Geben und bewegen

Der Mensch ist ein gebendes Wesen – nicht aus schlechtem Gewissen, sondern aus Überzeugung. Was die Amerikaner längst wissen, beginnen die Europäer gerade zu entdecken. Die EU arbeitet an einem europäischen Stiftungsstatut. Lässt sich damit etwas anfangen?

Geben und bewegen

Herr Anheier, beginnen wir grundsätzlich: Ist der Mensch ein gebendes Wesen?

Ich würde es so sagen: Der Mensch ist auch ein gebendes Wesen. Nur tendiert er dazu, dies zu vergessen, wenn er sich bloss als eigennutzmaximierendes Wesen darstellt – Stichwort Homo oeconomicus. Viele Menschen haben sich diese Sicht zu eigen gemacht und handeln tatsächlich so wie in den Lehrbüchern beschrieben. In Wahrheit ist der Mensch ein komplexes Wesen – und zu seinem komplexen Charakter gehört die Tugend der Grosszügigkeit. Er gibt zuweilen, ohne dass er sich davon einen konkreten oder unmittelbaren Vorteil verspricht, einfach so. Aber damit er dies tut, bedarf es des richtigen Umfeldes und der entsprechenden Signale von Mitmenschen.

Mein Eindruck ist: Der wohlfahrtsstaatlich umsorgte Mensch von heute nimmt lieber, als dass er gibt. Nach der herrschenden Meinung muss ein schlechtes Gewissen oder eine Mission haben, wer freiwillig gibt…

…stimmt das wirklich? Sollte dem so sein, wäre dies wirklich eine Zerrform des Menschseins. Der Mensch ist grundsätzlich offen für Handlungen, die anderen Menschen einen Vorteil verschaffen, also für das Geben, Teilen und Spenden. Wichtig ist, dass er die wohltuende Wirkung dieser Praxis möglichst früh für sich entdeckt – in seiner Kindheit, in seiner Jugend. Etwas zu geben, eine gute Tat zu verrichten, ist ja zuerst einmal eine positive Erfahrung für den Gebenden selbst. Er verspürt, so nennt es die sonst so trockene Ökonomie, ein «warmes Glühen im Herzen».

Halten wir fest: Es gibt Geberpotentiale, die sich im Schlummerzustand befinden. Wie lassen sich die Potentiale erfolgreich mobilisieren?

Geben ist ein gelerntes Verhalten. Darum lautet meine Empfehlung: Berücksichtigt die Thematik des freiwilligen Gebens und Teilens auch in den Curricula der Schulen stärker! Schulen oder Universitäten könnten zum Beispiel ein Freiwilligenjahr für die jungen Menschen durchführen – das fördert das Engagement aller Beteiligten. Die USA experimentieren bereits mit solchen Modellen, während wir in Europa den Wert des freiwilligen Engagements noch stiefmütterlich behandeln. Die Sache mit der Zivilgesellschaft, die zurzeit gerade von der Politik neu beschworen wird, ist leider die: Eine engagierte Gesellschaft lässt sich nicht politisch erzwingen. Sie muss wachsen, durch zivilgesellschaftlich engagierte Vorbilder und durch schulische Lernprozesse. Hier stehen wir erst am Anfang, auch wenn die Zahl der engagierten Bürger wächst.

Welcher Typus Mensch engagiert sich denn gemeinnützig?

Die Bildungsbürger, die Mittelschicht. Zahl­reiche Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und gesellschaftlichem Engagement: Gebildete Menschen sind selbst bewegt und bewegen mehr. Oder negativ ausgedrückt: jene Menschen, die wir in Deutschland Hartz-IV-Empfänger nennen, sind vorwiegend mit sich selbst beschäftigt. In den USA verhält es sich ähnlich. Es sind dort ebenfalls ausgegrenzte bzw. sich als ausgegrenzt wahrnehmende, tendenziell bildungsferne Bevölkerungsgruppen, die auf gesellschaft­liches Engagement verzichten, sei es in der lokalen Politik, in den Kirchen, in den Schulen, den Vereinen.

Der Befund ist paradox: Jene, die viel arbeiten, engagieren sich auch viel?

So ist es. Wer beruflich mehr leistet, leistet auch ehrenamtlich mehr – trotz vollem Terminkalender. Und wer mehr verdient, gibt in absoluten Zahlen gesehen auch mehr.

Kritiker werden sogleich einwenden: Man muss sich das Geben eben leisten können.

Das ist eine verbreitete, aber wenig differenzierte Sicht der Dinge. Gerade heute nimmt die Zahl der kleinen Spenden und Spender zu – und seien es nur 5 Euro oder Franken. Auch ärmere Menschen geben, und sie geben in einzelnen westlichen Ländern, relativ zu ihrem Einkommen, zuweilen sogar mehr als vermögende Leute – das ist ein empirischer Befund. Hier macht sich eine andere Korrelation bemerkbar. Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen gebenden Tugenden und religiösen Motiven: Je religiöser die Menschen – und eine Häufung religiöser Menschen ist in der unteren Mittelschicht zu finden –, desto grosszügiger sind sie hier auf Erden.

Was bewegt die…

Braucht die Schweiz eine Stiftungsstrategie?
Braucht die Schweiz eine Stiftungsstrategie?

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig grosszügig? Nein, darunter fällt es nicht, wenn Sie einem Strassenmusiker für sein Spiel einen Fünffränkler in den Hut gelegt, einen Fair-Trade-Kaffee gekauft oder dem Nachbarsjungen 20 Franken fürs Rasenmähen gegeben haben. Grosszügigkeit, das ist die Kunst des Gebens, die sich ausserhalb der reinen Tauschbeziehung bewegt. Man gibt […]

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»