Die politische Ökonomie  des Populismus
Philip Manow, zvg.

Die politische Ökonomie
des Populismus

Der Aufstieg linker und rechter Populisten in Europa hat weniger mit sozialem Abgehängtsein, nackter Dummheit oder politischer Naivität zu tun, als mit den tatsächlichen Souveränitätsverlusten einzelner Staaten und ihrer Ökonomien. Lesen Sie hier die Gedanken des deutschen Politikwissenschafters der Stunde.

Herr Manow, was ist Populismus und wie kann man wissenschaftlich mit diesem Begriff umgehen?
Definitionsfragen haben mich eigentlich immer sehr gelangweilt, beim Populismusbegriff sind sie aber tatsächlich zentral (lacht). Zunächst müssen wir feststellen: «Populismus» ist ein politischer Kampfbegriff; er wird benutzt, um andere zu diskreditieren. Die ak­tuell prominenteste wissenschaftliche Annäherung an das Wesen des Populismus ist denn auch nicht inhaltlicher, sondern «formaler» Natur – sie untersucht Stil und Modus der verschiedenen Populismen, klopft populistische Äusserungen auf Gemeinsamkeiten ab und fasst sie zusammen. Die Politikwissenschafter Cas Mudde und Jan-Werner Müller haben das in den letzten Jahren sehr erfolgreich getan.

Beide waren sich weitgehend einig: Populisten egal welcher Couleur, so ihre Definition, nehmen für sich allein in Anspruch, «das gute Volk» zu vertreten – und geben vor, es in einem Kampf gegen korrupte, «schlechte Eliten» zu unterstützen. Nun muss man allerdings sagen: So ziemlich jeder demokratisch gewählte Politiker vertritt doch im weitesten Sinne «sein Volk»?
Das stimmt. Ralf Dahrendorf hat bereits vor Jahrzehnten zu bedenken gegeben, dass, was dem einen ein «Populist» ist, durchaus dem anderen ein «Demokrat» sein kann. Und dieser Einwand wird aktuell innerhalb der Wissenschaft wieder lebhaft diskutiert: Die Politikwissenschafterin Chantal Mouffe hat Müller und Mudde vorgehalten, dass keine Politik ohne «Wir gegen sie»-Satzungen auskomme, Müllers und Muddes Definition des Populismus also nur die Camouflage einer TINA-«There Is No Alternative»-Politik sei. Ganz unrecht hat sie nicht: Wenn alles, was links und rechts etwas polemischer daherkommt, als «populistisch» gilt, adelt man damit umstandslos die «Mitte» als einzig «vernünftig». Das ist dann selbst eine politische Position, keine Definition. Trotzdem kann man mit der formalen Definition des Populismus erst mal arbeiten. Zentral sind der Volk-Elite-Antagonismus – Müller – und die Feststellung, dass Populisten stets durch «dünne Ideologien» zusammengehalten werden, «die sich mal mit Strömungen auf der Linken und mal auf der Rechten verbinden» – Mudde. Kombiniert man beides, hat man eine Formel, die das ganze Phänomen über die Struktur und die Argumentationsmuster definiert.

Sie wählten dennoch einen anderen Weg, um dem Phänomen wissenschaftlich beizukommen, indem Sie diese und andere Populismusthesen aus Wissenschaft, Politik und Feuilleton mit statistischen Daten abglichen. Dabei stellten Sie fest, dass die eher kulturalistischen Definitionen den Populismus zwar definieren, aber seinen Erfolg damit nicht erklären können. Was fiel Ihnen ganz konkret auf?
Zunächst, dass die zeitgeistige Populismusforschung viele steile Thesen in die Diskussion wirft, ohne dass man sie empirisch überprüfen könnte. Heute kann jeder, der irgendeinen Zusammenhang eines Phänomens zum Populismus feststellt, diesen postwendend zur Universalerklärung aufblasen und erntet grosses Echo; ob sie empirisch wirklich eine Rolle spielt, ist nachrangig. Ich begann also zu falsifizieren, denn das war einfacher, als zu verifizieren. Und stellte bald fest, dass der wissenschaftliche Umgang mit dem Populismus in Europa fast immer einem «Selektions-Bias» unterliegt. Das bedeutet etwa: Weil man sich fast nur mit dem Rechtspopulismus beschäftigte, vergass man, die südeuropäischen Länder zu untersuchen…

…weil es dort lange gar keinen landesweit einflussreichen Rechtspopulismus gab, bevor die italienische «Lega Nord» zur «Lega» wurde?
Genau. Selbst die empirisch solide Forschung zum Thema tendierte also dazu, «den Rechtspopulismus aus dem Rechtspopulismus» zu erklären. Das ist in etwa so, als würden Sie, um das Wahlverhalten von Frauen zu erklären, eben nur das Wahlverhalten von Frauen anschauen. Den Erstsemestern bringt man zwar bei, dass eine solche Erklärung zwingend einen Vergleich mit dem Wahlverhalten von Männern erfordert – in der Populismusforschung leistete man es sich aber jahrelang, eben nicht festzustellen, dass genau die Gesellschaftsgruppen, die man in Ländern mit Rechtspopulismus als Trägerschichten identifiziert hatte, in anderen Ländern, die eben keinen starken Rechtspopulismus kennen, gar nicht rechtspopulistisch, sondern häufig linkspopulistisch wählen. Für mich beginnen die spannenden…

Eine Einführung: <br /> Wie wollen wir zusammenleben?
Am 24. Dezember 1968 schoss William Anders aus der Apollo 8 eines der ersten farbigen Bilder der Welt aus dem All. Die neue Perspektive war zugleich der Beginn mondialistischen Denkens unter dem Motto «One planet, one society». Bild: NASA Commons.
Eine Einführung:
Wie wollen wir zusammenleben?

Über den uralten und doch sehr aktuellen Widerstreit von mondialistischen und souveränistischen Gesellschaftsmodellen.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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