Der Journalismus muss raus aus der Echokammer
Etablierte Medien stecken in einer Vertrauenskrise. Wer dafür den «Fake News» im Internet die Schuld gibt, macht es sich zu einfach.
Donald Trump verklagt die BBC auf 10 Milliarden Dollar Schadensersatz. Was auf den ersten Blick wie ein absurder Angriff des US-Präsidenten auf eine Bastion des Qualitätsjournalismus wirkt, fusst doch auf einer bedenklichen Fehlleistung des britischen öffentlichen Rundfunks: Die BBC hatte in mindestens einem Fall eine Rede Trumps so zusammengeschnitten, dass der Sinn seiner Aussagen grob entstellt wurde. Es ist nicht die erste Klage Trumps gegen Medien mit Aussicht auf Erfolg. In den USA zahlten bereits mehrere Medienhäuser Schadensersatz, weil sie Trump verunglimpften oder grob unfair darstellten.
Das Vertrauen der Anhänger der Republikanischen Partei in die etablierten Medien tendiert folgerichtig gegen null, und auch in der Gesamtbevölkerung ist es auf einem historischen Tiefpunkt. Der Vertrauensschwund geht mit einem Mediensterben einher. Nach aktuellen Analysen haben 50 Millionen Amerikaner in 213 Counties keinen Zugang zu Lokalnachrichten mehr. Sogenannte «Nachrichtenwüsten» breiten sich aus. Düstere Zeiten also für den amerikanischen Journalismus – doch wie zeigt sich die Lage in Europa, in der Schweiz?
Seit 2018 veröffentlicht das Online-Magazin «Republik» eine «Chronologie der Schweizer Medienkonzentration». Darin sammelt die Redaktion Meldungen zu Fusionen und Entlassungen im Journalismus – zuletzt etwa Ende 2025 die Ankündigung der SRG, 900 Vollzeitstellen abzubauen. Allein im Jahr 2025 finden sich achtzehn vergleichbare Meldungen auf der Liste. Das Beispiel illustriert: Seit Jahren quält sich auch der Schweizer Journalismus durch eine ökonomische Krise. Zuerst schluckte das Internet das Kleinanzeigengeschäft der Zeitungen. Kurz darauf verdrängte personalisierte Werbung auf Suchmaschinen- und Social-Media-Plattformen die klassischen Anzeigen in Print und Rundfunk. Einen dritten Schlag versetzte das Internet dem Journalismus durch die kostenlose Verfügbarkeit von News.
Sorgenkinder «Digital Natives»
Die ökonomische Krise des Journalismus ist evident. Umstrittener ist, ob der Journalismus auch eine Vertrauenskrise erleidet. Wenden sich also die Konsumenten im digitalen Zeitalter vom Journalismus ab? Die Studie «Digital News Report» – in der Schweiz veröffentlicht durch das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) – zeigt eine leicht abnehmende Nutzung sowohl klassischer wie auch digitaler Nachrichtenmedien seit 2016.
Die Forscher des fög kategorisieren fast die Hälfte aller Schweizer als «News-Deprivierte», weil sie selten Nachrichten konsumieren, und dies vor allem über Gratisplattformen oder Social Media. Befragungsdaten aus zahlreichen Ländern zeigen in der Tat ein abnehmendes Vertrauen gegenüber Medien – auch in der Schweiz und in Deutschland. Junge, Männer, Personen mit geringer formaler Bildung und Social-Media-Nutzer haben relativ wenig Vertrauen in etablierte Medien. Die Gründe variieren: Junge sind meist intensive Social-Media-Nutzer, ihnen sind die etablierten Medien relativ fremd, sie vertrauen stärker in neue Medien. Häufig finden sich hier auch generell medienskeptische Haltungen. Im Falle der Männer und geringer Gebildeten können auch politische und inhaltliche Aspekte eine Rolle spielen: Sie sehen ihre Interessen im Angebot etablierter Medien weniger repräsentiert.
Gerade der Blick auf die jungen Konsumenten verunsichert Medienschaffende ebenso wie Forscher: Sie nutzen kaum noch Print- oder Rundfunkmedien, verbringen aber viel Zeit im Internet. Dort begegnen ihnen journalistische Inhalte eher zufällig – weil der Plattform-Algorithmus oder andere Nutzer diese Inhalte in ihren Feed katapultieren. Oder sie folgen Influencern, die journalistische Inhalte kommentieren und gelegentlich auch selbst erstellen – in der Regel ohne Rückgriff auf eine professionelle Redaktion.
Mit Sorge und vor allem Missgunst werden auch sogenannte «alternative Medien» im Netz betrachtet. Zu diesen zählen sehr kleine Redaktionen – häufig semiprofessionelle und manchmal auch Einzelkämpfer –, die über eine Website oder einen Newsletter-Service (wie der erfolgreiche US-Anbieter Substack), mit Social Media und/oder einem Podcast einen Journalismus anbieten, der stark meinungsbetont ist. Hinter alternativen Medien verbergen sich häufig Journalisten, die etablierte Medienhäuser verlassen haben und sich nun auf eigene Faust durchschlagen – wie etwa der Ex-Chefredaktor der «Basler Zeitung», Markus Somm, der Ex-«Bild»-Chefredaktor Julian Reichelt oder der Ex-Chefredaktor der «WirtschaftsWoche», Roland Tichy.
