Editorial

Editorial
Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:RMS_Titanic_3.jpg

«Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen in dem Sinne, dass sie nur dadurch ausgelöst werden kann, dass die Geldmenge schneller als die reale Wirtschaftsleistung zunimmt.»

Milton Friedman

 

«Milton Friedman isn’t running the show anymore», sagte Joe Biden im April 2020 gegenüber «Politico». Doch der fünfzig Jahre zuvor geäusserte Satz des US-Ökonomen behält seine Gültigkeit. Die Zentralbanken erhöhen die Geldmenge seit vielen Jahren weitaus stärker, als die reale Wirtschaftsleistung wächst, ­zuletzt exponentiell. Und natürlich erzeugt das irgendwann Inflation, sogar in einem durch technischen Fortschritt erzeugten deflationären Umfeld. Auch wenn einige Zentralbanker und medial gehypte Ökonomen in den letzten Jahren – von den Medien kaum hinterfragt – das Gegenteil erzählt haben.

Weil nun der Krieg in der Ukraine für höhere Energiepreise sorgt und die ­Zero-Covid-Politik der Kommunistischen Partei Chinas weitere Lieferkettenunterbrüche auslöst, zeigen sich die Auswirkungen bei den gemessenen Preisen: Im März 2022 sind die Grosshandelspreise in Deutschland gegenüber dem Vorjahresmonat um durchschnittlich 22,6 Prozent gestiegen, so stark wie seit 60 Jahren nicht. Das wird bald auf die Preise der Endverbraucher durchschlagen, die ebenfalls steigen und steigen. Die Inflation kletterte in den USA auf 8,5 Prozent. Die Preissteigerungen betreffen nicht mehr nur einzelne Produkte und Sektoren, sondern die meisten. Auch die Kerninflation, also Güter abseits von Energie und Essen, ist auf 6,5 Prozent gestiegen.

Die Aktienmärkte zeigen sich bisher völlig unbeeindruckt von den halbherzigen Versuchen der Zentralbanken, die Inflation mit Leitzinserhöhungen in den Griff zu bekommen, und steigen weiter in die Höhe. Das ist nicht überraschend, denn mit mickrigen Zinsschritten von 0,25 oder 0,5 Prozent lässt sich die starke Inflationsrate nicht aufhalten. Mit einem Festhalten an der Nullzinspolitik, so wie das die Europäische Zentral­bank (EZB) macht, schon gar nicht. 110 Jahre nach dem Untergang der «Titanic» verglich kürzlich der Nationalökonom Ernst Baltensperger in der NZZ die EZB mit einem Ozeandampfer, der mit vollem Tempo auf einen gut sichtbaren Eisberg zufahre und sich noch überlege, ob man vielleicht morgen etwas weniger Kohle ins Feuer schaufeln sollte.

Credit-Suisse-Analyst Zoltan Pozsar erwartet die baldige Geburt einer neuen finanziellen Weltordnung, in der das dominierende Euro-Dollar-System niedergeht und ein neues, auf Euro und Yuan basierendes System aufsteigt. Sollten die Marktteilnehmer künftig US-Anleihen verkaufen und chinesische Anleihen kaufen, wird dies das Weltwährungssystem fun­damental verändern. Versinkt die Welt in Inflation, erlangen Rohstoffreserven eine neue Bedeutung. Es wird darum gehen, wer das Öl hat, wer den Weizen, wer das Gold und wer die Halbleiter; wer die Rohstoffe verteidigen und verteilen kann. Und vielleicht auch, wer Bitcoin hat und wer nicht.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»