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Schweizer Autoren in Kurzkritik XV

14 Bücher, vorgestellt in der fünfzehnten Folge der «Schweizer Autoren in Kurzkritik». Fortsetzung folgt.

Das war eigentlich alles

Denke ich an Signers Kunst, kommt mir eine Erzählung in den Sinn. Nun, nicht wirklich eine Erzählung, es ist ja nicht viel mehr als ein Satz: «Es ging einmal ein Mann ins Büro und traf unterwegs einen anderen, der soeben ein französisches Weissbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand. Das ist eigentlich alles.» Daniil Charms heisst der russische Schriftsteller, dem so etwas einfiel. Und Helmut Heissenbüttel hat Jahrzehnte später eine Vielzahl von Variationen dazu geschrieben. In seinem Buch «Eichendorffs Untergang und andere Märchen» findet sich etwa: «Ein Zaunkönig heiratete einmal eine Butterblume. Die Kinder, die sie miteinander zeugten, sind gutgeraten und haben Erfolg im Leben. Mehr lässt sich dazu eigentlich gar nicht sagen.» Liesse sich ein Buch denken, das Signers Arbeiten in dieser Lakonik zusammenfasste? Etwa: «Ein Mann lag im Bett. Da kam ein Helikopter. Man hätte meinen können, es sei eine Hummel. Das war eigentlich alles.» Oder: «Ein Mann fährt im Kajak. Wer glaubt, er sei auf dem Wasser, täuscht sich gewaltig. Selbst die Kühe kommen vor Freude ins Schwitzen. That’s it.»

Der querformatige Bildband «Projektionen» erscheint wie der visuelle Bruder dieser Buchvision: Super-8-Filme und Videos, die zwischen 1975 und 2008 entstanden sind, werden durch nichts als ganzseitige Stills projiziert. Eines, bisweilen, wo die Dramaturgie der Arbeit es erfordert, durch zwei. Für jemanden, der eine Spielanordnung, eine Skulptur, eine Installation kennt, ist der Band ein Erinnerungsalbum. Wer etwas zum erstenmal sieht, wird sich meist einen Reim auf die Verdichtungen und Abbreviaturen machen können. Was hört man wohl, wenn Sand auf eine Geige rieselt? Und was, wenn das Metronom das Allegro vorgibt oder die Rakete loszischt? Stets wird man mehr sehen und hören müssen als das, was der Moment hergibt, und die Projektionen enthüllen ihre banal-schönen Geheimnisse nur durch das, was wir hineinprojizieren. Das hat mit Signers Arbeiten zu tun, mit der besonderen Problematik, wie man Arbeiten dieser Art in einen «Katalog» bringen kann. Wie man sie dem Vergehen entreisst. Wie man Werke daraus macht. Es ist, als wolle man des Gespensts nach der Geisterstunde habhaft werden. Als wolle man das Ephemere jenes Kajakfahrers erhaschen, der in der Arbeit «Flussaufwärts» des Nachts bei Stampa im Bergell aufs strudelnde Wasser projiziert wird. Die Texte von Simon Maurer im Anhang erschliessen einem manches; sie haben eine eigene Poesie und sind so gar nicht im Jargon der Kunstkritik gehalten. Kein Wort dagegen. Und trotzdem, es ist, als hätte man der Radikalität des eigenen Buches nicht ganz getraut. Man will immer so viel sagen, mehr als Charms.

vorgestellt von Jürg Berthold, Zürich

Simon Maurer, Hubertus Gaßner (Hrsg.): «Roman Signer – Projektionen. Super-8-Filme und Videos 1975–2008». Zürich: Scheidegger & Spiess, 2008

Gemeinsam baden in Nettigkeiten

Ungläubige betrachten die Religionen und deren esoterische Bewüchse und Mutationen als ein wimmelndes Nach- und Nebeneinander. Gläubigen aber ist diese zoologische Vorstellung ein Horror; denn sie können nicht wahrhaft das Wahre glauben, solange die Falschgläubigen nebenan wahrhaft das Falsche glauben.

Christoph Gellner, theologischer Lehrbeauftragter an der Universität Luzern, versucht in seinem Buch «Der Glaube der Anderen» zu zeigen, wie zwischen dem Christentum und den anderen grossen Religionen ein nicht diskriminierendes Verständnis möglich sein soll. Im Untertitel «Christsein inmitten der Weltreligionen» klingt die Vorstellung an, umzingelt zu sein. Gellner lehnt ein «Nebeneinander gleich gültiger Standpunkte» ab, es geht ihm um die Vermeidung von Vermengung, um das Festhalten am eigensten Glauben und gleichzeitig darum, dass eine gedankenlose Toleranz des Anderen als Wurschtigkeit ebenso beleidigend erscheinen muss wie der christliche Primatsanspruch. Einfluss ja, Aufweichung nein. Gellner erklärt das Eigentliche der Konkurrenz zu einem Stimulans oder Exerzitium.

Das Buch ist freundlich christozentrisch. Denn das unauflösbare Dilemma bleibt: Gellner behauptet, der Herr habe seine Herrlichkeit sowohl im Judentum als auch im Islam versteckt, sogar im Hinduismus, und er deutet an, der Buddhismus sei eine Art Ostereier-Suchwiese für Christen, um doch überall Jesus zu entdecken. Mit dieser Allschöpfungsdarstellung beleidigt er jeden wahrhaft Falschgläubigen. Christen müssten sich dementsprechend anhören, Allah habe Jesus erfunden, um den tiefen Glauben der Muslime zu erproben.

Verträgt sich die Meinung, die leidige Konkurrenz sei eine Prüfung der Christen durch den Christengott, mit der von Gellner gefeierten «kopernikanischen Wende» gegenüber fremden Religionen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil? Anzudeuten, Gott habe die anderen Religionen als Testgelände mitgeschaffen, bedeutet wieder Primatsanspruch. Gellner seufzt: «Letztlich bleibt keine andere Möglichkeit, als Andere vom Standpunkt der eigenen Vorstellungen und Überzeugungen zu betrachten.»

