes zu generieren. Nicht nur alle angenommenen «Grenzen des Wachstums» wurden gesprengt, entgegen vielerlei Verlautbarungen ist es der westlichen Welt auch gelungen, die Durchlässigkeit der sozialen Schichten zu erhöhen: gesellschaftlichen Gruppen, denen früher aufgrund von nationaler oder religiöser Herkunft, Hautfarbe oder sexuel-len […]

Leistungsgesellschaft oder Wie man das Beste von sich gibt

In den letzten Jahrzehnten ist es den Industrienationen gelungen, eine beispiellose Mehrung des Wohlstandes zu generieren. Nicht nur alle angenommenen «Grenzen des Wachstums» wurden gesprengt, entgegen vielerlei Verlautbarungen ist es der westlichen Welt auch gelungen, die Durchlässigkeit der sozialen Schichten zu erhöhen: gesellschaftlichen Gruppen, denen früher aufgrund von nationaler oder religiöser Herkunft, Hautfarbe oder sexuel-len Vorlieben der Zutritt zu höherer Bildung, höheren Ämtern oder wirtschaftlicher Selbstbestimmung verwehrt blieb, stehen heute die Türen nach oben weiter offen als jemals zuvor.

Ein meritokratisches System, in dem sich die Besten ihres Metiers durchsetzen, ist eine «Leistungsgesellschaft». Die martialisch anmutende Vokabel geistert nicht nur durch Soziologieseminare über Pierre Bourdieu bis Max Weber, sondern schürt auch Ängste vor dem Eindringen des Leistungsprinzips in alle Nischen der Gesellschaft. Die «Leistungskultur» bereitet vielen Menschen Bauchschmerzen, weil mit ihr hohe Erwartungen an den einzelnen gestellt und gleichsam die potentiellen Risiken des individuellen Scheiterns erhöht werden.

Diesen Bauchschmerzen wollen wir mit der nötigen intellektuellen Medikation begegnen. Denn Leistung ist sowohl die Freude am Ausnützen der eigenen Möglichkeiten als auch ein Schmiermittel sozialer Kooperation. Leistung, so das etymologische Wörterbuch, ist zunächst Gegenstand einer Schuldverpflichtung – von ihr geht also keine atomisierende, sondern eine vergesellschaftende Funktion aus: in der «Leistungsgesellschaft» sehen sich die Individuen einer gegenseitigen Bringschuld verpflichtet, sie dienen einander, und zwar nach jeweiliger Befähigung und Präferenz. Jeder Teilnehmer der «Leistungsgesellschaft» ist dazu befähigt, seine Zeit, sein Engagement und vor allen Dingen sein Talent so zu investieren, dass sich damit das Miteinander verbessert. Dies geschieht jedoch nicht auf Kommando, sondern freiwillig. Leistung ist intrinsisch motiviert und Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses nach Anerkennung und Fortschritt.

Die Redaktion

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»