Gelegentlich wird der etablierte Journalismus auch durch sogenannten Citizen Journalism bedrängt (auf Deutsch auch Graswurzel- oder Bürgerjournalismus). Dahinter verbergen sich Laien, die mittels Social Media aktuelle Ereignisse dokumentieren und veröffentlichen. Im Zeitalter der Smartphones ist es die Norm, dass Laien (ob zufällig oder beabsichtigt) näher an aktuellen Ereignissen dran sind als journalistische Redaktionen. Lange bevor also eine Redaktion ein Ereignis bemerkt, dokumentiert und veröffentlicht hat, kursieren bereits zahllose von Bürgerjournalisten erstellte Fotos und Videos dieses Ereignisses im Netz – etwa auf der Plattform X (vormals Twitter).
Streit um die Deutungshoheit
Alternative Medien und Citizen Journalism fordern den etablierten Journalismus heraus. Erstere positionieren sich häufig in Abgrenzung und Opposition zu «den Medien». Sie schaffen eine Gegenöffentlichkeit. Sie präsentieren Themen und Sichtweisen, die die etablierten Medien vernachlässigen. Kritik am etablierten Journalismus («Mainstream») ist daher ein essenzieller Inhalt der alternativen Medien. Alternative Medien ziehen dementsprechend ein Publikum an, das unzufrieden mit dem gewohnten journalistischen Angebot ist. Da die etablierten Medien politisch im linksliberalen Spektrum konzentriert sind, positionieren sich alternative Medien entweder weiter links (beispielsweise «Infosperber», «Republik», «NachDenkSeiten») oder eben rechts der Mitte («Nebelspalter», «Nius», «Tichys Einblick»).
Auch Citizen Journalism macht dem etablierten Journalismus die Deutungshoheit über das aktuelle Geschehen streitig. Wenn Mediennutzer auf X bereits einige Fotos und Videos zu einem aktuellen Ereignis gesehen haben, ist ihre Meinung oft schon gemacht, bevor eine reichweitenstarke Redaktion ein Deutungsangebot unterbreiten konnte. Nutzer – und alternative Medien – kritisieren dann wiederum «die Medien», weil sie zu langsam reagieren, Themen zu spät oder vor allem aus der Perspektive machtvoller Institutionen (insbesondere von Regierungen) aufgreifen.
Ironischerweise ist es auch seine Professionalität, die den etablierten Journalismus immer wieder in die Defensive bringt.Anders als alternative Angebote im Netz konsultiert der etablierte Journalismus in der Regel «offizielle» Quellen (und mehr als eine), holt Experteneinschätzungen ein, lässt Zitate autorisieren und prüft Aussagen nach dem Mehr-Augen-Prinzip, bevor eine Meldung veröffentlicht wird. Citizen Journalists veröffentlichen unmittelbar, was sie zufällig aufgefangen haben. Alternative Medien werfen professionelle Restriktionen mit Verve ab, sind schnell mit klaren Urteilen zur Stelle und machen dabei auch eher mal einen Fehler. Sie gelten daher als weniger zuverlässig, als qualitativ fragwürdig, gar als irreführend. «Fake News» also.
«Ironischerweise ist es auch seine Professionalität, die den etablierten Journalismus immer wieder in die Defensive bringt.»
Der seit 2016 tobende, aufgeregte Diskurs um «Fake News» und «Desinformation» im Netz muss vor dem Hintergrund all dieser Entwicklungen verstanden werden: der ökonomischen und letztlich auch qualitativen Krise des etablierten Journalismus, dem Aufkommen alternativer Medien und des Citizen Journalism, dem ungewohnten Kampf um Deutungsmacht. Die eindringlichen Warnungen vor «Fake News» sind auch ein – zum Teil sachlich, zum Teil emotional begründeter – medialer Abwehrreflex gegenüber Konkurrenz und Kritikern. Journalisten, die bei etablierten Medien arbeiten, weisen eine negative Haltung gegenüber Social Media auf – und berichten vor allem kritisch über sie.
Dabei haben die Vertreter der «Mainstream-Medien» nicht ganz unrecht: Es gibt auch zwanzig Jahre nach Aufkommen der Social Media keine wirkliche Alternative zum Journalismus etablierter Medien. Unverändert sind es diese Medien, die Informationen sammeln, aggregieren und vermitteln. Alternative Medien kommentieren häufig nur die Leistung der etablierten Konkurrenz.