Kann dieses Buch mehr sein als ein Aufruf, ein geschicktes Arrangement zu finden? Gellner meidet zwar glücklicherweise die Bezeichnung «ganzheitlich», aber das Modewort «Verortung» fällt auch hier, und er muss zu vielen nichtssagenden Formulierungen greifen («tiefe Spiritualität und eindrucksvolle Weisheit»), um allein das Gemeinsame der ohnehin verwandten prophetischen Religionen herauszustellen, er nennt es «abrahamische Spiritualität». In den Passagen über die nichtprophetischen Religionen des fernen Ostens wird endgültig alles zugunsten des Wortes «Spiritualität» geopfert. Gellners Vergleiche zwischen Jesus und Gautama enden in Allgemeinheiten, die niemanden verletzen, aber auch der Katalogesoterik in nichts nachstehen.

Sein Wort von der «Lerngemeinschaft» deutet ein mönchisches Ideal an, einen interreligiösen Riesengesprächskreis wie eine Art UN-Sicherheitsrat. Leider warnt er viel zu pauschal vor «Tendenzen zur laizistisch weichgespülten Privatisierung und gesellschaftlichen Neutralisierung des Religiösen» und verrät dabei nicht, wie seine geforderte Annäherung ohne einen neutralen Boden überhaupt erfolgen soll. Er ist wie jeder gutmeinende Gläubige gezwungen, eine ungläubige, weltliche Basis stillschweigend anzuerkennen. Kein friedliches Zusammenleben entsteht mehr ohne aufklärerisches Vokabular und Verlust in glaubensfremder Abstraktion. Die eigentliche «kopernikanische Wende», das Christentum aus dem Zentrum des abendländischen Weltbildes zu nehmen und durch die abstrakte Sonne «Spiritualität» zu ersetzen, vollzieht längst die Esoterik. Eine Konsequenz ist das zoologische Nebeneinander. «Warum es aber diese Vielzahl sich widersprechender religiöser Wege gibt, darauf wird nur Gott selbst eine Antwort geben können.» Seid nett zueinander, mehr ist nicht drin.

vorgestellt von Marcus Jensen, Berlin

Christoph Gellner: «Der Glaube der Anderen. Christsein inmitten der Weltreligionen». Düsseldorf: Patmos, 2008

Mit der Zuckerdose wider das Schlechte

Zu den musealen Juwelen in Winterthur gehört die Villa Flora. Sie beherbergt eine hochkarätige Kunstsammlung, die das Ehepaar Hedy und Arthur Hahnloser in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts aufgebaut hat und die ausgezeichnete Werke des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts umfasst, namentlich auch solche des französischen Nachimpressionismus. Zusammen mit Kontext und Ambiente, eben der Villa Flora, ihren Interieurs und ihren Gartenanlagen, bilden diese Werke ein Gesamtkunstwerk.

«Die Seele einer Zuckerdose» ist der Katalog zu einer bis September 2009 zu sehenden Ausstellung über Stillleben. Es geht um Blumen und Früchte, um Tassen und Zuckerdosen, angeblich leblose Gegenstände, die jedoch alle eine Seele haben, glaubt man Cézanne. Dem Betrachter dieses Buches fällt dies nicht schwer. Denn dessen Auslegeordnung von Stillebenrequisiten führt mitten in die Magie einer farbig beseelten, symbolisch aufgeladenen Dingwelt. Eine sensible Deutung dieser Wirkung gibt Angelika Affentranger-Kirchrath, die als Herausgeberin zeichnet, in einem längeren Essay. Henriette Hahnloser, Urenkelin des Gründerpaars, beschreibt sodann den Zauber der Villa Flora, den auch viele Fotos evozieren. Ihre stupende Unverändertheit ist nicht Erstarrung, sondern widerstandskräftige Leistung und Bewahrung des Kostbaren. Nie wendet sich die gelungene Musealisierung spätbürgerlicher Kultur ja gegen das Neue, sondern immer nur gegen das Schlechte und das Seelenlose.

vorgestellt von Thomas Sprecher, Zürich

Angelika Affentranger-Kirchrath (Hrsg.): «Die Seele einer Zuckerdose, Stillleben und Interieurs in der Villa Flora». Bern: Benteli, 2008

Glossar mit Krimi

Dass der Zürcher Salis Verlag mit seiner neuen Krimireihe, die unter dem einprägsamen Label «sel noir» firmiert, auf Leser ausserhalb der Schweizer Grenzen spekuliert, mag dafür verantwortlich sein, dass sich im Anhang des Erzähldebüts der Berner Epidemiologin Nicole Bachmann ein Glossar findet, in dem unter anderem erklärt wird, dass sich hinter dem Kürzel «NZZ» die Neue Zürcher Zeitung verbirgt. «Doppelblind» heisst der Kriminalroman, und auch sein Titel verdient eine Erläuterung, die sich ebenfalls Glossar nachschlagen lässt. Eine Doppelblind-Studie heisst es da, sei eine «experimentelle Studie, in welcher weder die Versuchspersonen noch die Personen, welche die Daten erheben, darüber informiert werden, was die zentralen Punkte des Experiments sind». Nun weiss man aus langjähriger Fernsehkrimierfahrung, dass solche Untersuchungen nicht selten von skrupellosen Pharmakonzernen in Komplizenschaft mit geldgierigen Ärzten durchgeführt werden.

Wenn also Louise Beck, wie ihre Erfinderin von Beruf Epidemiologin und an einem Berner Privatspital tätig, auf eine ungewöhnlich hohe Sterblichkeitsrate unter den Patienten stösst, kann man fast sicher sein, dass böse Buben in weissen Kitteln hinter der Sache stecken. Glücklicherweise ist der Plot nicht ganz so einfältig, und die Amateurermittlerin hat einiges zu tun, bevor sie mit der Lösung des Falles aufwarten kann. Dass diese nicht ganz ihren eigenen Erwartungen entspricht, gehört ebenfalls zu den Pluspunkten dieses durchaus unterhaltsamen Krimis.

