Im Land der Mythen

Die Schweizerfahne weht überall; die sie hochhalten, sind aber weniger Aufrechte als Unsichere: Von den tiefen Steuern über die starke Armee bis zum freien Arbeitsmarkt klammern sich die Schweizer an Konzepte, die bestenfalls noch als Restbestände existieren. Eine Entzauberung.

Im Land der Mythen
Konrad Hummler, photographiert von Philipp Baer.

Herr Eichenberger, Herr Hummler, was ist los mit der Schweiz? Die Bürger europäischer Staaten verweisen auf unser Land als Insel der Glückseligen und tatsächlich: Wir haben eine gute Infrastruktur, tiefe Arbeitslosenzahlen, ein ansprechendes Bildungsniveau – doch uns selber überzeugt das alles offenbar nicht. Stärker denn je scheinen sich die Schweizer unbehaglich zu fühlen und sich und ihren Kleinstaat in Frage zu stellen. Wie erklären Sie sich das?

Konrad Hummler: Möglicherweise hat das «Unbehagen» damit zu tun, dass die Politik seine positive Kehrseite, das «Wohlbehagen», aus dem Blick verloren hat. Immer ist die Rede davon, dass die Schweiz auf internationalem Parkett als «Global Player» auftreten müsse. Diese übertriebene Geltungsvorstellung drängt das banale, aber doch für die einzelnen Menschen zentrale Anliegen des «Wohlbehagens» im eigenen kleinen Umfeld zurück. Ich meine: in dieser Diskrepanz liegt die Hauptursache für das «Unbehagen».

Reiner Eichenberger: Klingt gut. Nur haben wir interessanterweise dem «Unbehagen» zum Trotz heute klar mehr Stolz und «Swissness» als vor 10 oder 20 Jahren.

Hummler: Gerade die Hochkonjunktur der Insignien, das dauernde Zeigen der Flagge etwa, sehe ich als Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Weil eine gefühlte Differenz besteht zwischen dem Ziel, das man als Gemeinschaft haben könnte – dem Wohlbehagen –, und den Bestrebungen, die die Politik effektiv unternimmt. Die Differenz versucht man mit der Schweizerfahne zu verhüllen: Inzwischen kann ja kein Bundesrat mehr auftreten, ohne dass ein solcher Fetzen im Hintergrund hängt. Man bräuchte diese stoffliche Vergewisserung nicht, wenn es kein Identifikationsproblem gäbe.

Eichenberger: Hingegen muss man sagen: Weltweite, standardisierte Befragungen zur Lebenszufriedenheit zeigen seit Jahren, dass die Schweizer und die Dänen die glücklichsten Menschen der Welt sind; insofern können wir also nicht von einem negativen Trend sprechen. Trotzdem gibt es aber sehr gute Gründe für ein «Missbehagen». Wirtschaftlich und politisch steht die Schweiz zwar sehr gut da. Aber mit wem vergleichen wir uns, um zu diesem Schluss zu kommen? Mit Kranken und Fusslahmen! Dass es uns besser geht als den Italienern oder Franzosen mit ihren völlig überzentralisierten und überregulierten Systemen, ist noch keine Erfolgsgeschichte! Wir haben völlig falsche Vergleichsmassstäbe – ganz egal, ob es um die Arbeitslosigkeit, die Armutsfrage oder die Steuerlast geht –, und die Leute merken das. Daher, glaube ich, rührt das Unbehagen.

Haken wir gleich bei der Steuerlast ein. Der Vergleich, der landläufig gezogen wird, stilisiert uns zum «Steuerparadies» – eigentlich eine schöne Vorstellung. Wo stehen wir tatsächlich, wenn wir unsere Steuersätze an den europäischen messen?

Eichenberger: Für Durchschnittseinkommen ist die Steuerbelastung tief. Ganz anders sieht es aber für «Gutverdienende» aus. In vielen Kantonen, etwa in Zürich, liegt die Belastung der Einkommensteile über rund 250 000 Franken jährlich bei mehr als 50 Prozent – wenn die Kantons-, Gemeinde-, Kirchen- und Bundessteuern sowie die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge der AHV und die Beiträge zur Arbeitslosenkasse berücksichtigt werden, die zulasten der Arbeitnehmer gehen. Anders als in den allermeisten Ländern werden die in der Schweiz auch von Gutverdienenden erhoben, obwohl diese dadurch nicht mehr Leistung erhalten. Dazu kommt die Vermögenssteuer, die in Europa sonst nur noch Frankreich, Norwegen und Luxemburg kennen, wobei sie dort überall wesentlich tiefer ist. Und zudem sind wir eines der letzten Länder mit einer Vollbesteuerung von Kapitaleinkommen. Die meisten Länder erheben auf Kapitaleinkommen nur etwa halb so hohe Steuern wie auf Arbeitseinkommen. Die OECD-Wahrnehmung der Schweiz als «Steuerparadies» gilt also lediglich für die wenigen pauschalbesteuerten Ausländer sowie die Normalbesteuerten in einzelnen kleinen Kantonen.

Die Sicht der OECD ist das eine. Wie kommt es aber, dass sich auch viele Schweizer im Steuerparadies wähnen – die Linken werden nicht müde, eine stärkere Schröpfung der Vermögenden zu fordern, und die Bürgerlichen pochen darauf, die «tiefen Steuern» zu bewahren…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»