Wir können dem Planeten seine Natur zurückgeben
Im Verlauf seiner Geschichte hat sich der Mensch zunehmend von der Natur entkoppelt. Das ist keine Tragödie, sondern ein Fortschritt.
Was macht uns zu Menschen? Was unterscheidet den Homo sapiens vom Homo erectus? Ist es die Sprache? Nein, denn alle sozial lebenden Tiere haben eine «Sprache», sie kommunizieren untereinander. Dass wir sie nicht verstehen, heisst nicht, dass sie nicht miteinander «sprechen».
Ist es der Gebrauch von Werkzeugen? Nein, auch das ist im Tierreich weit verbreitet. Schimpansen, Krähen, Delfine benutzen Werkzeuge und sie stellen sie manchmal sogar selbst her. Spinnen spinnen Netze, Vögel, Wespen und Termiten bauen Nester.
Hominiden wurden zu Menschen, als sie lernten, das Feuer zu nutzen. Wir wissen nicht genau, wann sie diese Fähigkeit erlangt haben. Prähistorische Forschung deutet darauf hin, dass es Hunderttausende von Jahren her ist. Später haben sie gelernt, das Feuer selbst zu entfachen. Sie mussten nicht mehr auf den nächsten Waldbrand warten.
Feuer ist gefährlich. Es kann verletzen. Es kann Dinge entzünden, die man nicht verbrennen will. Es muss grossen Widerstand gegen die Nutzung des Feuers gegeben haben. Aber Feuer ist eben auch praktisch und hilfreich. Es erleuchtet die Nacht, hält Raubtiere fern, es wärmt und macht Speisen besser verdaulich. Der Gebrauch des Feuers hat sich trotz seiner Gefahren durchgesetzt. Die Feuergegner sind ausgestorben. Wir sind die Geschöpfe des Prometheus.
Die nächste Disruption war die Erfindung der Landwirtschaft und der Viehzucht. Damit endete das nomadische Leben. Die Menschen mussten sich niederlassen und sesshaft werden. Das gefiel nicht allen. Es entstand die Legende von der Vertreibung aus dem Paradies. Statt jagen und sammeln hiess es jetzt arbeiten! «Im Schweisse deines Angesichts», wie es in der Bibel steht. Allerdings stand ihnen nun neben der eigenen Muskelkraft auch die von Ochsen und Pferden zur Verfügung. Bis jetzt waren die Menschen ein Teil der Natur. Von nun an bedienten sie sich bei der Natur.
Wenn die sesshafte Lebensart eine Katastrophe war, dann war es eine erfolgreiche Katastrophe: Das Leben wurde weniger gefährlich. Die Raubtiere blieben ausgesperrt und die Nahrungsgrundlage war nun sicherer. Die Menschheit wuchs.
Nach der Katastrophe der Aufbruch
Der Venetianer Marco Polo kehrte 1295 nach Hause zurück. Er hatte fast 20 Jahre in China verbracht. Polo erzählte von der Seidenstrasse und den Reichtümern im fernen Reich des Khan. In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich ein reger Handel und viel Neues kam nach Europa. Güter wie Seide und Porzellan, Ideen wie die des Konfuzius – und Krankheiten. 1347 brach im Hafen von Genua die Pest aus – eingeschleppt aus dem Orient. In den nächsten Jahren breitete sie sich über fast ganz Europa aus, mit verheerenden Folgen. Die Krankheit war hochansteckend, Hygieneregeln waren unbekannt, und so gab es kaum Gegenmassnahmen. Historiker nehmen an, dass bis 1353 zwischen einem Drittel und der Hälfte der Menschen Europas an der Krankheit starben. Bei einem solchen Aderlass lösen sich soziale und ökonomische Strukturen zwangsläufig auf.