Ob die Epidemiologie, «die Lehre von der Verbreitung von Gesundheit und Krankheit sowie deren Ursachen und Folgen in der Bevölkerung», so das Glossar, allerdings für eine ganze Serie von Kriminalromanen taugt – wie es der Autorin wohl vorschwebt, die ihren Krimi mutig «Lou Becks erster Fall» untertitelt –, bleibt abzuwarten. Hoffen wir inzwischen, dass Frau Dr. Bachmanns eigene Tätigkeit weniger spektakulär sei als das, was sie ihrer fiktiven Kollegin zumutet.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Nicole Bachmann: «Doppelblind. Lou Becks erster Fall». Zürich: Salis, 2008

Taumel, vor dem Trinken

In seinem dritten Gedichtband «Alle deine Namen» wendet sich Raphael Urweider, 1974 in Bern geboren, der Leidenschaft zu, in der Liebe und Liederlichkeit fliessend ineinander übergehen. Gegenüber der geschmeidigen, beherrschten Diktion seiner früheren zwei Bände lässt er sich neuestens auch zu emphatischen Anrufungen hinreissen.

Die insgesamt 44 Gedichte sind in drei Abteilungen gegliedert. In «acht jahreszeiten» verfeinert Urweider eingangs den Jahreslauf. Neben dem «vollfrühling» entdeckt er den «vorfrühling», wenn noch letzte Schneefetzen liegen und der Spatz bereits hinter der Spätzin her ist. Das dem Band vorangestellte Motto aus dem Buch Prediger ist ernstzunehmen: «Und alles, was meine Augen sich wünschten, das liess ich ihnen und wehrte meinem Herzen keine Freude…» Urweider gerät ins Schwärmen und Singen, wenn er Frühling und Herbst dem faulen, untätigen Sommer vorzieht.

Auf jegliche Satzzeichen verzichtend, treibt er seine Spiele mit der syntaktischen Ambivalenz: «unsere vögel daheim sind / nachtfalter dagegen auch / habe ich versucht…» Dieses Spiel verleiht auch dem zweiten Zyklus «ein reigen» seinen Reiz. Urweider hebt darin zu einem zeitgemässen Minnesang an, einem Damenlob in hohen und höchsten Tönen von Antonia und Beatrice bis Yolanda und Zoe. Selbst Xanthippe nimmt er dabei nicht aus – Xenia hätte sich durchaus als Alternative angeboten. Die freien Verse verleihen dem Lob etwas Taumelndes und sind dergestalt nicht ohne Pikanterie. Doch ist dem Sänger zu trauen? «wie fühlte ich mich bis zu / diesem zauber mein leben lang / als wär ich müd geboren».

Demgegenüber zeichnen sich die zehn «selbstversuche» im dritten Teil durch ihre nüchterne Trunkenheit aus. In gänzlich aufgelöster Form be-

singt Urweider zehn alkoholische Getränke und beschreibt ihre Wirkungen. «gin du böses holz du harter dorn stapelst / im winter steife leichen beugst die freude». Brillant daran ist die scharfe Präzi-­sion, mit der Urweider den Alkoholika ihre Eigen-schaften zuweist: Der «scharlatan» Absinth, der bauchige Whisky, der melodische Cognac. Wer beim Wählen eines dieser Getränke mit sich uneins ist, lese zuerst diese Gedichte – laut und leidenschaftlich – und wähle danach mit Bedacht.

vorgestellt von Beat Mazenauer, Luzern

Raphael Urweider: «Alle deine Namen. Gedichte von der Liebe und der Liederlichkeit». Köln: DuMont, 2008

Ein wahrhaft weites – und vermintes – Feld

Ein komisches Buch. «Liebe, Lüge, Libertinage. Eine Expedition zu den Leidenschaften in der gegenwärtigen Literatur» heisst die Studie der Kritikerin und Literaturwissenschafterin Pia Reinacher. Sie begreift ihr Vorhaben als eine «Expedition in die zeitgenössische Literatur, die zu eigenen Streifzügen verführen soll. Sie besichtigt den gesellschaftlichen Umbruch auf einem Kerngebiet: der Beziehung der Geschlechter». In einem eigentümlichen Verfahren, das sich zwischen dem close reading, einer genauen deutenden Lektüre, und der «dichten Beschreibung» von Cifford Geertz bewegt, liest sie, von Harold Brodkey, Irene Dische und Marguerite Duras bis Martin Walser, Markus Werner und Urs Widmer, der gegenwärtigen Literatur die «Grundmuster der Liebe und des Begehrens» ab.

Die Lektüre ist zwar theoretisch angeleitet, doch dienen Pia Reinacher die literarischen Vorlagen keineswegs als Belege theoretischer Einsichten. Im Gegenteil; es geht ihr stets um deren differenzierte und darum entsprechend detaillierte Entfaltung. So beschreibt sie, anhand der Romane und Erzählungen, immer bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen von der Verführung bis zur Verzückung, von der Täuschung bis zur Lüge. Sie zielt weniger auf allgemeine Gesetzmässigkeiten, sondern eher auf die besondere Erscheinungsform. Auf diese Weise will sie das veränderte Verhältnis in der Beziehung der Geschlechter, das heisst die Liebes- und Beziehungskrisen in Zeiten einer auf Konsum programmierten Gesellschaft, erfassen. Jeder Fall, der dargestellt wird, steht erst einmal für sich; sei es Urs Widmers Beschreibung der unglücklichen Liebe seiner Mutter zu dem berühmten Dirigenten Paul Sacher, sei es Philip Roths Achterbahnfahrt der Liebe zwischen Fik­tion und Täuschung. «Lügen und Täuschungen sind Teil der sozialen Praxis.»

Diese Praktiken sind zwar tabuisiert und werden deshalb stillschweigend vollzogen, beziehungsweise heimlich akzeptiert, aber sie sind auch notwendig zur Konfliktbewältigung und, mehr noch, zur «gemeinsamen Wirklichkeitskonstruktion». Aber selbst solche verallgemeinerbaren Einsichten werden, wie hier bei Roth, wieder auf den Einzelfall zurückbezogen: «Die Frage nach der Liebe hat sich in dieser paradoxen Versuchsanlage von selbst erledigt, aufgelöst wie ein Stück Zucker im Wasser.» Der Autor erweist sich hier als «absoluter Herrscher über Realität und Fiktion».

