(7) Ode, schöner Götterfunken

Hitler liess sie 1936 bei der Eröffnung der Olympischen Spiele aufführen, der Europarat erklärte sie 1972 zur Europahymne. Sie begegnet uns als Filmmusik wie auch als Zitat in Werbung und Popsong. Die Rezeption der von Beethoven in der Neunten Symphonie vertonten «Ode an die Freude» hat eine wechselvolle Geschichte der Vereinnahmung durch Politik und Alltagskultur.

«Das Finale ist unspielbar, solange wir nicht den ganzen Weg mit Beethoven gehen – in der Sicherheit, dass es eine Unsterblichkeit gibt, wie sie nur Kinder oder das Genie besitzen», meinte einmal der Dirigent Leonard Bernstein zur Neunten Symphonie. «Es ist unspielbar, solange wir nicht mit ihm gehen, wenn er ausruft ‹Brüder!›, ‹Töchter!›, ‹Freunde!›, ‹Millionen!›, ‹Gott!›. Aber vor allem: ‹Brüder!› Das vor allem ist sein Aufschrei. Den müssen wir glauben, um ihn spielen zu können. Das ist der Grund, warum wir in dieser zynischen Welt von der wunderlichen, unzeitgemässen Vorstellung bezaubert werden, dass alle Menschen auf Erden als Kinder Gottes zusammenleben könnten – wenn wir es von Beethoven ausgesprochen hören. Das macht die Idee und die Musik unzerstörbar.»

Soweit Leonard Bernstein, der nicht nur ein grosse Musiker und ekstatischer Interpret, sondern auch ein bekennender Humanist war. Seine Äusserungen zur Neunten Symphonie von Beethoven machte er vor etwa einem Vierteljahrhundert. Dass ihr Finale «unzerstörbar» sei, hat weiterhin Gültigkeit. Dass es mittlerweile – wie viele andere Werke der sogenannten «Klassik» – für politische und kommerzielle Dienste, für Film und Werbung, für Parodie und Schlager ge- und missbraucht wurde, hat seinen guten Grund: die Qualität der Musik vervielfacht die plakative Wirkung des Textes.

Friedrich Schiller war 26 Jahre alt, als er 1785 seine Ode «An die Freude» schrieb. Nach den ersten Dramen des Sturms und Drangs und ihrer Gesellschaftskritik war das ein Gedicht, dessen Emphase die Sehnsucht nach einer besseren, schöneren Welt der Gleichheit ausdrückte. Schillers Gedanken haben Beethoven schon 1792 beschäftigt, als er zu seinem ersten Studienaufenthalt in Wien war. Ein Universitätsprofessor aus Beethovens Geburtsstadt Bonn schrieb 1793 an Schillers Gattin Charlotte: «Er wird auch die ‹Freude›-Ode bearbeiten, und zwar jede Strophe. Ich erwarte etwas Vollkommenes, denn soviel ich den Jungen kenne, ist er ganz für das Grosse und Erhabene.» Doch erst 1815 entstanden die ersten Skizzen zur Neunten Symphonie; ab 1822 datiert ihre Fertigstellung, 1824 wurde sie in Wien uraufgeführt. Obwohl sie für die Zeitgenossen ein kompliziertes und schwer verständliches, zudem durch die Hereinnahme der menschlichen Stimme(n) im Finale auch kühnes und formal ungewöhnliches Kunstwerk gewesen sein musste, hatte sie grossen Erfolg. Zeugen berichten von einer enthusiastischen Aufnahme.

Bald jedoch begann die Neunte Symphonie zu polarisieren. «Auch in der Verirrung ist sie gross», urteilte 1825 die «Allgemeine Musikalische Zeitung» und bemängelte «monströse und geschmacklose Auswüchse der Beethovenschen Phantasie». Der Komponist Claude Debussy bedauerte 1901: «Man hat das Werk in einen Nebel von hohen Worten und schmückenden Beiworten gehüllt und daraus einen Popanz zur öffentlichen Verehrung gemacht.» Zuvor hatte Richard Wagner postuliert, die Neunte Symphonie sei «die Erlösung der Musik zur allgemeinen Kunst», was sich eindeutig auf den Finalsatz mit Soli und Chor bezogen haben muss. Zitiert sei der Beet-hoven-Forscher Karl Nef, der 1927 schrieb: «So hat dieses gewaltige Werk Hunderte von Köpfen in mannigfaltigster Richtung in Bewegung gesetzt und wird fortfahren, nicht nur Tausende und Abertausende im Genuss zu beglücken, sondern auch als ein Sauerteig das Geistesleben anzuregen.» Eine Wortwahl, deren heute nur schwer konsumierbares Pathos unmittelbar zur missbräuchlichen Verwendung der Neunten Symphonie für die politische Agitation überzuleiten scheint.

Aus zahlreichen Fernsehdokumentationen kennen wir die Wochenschau-Bilder der dreissiger Jahre des vorigen Jahrhunderts: auf dem Podium Orchester und Chor, davor am Dirigentenpult Wilhelm Furtwängler. Auch für ihn war, wie später für Bernstein, diese Symphonie Bekenntnismusik. Und in den ersten Parkettreihen die Parteibonzen in ihren Uniformen. Manchmal auch, demonstrativ applaudierend im Bild, Adolf Hitler. Er machte sich Wirkung und Popularität der Schillerschen Worte und der Musik Beethovens ungeniert zunutze.

Die Popularität der Melodie zu den Textzeilen «Freude, schöner Götterfunken» und «Alle Menschen werden Brüder» ist nicht verwunderlich. Es ist nachgewiesen, dass…

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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