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«Unter dem Schutz der Amerikaner zu leben, war opportunistisch und nützlich»
Tito Tettamanti hält die EU für falsch gebaut. Bild: C. Bader.

«Unter dem Schutz der Amerikaner zu leben, war opportunistisch und nützlich»

Die Stärke Europas liege in seiner Fragmentierung, sagt der Unternehmer Tito Tettamanti. Die Tragik der EU liege darin, dass sie in die umgekehrte Richtung gehe.

Dottore Tettamanti, Sie sind in unmittelbarer Nähe des faschistischen Italiens aufgewachsen. Was bedeutet Europa für Sie?

Europa ist geprägt worden durch die Kämpfe unter europäischen Grossmächten, die seit Beginn der Neuzeit versuchten, über den Kontinent zu herrschen: Spanien unter Karl V. um das Jahr 1500, Frankreich von 1600 bis 1800 unter Heinrich IV., Ludwig XIV. und Napoleon. Nach dem Vertrag von Wien 1815 ging die Macht auf das Österreich-Ungarische Reich über, später stiess Deutschland hinzu, was unter Hitler in der Katastrophe endete. Es ist eine Geschichte, die wir heute als Konkurrenz der Systeme bezeichnen würden. Sie ist ein Teil unserer DNA, der total vergessen worden ist. Zu dieser DNA gehört aber auch das Erbe des Humanismus, der Renaissance und des schottischen und französischen Zeitalters der Aufklärung als supplément d’âme und Wurzel der abendländischen Kultur.

Wie erlebten Sie die europäische Einigung in der Nachkriegszeit?

Anfänglich war die europäische Einigung das Werk christlich-demokratischer Konservativer wie Schuman, Adenauer und De Gasperi. Das waren Persönlichkeiten, die den Krieg erlebt hatten. Als 1957 die Römischen Verträge abgeschlossen wurden, war ich 27 – und ein überzeugter Proeuropäer. Die Idee war wirtschaftliche Zusammenarbeit in Freiheit. Artikel 3 des Abkommens zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zielte auf den freien Warenverkehr sowie den «freien Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr». Die heutige bürokratische Situation ist exakt das Gegenteil.

Was ist der Grund dafür?

Die EU ist falsch gebaut. Es gab eine Reihe von Richtungsfehlern. Da war zum einen die falsche Übertragung von Souveränität von den Mitgliedstaaten an Brüssel in den Maastrichter Verträgen. 2001 folgten die vom grossen marxistischen Philosophen Habermas inspirierten Beschlüsse in Nizza über die Grundrechte. Mit dem Vertrag von Lissabon von 2007 gab sich die EU der Illusion hin, in zehn Jahren die weltgrösste Wirtschafts- und Industriemacht zu werden. Das Gegenteil ist passiert – auch das war eine Konsequenz der falschen Politik. Vergessen wir nicht, dass Ursula von der Leyen bei ihrer Wahl zur Kommissionspräsidentin 2019 den milliardenschweren European Green Deal lanciert hat, der Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent machen soll. Sie tat dies, um die Stimmen der Grünen und der Sozialisten zu bekommen. Die negativen Konsequenzen, insbesondere in der Autoindustrie, sind heute bekannt. Dabei stellte sich niemand die Frage, woher das Geld kommt. Heute haben wir eine Vereinigung von überschuldeten Ländern. Über die verfehlte Migrationspolitik und die unfähige Reaktion der EU im Krieg gegen die Ukraine habe ich noch gar nicht gesprochen.

Europa wird oft als Schweiz im Grossen bezeichnet. Passt dieses Bild?

Das ist Unsinn. Wir sind mit unserer Geschichte, Tradition und politischen Kultur genau das Gegenteil. Denken wir nur an den grossen Einfluss, den der Absolutismus in den Ländern der Europäischen Union hinterlassen hat.

Worin zeigt sich dieser?