An Gabriel Garcia Marquéz’ «Die Liebe in Zeiten der Cholera» zeigt Pia Reinacher eine exemplarische Entwicklung für den modernen Roman auf: die Bindung körperlichen Begehrens an die Phantasie. Die Strategie des Helden führt nur dank «einer Parallelaktion zum Erfolg: das Stimulieren der Imagination». Daraus schliesst sie: «Liebe entsteht dort, wo Konstruktion, Projektion, Erfindung und Entwurf möglich sind.»

Pia Reinacher präsentiert ihre Analysen auf weite Strecken hin erzählend. Es gibt keine Lehren, die man aus der Lektüre ziehen kann (noch sollte). Es gibt die Fülle der Möglichkeiten. Man sieht den Helden Genazinos zwischen seinen beiden Geliebten lavieren, man sieht die Kontrahenten Markus Werners sich gegenübersitzen, man spürt den Eros, der Bodo Kirchhoff antreibt.

Wie gesagt: ein komisches Buch. Es analysiert Literatur und handelt doch nur vom Leben, von unserem gegenwärtigen Leben.

vorgestellt von Martin Lüdke, Frankfurt a. M.

Pia Reinacher: «Liebe, Lüge, Libertinage. Eine Expedition zu den Leidenschaften in der zeitgenössischen Literatur». Berlin: Berlin University Press, 2008

Wagner in der Enge

Bevor Richard Wagner in Bayreuth seinen «grünen Hügel» fand (und sein «Wähnen» Frieden), hatte sich ihm ein solcher in Zürich geboten. Dort stand die Villa seines Gönners, Otto Wesendonck, der im Jahre 1851 als ein immens vermögender Grossbürger mit seiner geistreichen Frau, Mathilde, aus den Rheinlanden über New York an die Limmat gezogen war. Wagner lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in Zürich Enge im «Haus zum Abendstern». Die Wesendoncks logierten für sechs Jahre im Hotel Baur au Lac, bis der damalige Zürcher Stararchitekt, Leopold Zeugheer, den Prachtbau auf dem grünen Hügel in der Enge vollendet hatte.

Das benachbarte Grundstück mit dem Riegelhaus erwarb man schliesslich auch und die Wagners konnten dort im April 1857 einziehen; man nannte die Bleibe «Asyl», wie überhaupt Zürich seit 1849 dem ewigen Wanderkomponisten und seit den revolutionären Barrikadenkämpfen in Dresden steckbrieflich gesuchten Richard Wagner Asyl gewährte. Die Stadt gewährte ihm noch mehr. Alles, möchte man meinen, was er sich realistischer- und phantastischerweise erhoffen oder erträumen konnte: Anerkennung, wirkliche Resonanz, Gönnertum, das keine Grenzen zu kennen schien. Wäre da nicht die Gefühlsverwirrung mit der Frau seines wichtigsten Protektors gewesen… Es grenzt ans Unwahrscheinliche, dass dieser erratisch-genialische Sachse, dieser Brausekopf mit Sehnsucht nach Luxus und Unsterblichkeit (trotz selbstmörderischen Gedankenspielen) in dieser damals noch kleinen, gerade 17’000 Einwohner umfassenden Stadt gesetzter Bürgerlichkeit solchermassen reüssieren konnte. Es ist das Zürich des liberal und tolerant gesonnenen Bürgertums, wie es Gordon A. Craig unter dem Vorzeichen der Symbiose von «Geld und Geist» beschrieben hat (1988), jenes Zürich, das Gottfried Keller in der Mitte des 19. Jahrhunderts so wirkungsvoll mit Berlin zu vergleichen verstand, ein Laboratorium für die Synthetisierung von Besitz und Bildung.

Dass Wagner nicht nur Leipzig, Riga, Dresden, Paris, etwas London, viel Venedig und vor allem Bayreuth in sich hatte, wissen wir spätestens seit Eva Martina Hankes bahnbrechender Studie «Wagner in Zürich» (2007), wenngleich es längst hätte offensichtlicher sein können, dass diese für Wagner bis dahin immens lange, hauptsächlich an einem Ort verbrachte Zeit (1849–1858) zu den wichtigsten Schaffensphasen gehört hat. Dieser von Laurenz Lütteken betreute, vorzügliche Ausstellungskatalog zeigt, wie unmittelbar die Atmosphäre Zürichs zur Entfaltung von Wagners Schaffen beigetragen hat, und zwar im Bereich seiner ästhetischen Schriften, Librettodichtungen, Kompositionen, aber auch seiner Aufführungs-praxis – von seinen Briefen, namentlich jenen an Mathilde Wesendonck, zu schweigen. Dass die Zürcher Bürgerlichkeit sogar noch in den Meistersingern nachgewirkt hat, gehört zu jenen Befunden, die selbst den grössten Wagner-Enthusiasten nicht unbedingt präsent sein dürften.

An diesem wohlkomponierten, ausgesprochen lehrreichen Band kann kein an Wagner Interessierter achtlos vorbeigehen. Er stellt Zürich als einen für Wagner entscheidenden Kunstraum vor, der ihm ästhetische wie auch soziale und emotionale Experimente ermöglichte, einen Kunstraum, den der Komponist verinnerlicht hatte und später in der fränkischen Provinz – soweit darf man nach der Lektüre dieses Bandes gehen – in kondensierter Form, neu und ganz auf sich und sein Werk zugeschnitten, verwirklichen konnte.