Der Tod hatte sozial neutral zugeschlagen. Fürsten und Lehnherren starben wie Leibeigene und Tagelöhner. Die Nachfrage nach Lebensmitteln ging zurück. Die Preise sanken, ebenso wie die Landpreise. Dagegen wurde Arbeitskraft rar. Die Löhne stiegen. In vielen Fürstentümern verschwand die Leibeigenschaft. In den Klöstern fehlten die Schreiber. Deshalb hatte Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks Erfolg. Das auf die Pestkatastrophe und seine Nachwehen folgende 15. Jahrhundert war das Jahrhundert der Renaissance, das Jahrhundert der Entdeckungen, das erste Jahrhundert der beginnenden Neuzeit. Man kann sagen: Die Pest hat das Mittelalter beendet und einen Prozess in Gang gesetzt, der Unvorstellbares hervorbringen sollte.
Muskeln aus Kohle
Im Jahr 1712 pumpte in einer öden Gegend im Nordwesten von England ein fauchendes Ungetüm Wasser aus dem Boden. Es war die erste funktionierende Dampfmaschine. Sie entwässerte eine Kohlemine. Zum ersten Mal war es gelungen, Wärme in Kraft zu verwandeln.
Thomas Newcomens «Feuermaschine» war zwar ein «Erstmals», aber noch kein Durchbruch. Der kam erst, als James Watt 50 Jahre später eine viel effizientere und kompaktere Version der Dampfmaschine vorstellte. Watts Dampfmaschine setzte die industrielle Revolution in Gang. Jetzt kam Kraft nicht mehr aus Muskeln von Menschen und Pferden, sondern aus Kohle.
Alles wurde anders. Aus gemütlichen Heimarbeitern wurden gestresste Fabrikarbeiter. Auch Kinder mussten arbeiten. Eisenbahnen transportierten Menschen und Güter mit «Überpferd»-Geschwindigkeit. Die Fuhrleute wurden arbeitslos. Die Fabrikarbeiter fühlten sich ausgebeutet und rebellierten. In Uster setzten sie 1832 eine Fabrik in Brand. Karl Marx wetterte gegen die Ausbeuter und träumte von einer «Diktatur des Proletariats». Die industrielle Revolution begann mit einem sozialen Chaos.
Doch aus dem Chaos entstand eine neue Welt: die Moderne. Parallel zur industriellen Revolution fand eine wissenschaftliche Revolution statt. Vielleicht die wichtigste Erfindung war der Kunstdünger. Justus von Liebig hatte erkannt, was die Pflanzen ausser Wasser und Sonnenlicht brauchen, um zu gedeihen: Spuren von Schwefel, Phosphor und Stickstoff. Sein Kunstdünger lieferte Schwefel und Phosphor; für den Stickstoff brauchte man peruanischen Vogelmist, «Guano», bis es den Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch Anfang des 20. Jahrhunderts gelang, aus Luftstickstoff Ammoniak herzustellen. Die vom Pfarrer Thomas Malthus ein Jahrhundert zuvor befürchteten Hungersnöte blieben aus – dank Kunstdünger! Ohne Kunstdünger hätten sie sich bewahrheitet. Zwei Drittel der Menschheit wären verhungert.
In den Dreissigerjahren des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich ein Chemielaborant namens Michael Faraday mit Magneten und Drahtspulen. Er fand heraus, dass sich mit Magneten in bewegten Spulen eine elektrische Spannung erzeugen lässt. Er erfand einen Vorläufer des elektrischen Generators und begründete damit das Zeitalter der Elektrizität. Man erzählt sich, dass ein Mitglied der britischen Regierung ihn in seinem Laboratorium besucht habe. Auf die Frage, wozu diese Spielereien gut seien, habe Faraday geantwortet: «Eines Tages, Herr Minister, werden Sie darauf eine Steuer erheben.» Das nennt man Weitblick.
«Die vom Pfarrer Thomas Malthus ein Jahrhundert zuvor befürchteten Hungersnöte blieben aus – dank Kunstdünger! Ohne Kunstdünger hätten sie sich bewahrheitet. Zwei Drittel der Menschheit wären verhungert.»
