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Wir waren schon immer Cyborgs
Bild: Pexels/Cottonbro Studio.

Wir waren schon immer Cyborgs

Die Gegner des Transhumanismus ziehen eine scharfe Grenze zwischen Natur und Technologie. Doch diese Grenze existiert nicht. Es gab keinen Urknallmoment, in dem der Mensch auf Technologie stiess – nur einen fortlaufenden Prozess der Koevolution.

Technologie ist das ewige Projekt, mit weniger mehr zu erreichen: Ressourcen aus der Umwelt nutzbar zu machen, Prozesse effizienter zu machen und Ressourcen freizusetzen. Wenn wir vom Transhumanismus als einer Abkehr von unserer Natur sprechen, liegen wir bereits falsch. Menschheit und Technologie waren nie getrennt. Sie waren immer eins.

Auch das Auge ist Technologie. Bevor sich Organe entwickelten, übernahmen diffuse Zellen die Lichtempfindlichkeit. Durch Selektion entwickelten sie sich weiter: Linsen, Netzhäute und neuronale Verarbeitung entstanden, weil sie Information effizienter verarbeiteten. Wir nennen das Auge Anatomie. Dieselbe Logik gilt für das Rad, die Kanalisation oder Impfstoffe.

Kalorien für das Gehirn

Die Evolution hat nicht aufgehört. Als wir begannen, Feuer zu nutzen, lagerten wir Verdauung aus. Gekochte Nahrung liefert mehr Energie bei weniger Verdauungsaufwand, wodurch Kalorien für das Gehirn frei geworden sind. Der Darm schrumpfte in dieser Zeit um 30 Prozent, während das Gehirnvolumen um das Dreifache anwuchs. Die Biologie hat sich gemeinsam mit Technologie entwickelt. Als wir begannen, Kleidung zu tragen und Unterkünfte zu bauen, wurde unsere Haut dünner und unsere Knochen weniger dicht. Unsere Biologie hat die Existenz von Werkzeugen in sich aufgenommen. Menschen von Technologie zu trennen ergibt so wenig Sinn wie Gebäude von Fundamenten.

Dieselbe Lernkurve sehen wir auch im Gehirn: Bei neuen Aufgaben aktiviert das Gehirn frontale Regionen. Mit Übung verlagert sich die Aktivität nach hinten; das ist Automatisierung innerhalb unserer Anatomie.

Verbreitete Technologien verschwinden im Hintergrund. Schrift und fliessendes Wasser wirken heute nicht mehr wie Technologie. Genauso wenig werden neuronale Schnittstellen als solche betrachtet werden, sobald genügend Menschen sie nutzen. Was wir «Cyborg» nennen, ist eine Gradfrage. Jede Schwelle, die wir überschritten haben, folgte demselben Muster: Feuer, Schrift, Buchdruck, Impfstoffe, Elektrizität, Computer. Anfangs kritisiert, innerhalb kurzer Zeit allgegenwärtig, weil sich ihr Nutzen bewiesen hat, indem sie Aufgaben automatisierten. Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit.
Die Kanalisation verwandelte die Zivilisation. Sie ermöglichte es Menschen, in kleinen städtischen Wohnungen zu leben, wodurch der Platzverbrauch pro Person sank. Die Digitalisierung setzte diesen Prozess fort. Das ist die komprimierende Natur der Technologie: Sie befreit den Organismus vom Ballast seiner Infrastruktur, sodass er seine Kognition auf den nächsten schwierigeren Schritt richten kann – genau wie das Gehirn höhere Strukturen entlastet, indem Tätigkeiten in tiefere Regionen verlagert werden. Automatisierung ist ein Gesetz des Lebens. 

«Verbreitete Technologien verschwinden im Hintergrund.»

Von der Rehabilitation zum schnelleren Lauf

Dieselben Technologien, die es einer gelähmten Person ermöglichen, wieder zu gehen, werden uns die Fähigkeit geben, schneller als Usain Bolt zu laufen. Welche Technologie wurde jemals ausschliesslich eingesetzt, um nur das untere Ende der Verteilung zu verbessern? Wir werden alle Rekorde brechen.

Der Einwand von konservativer Seite lautet, dies sei gefährlich, weil wir an etwas Funktionierendem herumbastelten. Aber: Wir haben immer daran herumgebastelt. Menschen haben sich über Jahrtausende indirekt verändert – durch Feuer, Werkzeuge, Schrift, Medizin und Infrastruktur. Direkte Eingriffe in den Körper sind keine Abkehr von diesem Prozess, sondern seine Fortsetzung. Was wir «menschliche Natur» nennen, ist selbst das Ergebnis früherer technologischer Anpassungen.

So gelangten wir in einem Jahrhundert von einer Weltbevölkerung von etwa 1,6 auf 8 Milliarden Menschen; so senkten wir die Kindersterblichkeit von 40 auf 4 Prozent; so reduzierten wir extreme Armut von 90 auf 8 Prozent und so rotteten wir Krankheiten wie die Pocken aus, während andere kurz vor der Ausmerzung stehen.

Entscheidend ist, ob eine Umsetzung insgesamt mehr Nutzen als Schaden bringt. Verbleites Benzin bestand diesen Test nicht, Nuklearmedizin schon und Impfstoffe bestanden ihn eindeutig. Jedes Werkzeug muss anhand seiner Auswirkungen beurteilt werden – woran sonst sollten wir es messen? Das konservative Misstrauen gegenüber Neuem ist unvollständig. Misstrauen ist ein guter Ausgangspunkt, darf aber nicht das abschliessende Urteil sein.

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