Sucht man heute Wagners wegen die einstige Villa Wesendonck auf, das heutige Museum Rietberg (als ich es zuletzt sah, wirkte es etwas verwahrlost, anti-wesendonckisch, weniger Asyl denn Relikt), dann vielleicht am besten frühmorgens oder zu vorgerückter Abendstunde, wenn das Museum geschlossen ist. Denn erst dann kann sich die Möglichkeit einstellen, in der ungeheuren Stille, die zu solchen Nichtbesuchsstunden diese Häuser umgibt, etwas von der dort einst entstandenen Musik zu hören. Fehlt also diesem Katalog nur noch eines, um heutigen Medienerfordernissen zu huldigen: eine Compactdisc mit einigen – gespielten und gelesenen – Zürcher Stücken aus Wagners Werk.

vorgestellt von Rüdiger Görner, London

Laurenz Lütteken (Hrsg.): «Kunstwerk der Zukunft. Richard Wagner und Zürich (1849–1858)». Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2008

Lust und Blut im 1. Bezirk

«Joseph Birnbaum, ein fünfzigjähriger, glatzköpfiger Biologielehrer aus einer kleinen Ortschaft am Neusiedlersee im Burgenland und Präsident einer dortigen ornithologischen Gesellschaft, bestieg bei Tagesanbruch, es war ein heller, aber kalter Oktobermorgen, den Zug nach Wien in der Absicht, sich während einer Woche im Naturhistorischen Museum gründlichst mit den dortigen Sammlungen auseinanderzusetzen.» Ein Anfang im wahrhaft klassischen Sinne, wie in germanistischen Fachbüchern beschrieben. Es ist der erste Satz von Gianni Kuhns neuem Werk «Tage in Wien». Die Gattungsbezeichnung lautet unmissverständlich «Novelle», und die sieben Kapitel heissen simpel «1. Tag», «2. Tag» et cetera, bis zum «7. Tag» eben. Was darf man da erwarten? Klassisches und Strenges? Künstliches und Ausgedachtes? Oder doch das pralle Leben, durch Form gebändigt? Allein schon der Schauplatz, die von Künstlern und Literaten immer wieder neu und immer wieder anders beleuchteten Bezirke der österreichischen Hauptstadt, weckt nicht gerade geringe Erwartungen.

Etwas verstört wirkt Kuhns Held von Anfang an, wie er dasteht zwischen dem Naturhistorischen und dem Kunsthistorischen Museum. Und als er sich spontan dafür entscheidet, erst einmal die Sonderausstellung über den «Ötzi» zu besuchen, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Nach gerade sechs Buchseiten liegt ein blutender Mann in der Ausstellung, von einem Pfeil getroffen, und der Unfallhergang ist durchaus nicht klar. Juditta von Krems, Kellnerin im Museumscafé Nautilus, beruhigt den Verstörten, die Mordkommission ermittelt, und Birnbaum schluckt mehrfach leer. Seine erste Wiener Nacht ist unruhig, am folgenden Tag läuft er ziellos durch die Stadt, um dann doch wieder im Kunsthistorischen Museum zu landen. Immer mehr spürt Birnbaum einen «Sog zurück in die Vergangenheit». Gemälde von Rubens oder Breughel berühren ihn tief. Eine der Folgen davon: «Der Unterschied zwischen den gemalten und den echten Menschen schien ihm kleiner als je zuvor.» Die nächste Katastrophe lässt nicht auf sich warten. Die Grenzen zwischen Kunst und Leben werden fliessend, und die «Tage in Wien» werden von Seite zu Seite absurder.

Der Leser streift mit dem Tagtraum-Helden durch berühmte Wiener Kaffeehäuser, schlendert über den Naschmarkt, gerät hinaus zum Zentralfriedhof und stürzt bei der Morgenarbeit der Spanischen Hofreitschule in die sandige Arena – wer die Topographie Wiens neu erleben möchte, samt dazugehörigen melancholischen Stimmungen, wird seine Lesefreude haben. Und der Tod ist stets recht nah: «Eine Gruppe von Japanern, die sich hier in Wien sichtlich wohl fühlten, tat sich gütlich an hochroten Eibenbeeren, deren Steine sie lachend ausspuckten. Ansonsten hätten sie, das wusste er als Biologe, den Schmaus wohl nicht überlebt.» Die Grenzlinie zwischen Erinnerung und Realität gerät immer mehr ausser Sicht, Mattigkeit kommt auf, Nebel durchzieht die Stadt, und schleimige Albträume quälen den armen Birnbaum. Die letzten Seiten dieser irritierenden und zugleich zauberhaften Novelle bringen noch einige Überraschungen. Aber da weiss man schon längst, dass Gianni Kuhn ein faszinierendes kleines Meisterwerk geschrieben hat.

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Gianni Kuhn: «Tage in Wien». Eggingen: Edition Isele, 2008

In Bern mit Jakob, Edith und der Schildkröte Moritz

Bisher machte der in Zürich lebende Theater-, Politikwissenschafter und Autor vor allem mit seinen Stücken auf sich aufmerksam und gewann 2006 beispielsweise den Stückewettbewerb der Schaubühne Berlin. Nun legt Lorenz Langenegger sein Prosadebüt vor. «Hier im Regen» lautet der Titel des Romans und Herr Walter ist der Held der Geschichte, die am Schweizer Nationalfeiertag, dem 1. August, einsetzt. Herrn Walters Wecker läutet trotzdem. Seine Frau Edith fährt zu ihren Eltern, er hat unvermittelt frei und seine «Laune [ist] ungünstig beeinflusst».

Herr Walter heisst mit Vornamen Jakob, seine verstorbene Schildkröte Moritz und die Frage der Fragen für Jakob lautet: Warum Bern? Warum Bern und nicht irgendeine andere Stadt? Nur wegen des Jobs bei der Steuerverwaltung? Jakob weiss es nicht. Jakob ist ein eigenartiger Kauz.