Ende des 19. Jahrhunderts waren die Grundlagen zu einem goldenen Zeitalter geschaffen. Feuer zu Kraft, Kraft zu Elektrizität und dank Elektrizität Energieübertragung über grosse Distanzen. Doch wieder geschah ein grosser Reset. Die beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterbrachen den Fortschritt oder lenkten ihn in militärische Bahnen.
Europa war 1945 ein Trümmerfeld. Der Wiederaufbau mobilisierte ungeahnte Kräfte und unvorstellbare Neuerungen.
Das zweite Feuer
In der Wohnung, in der ich anfangs der 1940er-Jahre als Dreikäsehoch begann, die Welt zu erkunden, gab es keine Steckdosen. Wozu auch – es gab ja nichts einzustecken. Das sollte sich bald ändern, und zwar dramatisch. Zunächst kam das elektrisch beheizte Bügeleisen. Dann kam der elektrische Kochherd, die Waschmaschine, das Radio, der Kühlschrank. In der Schweiz hatte das «Dampfross» schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg der Elektrolokomotive Platz gemacht. Der Siegeszug der elektrischen Energie hatte begonnen; damit war der vorläufige Höhepunkt der industriellen Revolution erreicht.
Bald drohte ein Strommangel. Die Wasserkraftwerke in der Schweiz stiessen an ihre Kapazitätsgrenzen und man erwog, Ölkraftwerke zu bauen. Da mahnte Bundesrat Willy Spühler an der Jahresversammlung 1964 des Verbands der Schweizer Elektrizitätswerke, den Schritt direkt zur modernen und sauberen Kernenergie zu gehen.
«Wenn die Bor-Wasserstoff-Fusion gelingen wird, werden wir Energie im Überfluss haben.»
Um den Jahreswechsel 1938/39 hatten Fritz Strassmann, Otto Hahn und Lise Meitner die physikalischen Grundlagen zur Kernenergie geschaffen. Sie hatten entdeckt, dass sich der Kern des Uranatoms spalten lässt und dass dabei sehr viel Energie freigesetzt wird. Im Rückblick darf man sagen: Sie schenkten der Menschheit das zweite Feuer, mächtiger und trotzdem besser kontrollierbar als das erste Feuer. Prometheus II, gewissermassen. Dieses zweite Feuer wird die Menschheit nachhaltiger verändern als das erste. Wir sind erst am Anfang der Entwicklung. Nach den inhärent sicheren Fissionskraftwerken der nächsten Jahrzehnte dürfte das Zeitalter der Fusion einsetzen. Dann fallen die letzten (Schein-)Argumente gegen die Kernenergie dahin. Und wenn dann sogar die Bor-Wasserstoff-Fusion gelingen wird, werden wir Energie im Überfluss haben.
Was macht man mit Energie im Überfluss? Voraussagen kann man das nicht. Möglichkeiten aufzeigen aber schon:
- Die Kreislaufwirtschaft kann fast vollständig sein. Rohstoffe, die durch unvollständiges Recycling verlorengehen, gewinnt man aus Meerwasser. Bergwerke braucht es nicht mehr.
- Wir werden Fleisch essen, ohne Tiere töten zu müssen. Muskelfasern aller Art wachsen in Bioreaktoren.
- Gartenbau und Landwirtschaft verlegt man aus der Natur in Gewächshochhäuser. Die Pflanzen wachsen 24 Stunden am Tag dank künstlichem Licht, sie werden präzise nach ihren Bedürfnissen gedüngt und Schädlinge werden ferngehalten.
- Künstliche Intelligenz kontrolliert die ganze Wirtschaft und all die Kreisläufe. Sie findet und behebt Schwachstellen und Störungen.
Wir waren einst Teil der Natur. Wir streiften durch Wälder und Savannen und ernährten uns von dem, was wir fanden. Dann haben wir angefangen, die Natur zu nutzen, teilweise gar zu plündern. Wir domestizierten Tiere und züchteten neue Pflanzen. Nun haben wir uns von der Natur entkoppelt. Wir brauchen sie nicht mehr. Wir können dem Planeten seine Natur zurückgeben – dank dem zweiten Feuer.