Die meisten der Nachrichten konsumierenden Bürger informieren sich überwiegend aus etablierten Medien – und sei es vermittelt durch Suchmaschinen oder Social Media. Die etablierten Medien setzen immer noch überwiegend die öffentliche Agenda. Und machtvolle Institutionen – Regierungen, Unternehmen, NGOs, Universitäten – verbreiten ihre Informationen unverändert bevorzugt über etablierte Medien. Die Macht der etablierten Medien ist also noch immer erheblich. Warum reagieren sie dennoch so nervös auf die digitale Konkurrenz?
Vom Herausforderer zum Herausgeforderten
Lange Zeit sah sich der Journalismus als Herausforderer, als Kritiker der Mächtigen und Vertreter der Interessen der Schwächeren. Das ist eine historische Wurzel des Journalismus, und dieses romantische Bild prägt noch heute das Selbstverständnis vieler Journalisten. Umso schwerer fällt ihnen die Erkenntnis, dass die «Corporate Media» und der öffentliche Rundfunk heute selbst «das Establishment» darstellen.
Der etablierte Journalismus rekrutiert sich aus akademisch gebildeten Vertretern des linksliberalen Bürgertums. Inhaltlich reflektiert er allzu häufig die Perspektive machtvoller Institutionen. Viele Journalisten fühlen sich insgeheim dem Establishment zugehörig, auch wenn sie es so nicht formulieren würden – eine Bundesrätin, ein Ministerialbeamter, eine Professorin sind ihnen näher als ein Bauer oder Handwerker. Ein Berset oder eine Merkel sind ihnen sympathisch, ein Trump ist ihnen ein Graus.
Die Verunsicherung des etablierten Journalismus angesichts digitaler Kritiker und Konkurrenten ist somit verwandt mit der Irritation etablierter Parteien und Politiker gegenüber aufstrebenden populistischen Herausforderern. Die Etablierten beider Domänen erliegen allzu häufig der Verlockung, die polternden und normbrechenden Kritiker einfach wegzuwünschen – etwa indem «Hatespeech» oder «Desinformation» verboten werden soll. Diese Reflexe mögen menschlich nachvollziehbar sein, sie sind jedoch auch allzu bequem, ja denkfaul und wenig aussichtsreich. Notwendig sind dagegen Selbstkritik und ein aufrichtiges Erkunden der Frage, warum so viele Bürger sich ab- und aufregenden neuen Akteuren zuwenden.
Gesundes Misstrauen
Im Falle des Journalismus führt eine solche kritische Reflexion zu unangenehmen – und verflixt schwierig zu adressierenden – Missständen, wie politischen Einseitigkeiten, einer allzu grossen Nähe zur Macht, einem Mangel an Perspektivenvielfalt, aber auch – im Falle des öffentlichen Rundfunks etwa – einem Mangel an Innovation und Nähe zum Publikum, einer Scheu vor dem Erkunden neuer Formate. Das Vertrauen des Publikums gegenüber den etablierten Medien erodiert schleichend – gelegentlich angespornt durch erschütternde Grossereignisse wie die Coronapandemie. Vielleicht braucht es eine solche Erschütterung, damit der Journalismus die Defensive verlässt, die Echokammer der Selbstvergewisserung platzen lässt.
Die meisten Bürgerinnen und Bürger sind durchaus gewillt, etablierten Medien zu vertrauen. Sie weisen eine gesunde Skepsis auf – schliesslich ist auch Qualitätsjournalismus nicht fehlerfrei. Misstrauen tritt meist eher punktuell auf, vor allem bei jenen Themen, bei denen die Rezipienten sich persönlich gut auskennen. Auch dies ist durchaus gesund, denn Journalisten sind selten wirkliche Experten für die Themen, über die sie berichten.
«Die meisten Bürgerinnen und Bürger sind durchaus gewillt, etablierten Medien zu vertrauen.»
Noch sind es also eher Minderheiten, die etablierten Medien tatsächlich stark und in der Breite misstrauen. Es liegt am Journalismus, den schleichenden Vertrauensschwund zu stoppen. Dazu gehört, die Kritik der Minderheit auszuhalten und sich auf Wettbewerb mit neuen Akteuren einzulassen. Dazu gehört auch Selbstkritik und Transparenz, etwa wenn Fehler passieren. Dazu gehört die Förderung profilierter Reporter und Kommentatoren, die authentisch über das Zeitgeschehen berichten. Etablierte Medien müssen sich aktiv bemühen, aus gewohnten Bahnen auszubrechen – auch personell, also bei der Rekrutierung und Ausbildung von Personal. Mehr Perspektivenvielfalt (beispielsweise Junge, Menschen mit geringerer formaler Bildung oder mit Migrationshintergrund, klassisch Liberale und Konservative) in den Redaktionen ist notwendig. Nicht zuletzt muss der etablierte Journalismus sein Verhältnis zum Establishment überdenken. Der Impuls, im Zweifel den Verlautbarungen der Mächtigen zu folgen, macht anfällig für Kritik. Fest steht: Ein Zurück in das bequeme (und ertragreiche) vordigitale Zeitalter wird es nicht geben.