Jakob und Edith kamen aus Dankbarkeit Ediths zusammen. «Aber darüber, wie das alles zusammenhängt, möchte er lieber nicht reden.» Jakob liebt Ediths Weitsicht, ihren Pragmatismus und ihre Entschlossenheit. Jakob ist ungeübt im Umgang mit Kindern und verlegen im Umgang mit Bettlern. Jakob macht sich nichts aus zuvorkommendem Einfühlungsvermögen ihm gegenüber. Jakob helfen Erinnerungen «über die Unfähigkeit im Umgang mit der Endgültigkeit hinweg». Jakob hatte seinen ersten Rausch erst mit 17. Jakob mag es, «wenn die Wirklichkeit durch einen Einzelfall widerlegt, was im Allgemeinen über sie berichtet wird». Jakob findet, dass es keine Möglichkeit gibt, sich seiner selbst zu vergewissern, solange Edith nicht solch ein Einzelfall ist. Jakob ist einer, der die Strenge der Leute nicht versteht und sich selbst gelegentlich für seine Gedanken geniert. Und nicht selten kehren seine Gedanken dann als Fragen an die Oberfläche: «Gibt es Zufriedenheit nicht als dauerhaften Zustand, sondern nur als Folge eines erreichten Ziels?»

Jakobs Freund und Lieblingswirt Rolf zerstreut gemeinhin Fragen. Nur ist dieser plötzlich verschwunden. Wo ist Rolf? Ist er ertrunken? Die alte Bekannte Ruth jedenfalls trinkt zu viel, um eine Aufspürhilfe zu sein, Edith bleibt länger als geplant bei den Eltern und plötzlich steht Bern unter Wasser. Was nun? Edith ist Jakobs Steuer, Segel und Anker, Jakob selbst nur ein Boot ohne Kapitän, Mannschaft und Ziel. Bern ist

Walters Bestimmungshafen, die Steuerbehörde seine Kommandobrücke und der Regen sicher bald wieder vorbei.

«Hier im Regen» ist ein Plädoyer für Genügsamkeit, für die grosse Gefühlswelt im kleinen sozialen Umfeld. Jakobs kleine Welt böte Wege, das reicht ihm, begangen müssen diese deshalb noch nicht werden. Jakob, der anfangs als Biedermann daherkommt, entpuppt sich im Laufe der Geschichte immer mehr als grosses Herz mit grossen Sehnsüchten. Man möchte diesen Jakob adoptieren. Das geht nicht, aber man kann das Buch erstehen.

vorgestellt von Markus Köhle, Wien

Lorenz Langenegger: «Hier im Regen». Salzburg: Jung und Jung, 2009

Ich bin so froh, dass Sie etwas zugenommen haben!

Benimmbücher und Stilfibeln sind unerfindlichen Moden unterworfen. Jahrelang wird man verschont, dann plötzlich erscheint ein halbes Dutzend gleichzeitig. Anderseits gibt es wohl kaum ein anderes Buchgenre, das in den vergangenen Jahren mit vergleichbaren Überraschungen aufwarten konnte. Dachte der geneigte Leser, es sei doch eigentlich alles gesagt, hielten 2003 die «Manieren» des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate dem halbgebildeten Publikum den Spiegel vors Gesicht. Zwei Jahre später doppelte der nächste Adlige nach: Alexander von Schönburgs «Kunst des stilvollen Verarmens» wies die Richtung in eine ästhetische Askese.

Philipp Tinglers imperativer Buchtitel lässt uns zucken. «Stil zeigen!» Hektisch schlagen wir das Inhaltsverzeichnis auf, um zu erfahren, was wir im gesellschaftlichen Umgang falsch machen. Das Buch ist aufgebaut in die beiden grossen Kapitel «Die Kunst der Konversation» und «Die Kunst der Konvention». In seiner Einleitung stellt der Neu-Zürcher klar, dass es sich um einen etwas anderen Ratgeber handelt. Es werden vielerlei Gepflogenheiten und Tipps verraten. Nicht jeder Rat ist bitterernst gemeint, weist vielmehr den stil-ästhetischen Weg. Tingler behandelt Fragen wie «Wann ist Lügen erlaubt?» oder die, wie man einen sozialen Kontakt am besten beendet. Am besten heisst nicht unbedingt am schonendsten. So könne man zu Sabine Christiansen sagen: «Ich bin so froh, dass Sie endlich etwas zugenommen haben!» oder einem anderen Langweiler von der letzten Herpes-Infektion berichten.

Es ist Sprache, Ausdrucksvermögen und Wortwahl, die jemanden zur Ober- oder eben zur Unterschicht gehörig macht. Und keinesfalls das Geld. Philipp Tingler verweist hier auf das britische Königreich. Die Geisteshaltung der englischen upper class sei aristokratisch, weil sie Engagement nicht von materiellen Vorteilen abhängig mache. Reichtum interessiere nicht, und man sei sich der gesellschaftlichen Vorbild- und Führungsverantwortung bewusst. «Ruinierte Adlige können in England ihr ganzes Leben ehrenamtlich in wohltätigen Komitees wirken und dann seelenruhig das Mobiliar ihres Landsitzes in Gloucestershire verkaufen, um die Pub­lic-School-Gebühren für die Kinder zu bezahlen.»

Das Buch ist ein nonchalanter Ratgeber, um auf die Fehltritte der anderen in einer mediokren Gesellschaft reagieren zu können. In äusserlicher Gestaltung wie Themenwahl gediegen, gelungen, – aristokratophil im besten Wortsinne. Da es von sokratischer Ironie getragen ist, kann man es auch verschenken, ohne damit einen Fauxpas zu landen. Die hinreissenden und wahrlich kongenialen Zeichnungen von Daniel Müller sind zu dem allen noch die Trüffelung.

vorgestellt von Matthias P. Lubinsky, Berlin

Philipp Tingler: «Stil zeigen! Handbuch für Gesellschaft und Umgangsform». Zürich: Kein und Aber, 2008

Du sollst mich nicht vergessen, das verlange ich nicht

2006 gab Sibylle Berg, die die Tinte ihrer durchaus uferlosen Menschenliebe durch eine angenehm spitze Feder fliessen lässt, einen Band mit Abschiedsbriefen von Frauen heraus: «Und ich dachte, es sei Liebe». Ein Band voller Überraschungen, in dem eine unerwartet lebenslustige Sylvia Plath zu lesen ist, neben anderen Ikonen der (Literatur-)Geschichte wie Simone de Beauvoir, Königin Elizabeth I. oder Alma Mahler-Werfel – und einige unserer unbekannten Zeitgenossinnen, die daran erinnern, dass Liebesgeschichten keineswegs nur der Fiktion angehören, und ihr (meist trauriges Ende) erst recht nicht. Damit auch die Herren zu ihrem Recht kommen, erschien zwei Jahre später «Das war’s dann wohl» – ein Band mit Abschiedsbriefen von Männern. Bemerkenswert ist, dass die Gattungsgrenzen aufgehoben wurden; hier nehmen die Männer also nicht ausschliesslich Abschied von der – oder dem – Geliebten, sondern auch von «Zeug», oder gleich vom Leben.