Zum Beispiel in der Arroganz der Mächtigen. In allen unseren Nachbarländern sind Spitzenpolitiker mit dem Strafrecht in Konflikt geraten und wurden verurteilt. Der Grund liegt in der Überzeugung, man könne sich, wenn man gewisse Machtpositionen innehat, Dinge erlauben, die sich die Bürger nicht erlauben können. Diese Arroganz hat im Absolutismus ihre Wurzeln. Was für ein Kontrast zur Schweiz: Hier kehrt der Bundespräsident am Abend nicht in einen Palast zurück, sondern in eine normale Wohnung, für die er Miete zahlt.

Wie kann man eine gemeinsame europäische Kultur schaffen, wenn die Kulturen so verschieden sind?

Europa ist fragmentiert. Die Konkurrenz untereinander war immer seine Stärke. Ein kulturell einheitliches Europa existiert nicht. Natürlich gibt es bei allen Unterschieden eine gemeinsame abendländische Kultur. Leider wurde sie aber geschwächt durch die Theorie des Multikulturalismus und durch die wokeistischen Strömungen, welche die «Bürgerlichkeit» vernichten wollen.

Europa hat sich in der Nachkriegszeit als Wertegemeinschaft aufgespielt, während es sich unter dem Schutzschirm der Amerikaner bequem eingerichtet hat. War das nicht ein Selbstbetrug?

Unter dem Schutz der Amerikaner zu leben, war opportunistisch und nützlich. Europa war nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA abhängig. Anstatt zu versuchen, einen positiven Beitrag zu leisten, haben viele Vertreter der führenden Schichten einer antiamerikanischen und antiatomaren Politik das Wort geredet, gleichzeitig aber die USA für unsere Verteidigung zahlen lassen. Europa war eigentlich immer von den Amerikanern abhängig. Nun ziehen sich diese zurück. Europa ist absolut unvorbereitet für den Krieg. Anstatt in die eigene Verteidigung haben die Europäer lieber in den Sozialstaat investiert. Erschwerend hinzu kommt, dass politische Figuren und der Mut einer Frau Thatcher, eines Blairs oder Schröders fehlen, die versuchten, echte Reformen umzusetzen.

Hat sich nicht auch der Zeitgeist gewandelt?

Die Gesellschaft hat sich selbstverständlich gewandelt. Früher bekämpften sich die Bürgerlichen und die Sozialdemokraten, aber innerhalb einer gleichen Verfassungsvision für im Grunde genommen die gleiche demokratische Gesellschaft. Das ist vorbei. Die Mittelklasse ist links geworden. Vor ungefähr 50 Jahren erkannten einige linke Intellektuelle, dass sie mit Kommunismus keinen Blumenstrauss mehr gewinnen, weil die Arbeiter längst bürgerlich geworden waren. Also setzten sie auf neue Themen: Diskriminierung, Frauen, sexuelle Minderheiten und so weiter. Das kommt bei der urbanen, kultivierten Klasse an. Auf der anderen Seite stehen heute die einst bürgerlichen Parteien, deren erstes Ziel es ist, nicht mehr bürgerlich zu sein, und die keine echten eigenen Projekte für die Gesellschaft haben. 

Sind die Kräfte der neuen rechten Parteien eine Gefahr oder eine willkommene Auffrischung der politischen Kultur?

Es ist zu früh, um ein definitives Urteil zu fällen. Aber wenn sie die Unterstützung eines signifikanten Teils der Bürger haben, sollen sie in einer Demokratie das Recht erhalten, mitzubestimmen. An ihren Leistungen muss man sie messen. Doch die etablierten Parteien wollen die Macht behalten, auch wenn sie versagt haben.

Sie haben 2023 einen Artikel für den «Schweizer Monat» geschrieben, den Sie mit dem Satz beendeten: «Wenn ich so darüber nachdenke, kommen mir Zweifel an der Vorstellung, dass die Welt stetig besser wird.» Woher kommt dieser Kulturpessimismus?

Grundsätzlich bin ich ein Optimist. Die menschliche Geschichte ist eine Geschichte des Fortschritts. Der Mensch hat eine unglaubliche Fähigkeit, Neues zu finden. Aber im Verlauf dieser Geschichte des Fortschritts gibt es auch sehr schwierige Phasen der Schwächen und Umwälzung. Und in einer solchen leben wir gerade. Ich weiss nicht, wie wir da rauskommen.

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