Bei näherer Betrachtung erweist sich die Rubrik «Zeug» allerdings als irreführend. Zwar widmet dort ein Mann seinem Auto ergreifende Abschiedsworte, oder wendet sich der Dichter Moritz Rinke an das Informationsamt der Bundesregierung, um sich ganz nebenbei «vom Glauben an den Rechtsstaat» zu verabschieden, doch die meisten Briefe gelten Lebewesen, sei es das Meerschweinchen Molly, dem Raphael Gygax in sehr jungen Jahren ein zeichnerisches Denkmal setzte, sei es Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, dem Oskar Lafontaine 1999 sachlich-bündig seinen Rücktritt als Bundesfinanzminister mitteilt.

Andere Briefeschreiber wenden sich an Lebende, bevor sie aus dem Leben scheiden, das als Adressat nicht so recht zu fassen ist. Hier finden sich berühmte Zeugnisse: die letzten Worte Heinrich von Kleists, Kurt Tucholskys oder Stefan Zweigs, aber auch einer der schönsten Liebesbriefe, der Abschiedsbrief des dänischen Seemanns Kim Malthe-Bruun, der im Frühjahr 1945 als Widerstandskämpfer von der SS zum Tod verurteilt und erschossen wurde. Allein schon deswegen lohnt sich der ganze kunterbunte Band, in dem auch Geschliffenes von Baudelaire, Erschütterndes von Edgar Allan Poe, Nüchternes von Tolstoi oder Ernüchterndes von F. Scott Fitzgerald steht.

vorgestellt von Patricia Klobusiczky, Berlin

Sibylle Berg: «Das war’s dann wohl. Abschiedsbriefe von Männern». München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2008

300 Jahre Denkmäler, nichts für Pedanten

«300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie» verspricht der Untertitel auf dem Buchdeckel. Wer eine straffe Geschichte der Schweizer Denkmäler sucht oder eine Übersicht über die Denkmäler in den verschiedenen Landesteilen, sollte die Finger von diesem Buch lassen. Enttäuscht wird vermutlich auch jemand, der ein Handbuch der Schweizer Denkmäler samt ihrer Katalogisierung und exakter Typologie haben möchte, und ebenfalls derjenige, der sich auf kunsttheoretische Erörterungen oder künstlerisch-ästhetische Analysen einlassen will. Beim ersten Durchblättern bereits mögen Pedanten ein Sachregister vermissen, oder bemängeln, dass sich in den Anmerkungen zu vieles aus dem Text fortsetzt und verzweigt. Es sei empfohlen, sich trotzdem zum Lesen anstiften zu lassen, und zu akzeptieren, dass Ordnung und Auswahl «nicht die absolute Logik für sich beanspruchen», wie Georg Kreis gleich in der Einleitung mögliche Erwartungen korrigiert.

Wer sich nämlich – vielleicht vom poetisch tönenden Titel «Zeitzeichen für die Ewigkeit» – verführen lässt, wird sich genussvoll gefangennehmen lassen von den zahllosen Geschichten über Schweizer Denkmäler. Mit viel Freude am Detail und am Spannend-Nebensächlichen, auch an Skurrilem sind sie erzählt. Wer weiss schon, zum Beispiel, dass Bayernkönig Ludwig II. in den 1860er Jahren das Rütli, das Schweizer «natürliche Denkmal», übernehmen wollte, um sich dort ein Schloss zu bauen?

Mit den Denkmalgeschichten beleuchtet Kreis ausführlich historische Hintergründe und politische Umstände der Denkmalprojekte, berichtet eingehend über Initianten und Schöpfer, über Kosten und Finanzierungen, Einweihungsfeiern, über öffentliche Debatten und interne Zänkereien der Denkmalkomitees um Standorte oder Gestaltung von Denkmälern, von verhinderten und nie verwirklichten sowie über das Nachleben, das viele Monumente fristen: ausgesetzt so manchem Protest und manchen Attacken, entsockelt, gestürzt oder nur verschoben wie vor ein paar Jahren einige Zürcher Denkmäler. Die «Denkmalwuth» des bürgerlichen Zeitalters hat sich keineswegs gelegt, die Denkmalflut hält an. Der Leser, der aufmerksam durch den öffentlichen Raum geht, stimmt Kreis zu und ebenso der Feststellung, dass Denkmäler oft gesetzt werden ohne «Erinnerungsanlass» und schon gar nicht als «Zeitzeichen für die Ewigkeit».

Beliebigkeit und werbewirksame Bedeutungsplusterei kennzeichnen viele heutige Denkmäler, die sich ausgeben als «Weiterentwicklung» oder gar als «Infragestellung der Denkmalidee», konstatiert Kreis und verweist etwa auf das Basler «Duftdenkmal» namens «Revier» sowie auf jenes riesige, grellgelbe Polyester-Wesen «Mocmoc», das seit 2003 den Bahnhofplatz von Romanshorn ziert. Sie setzen einen ironischen Schlusspunkt unter die Denkmalsgeschichten, die Kreis aufblättert. In der Summe sind seine Erzählungen über Schweizer Denkmäler ein wichtiger Beitrag zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte der Schweiz, zu lesen auch als kritischer Kommentar zum jeweiligen Zeitgeist.

vorgestellt von Ute Kröger, Kilchberg

Georg Kreis: «Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre Schweizerische Denkmaltopografie». Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2008

Rosa Schimmer des Alpenglühns

An sich ist es ja eine hübsche Idee, Berglust und -frust berühmter Alpenbesucher des 18. und 19. Jahrhunderts in literarischen Porträts zu versammeln. Besonders neu oder originell ist sie allerdings nicht; denn schon vor geraumer Zeit ist manches noch heute wirklich Lesenswerte über die Schweizreisen von Künstlern geschrieben worden. Wo allein der Blick auf Robert Walsers «Kleist in Thun» von 1907 verrät, wie atemraubend hoch die poetische Messlatte in diesem Genre angelegt werden kann und sollte, da will jeder neue Vorstoss gut überlegt sein. Wohl eher unbelastet von solchen Skrupeln, jedenfalls aber getragen von der eigenen Affinität zur «Alpenprovinz» und unter besonderer Berücksichtigung des Berner Oberlandes, schildert Therese Bichsel in ihren Prosaskizzen den durch Landschaftserleben kreativ stimulierten Künstler. Schade nur, dass sie sich bei ihren erkennbar seriös recherchierten Berg-/Mensch-Inspektionen allein auf gutgesicherte, aber deswegen eben doch reichlich ausgetretene Pfade wagt und sich dabei keineswegs immer auf der anstrebenswerten Höhe bewegt. Dem Rückgriff auf Bewährtes, auf die längst vielfach anekdotisch verbrämten Reisen einer Madame de Staël, eines Goethe, Kleist, Brahms oder Sir Arthur Conan Doyle nämlich, eignet hier eine wahrhaft unzeitgemässe Tendenz zum Ausblenden, Glätten und Harmonisieren. Folgerichtig endet die Stippvisite im 20. Jahrhundert bereits mit Hodlers malerischem Griff «nach den Alpen» von 1908.

Das wirkt durchaus programmatisch, weil es der Autorin nicht zuletzt den Umgang mit unbequemeren Denk- und Kunstfiguren erspart. Solchen etwa, wie Thomas Bernhards übellaunigem «Weltverbesserer», der die Alpen «widerwärtig» findet und gleich mehrfach betont, nichts so sehr zu hassen wie die Schweiz, ausser natürlich Interlaken. Bichsels Reisende an der Schwelle von Biographik und Fiktion bewegen sich dagegen bevorzugt in klischeedurchwehtem Raum. Dort, wo dieser dann auch noch vom «rosa Schimmer» des Alpenglühens überwölbt wird, kommt selbst ein wohlwollender Leser kaum mehr umhin, ein wenigstens genauso mildes Lächeln aufzusetzen wie der fiktive Felix Mendelssohn Bartholdy.

Passend hierzu finden sich immer wieder die längst bis zum Überdruss ventilierten und daher beinahe zwingend trivial anmutenden Stereotype über hochbegabte Menschen. Auch in der Berglandschaft bleibt der Künstler ein zumeist alltagsuntaugliches und sowieso grenzwertiges Genie. Mehr oder minder unfähig zur Kommunikation, wirkt er damit auf normale Leute stets ein wenig abschreckend. So, wie der grantelnde Touristenschreck Ferdinand Hodler, der seiner Valentine, nein, nicht die Briefmarkensammlung, sondern Landschaften und Porträts zeigt, woraufhin diese «noch im Atelier die Kleider abstreifte und ihn auf einer Decke an sich zog». Über das weitere Geschehen sei letztere wohl besser gehüllt, nicht aber ohne festzuhalten, dass solche absolut entbehrlichen Passagen durchaus typisch für die Schreibweise der Autorin sind.

«Kurzbiografien» und Sekundärliteratur werden als pädagogische Hilfsmittel beigegeben. Dem literarischen Anspruch des angemessen und interessant illustrierten Bandes laufen sie freilich illusionsstörend zuwider. Natürlich ist es in einer Zeit, wo jegliches Pathos verdächtig wirkt, ein heikel gewordenes Unterfangen, seinen Respekt vor herausragender fremder künstlerischer Leistung in angemessener poetischer Form mitzuteilen. Vielleicht geht dies daher nurmehr so liebenswürdig-schräg wie in Walter Moers Gottfried-Keller-Paraphrase «Der Schrecksenmeister» oder allenfalls noch in den geistreich-intertextuellen Spielen eines Robert Löhr («Das Erlkönig-Manöver») oder Michael Chabon («Das letzte Rätsel»). Niemand aber, wirklich niemand, ist heute dazu gezwungen, die Liebesbeziehungen Goethes oder die Lebenstragödie Heinrich von Kleists derart zu banalisieren, wie dies im vorliegenden Band geschieht. Glaubwürdige Einsichten in die Abgründe künstlerischen Schaffens werden zweifellos in einer anderen Sprache formuliert.

vorgestellt von Anett Lütteken, Bern

Therese Bichsel:

«Nahe den Eisriesen. Prominenz in der Alpenprovinz von Goethe bis Hodler. Porträts». Oberhofen: Zytglogge, 2008

Zwei lahme Enten

«Wenn dir die Worte fehlen, fang mit einem Zitat an», sagte Karl Kraus einmal. Demzufolge muss neben einem Österreicher auch noch ein US-Amerikaner bemüht werden, bevor vom Aargauer Silvio Blatter die Rede sein kann. «Unser himmlischer Vater hat die Menschen nur erschaffen», sinnierte Mark Twain einmal über Gottes unvollkommene Schöpfung, «weil er mit den Affen unzufrieden war.» In ähnlicher Ausgangslage muss sich Blatter bei der Arbeit an seinem aktuellem Roman «Zwei Affen» befunden haben. Weil Pieter Breu­ghels Kleinformat gleichen Namens keine eigene Geschichte hergibt, schuf Blatter eine trübsinnige Liebesgeschichte und eine spannungsarme Krimihandlung um den Thüringer Schlosser Martin Holm und die Schweizer Malerin Lore Spescha. Die beiden Teile finden allerdings nie recht zusammen, sieht man davon ab, dass sie jeweils sehr behäbig erzählt und in einförmigem Tempo abgewickelt werden. Was würde Mark Twain dazu sagen? «Was man in zehn Worten sagen kann, lässt sich auch in fünf erzählen.» – Recht hat er.

vorgestellt von Michael Harde, Schalkenbach

Silvio Blatter: «Zwei Affen». Köln: DuMont, 2008

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