(9) Die Enteignung der Kultur

Wo Kunsthandel zum Termingeschäft verkommt, läuft letztlich auch die Kunst Gefahr, ihre Stetigkeit als Institution zu verlieren. Der Autor beschreibt eine ungute Entwicklung, deren Ursachen er nicht etwa im Kapitalismus, wohl aber in Auswüchsen neoliberalen Wirtschaftens festmacht.

Das Museum hat sich zum Antagonisten des Kunstmarkts entwickelt. Dafür gibt es zwei Gründe. Ausgenommen das Getty Museum in Los Angeles mit seinem jährlichen Etat von 100 Millionen Dollar für Anschaffungen, können die institutionellen Habenichtse einfach nicht mitbieten. Der zweite Grund hängt direkt mit dem Mechanismus der New Art Economy zusammen, an dessen Ende nicht der Erwerb eines Kunstwerks steht, sondern der Erlös aus dessen Wertsteigerung. Das Museum entzieht die Werke dem permanenten Kreislauf von Geld – Ware – Geld. Permanente Sammlungen sind, vom Standpunkt des Markts gesehen, gefrorenes Kapital, Golddukaten im Schatzkästlein des kulturellen Warentauschs. Natürlich gründet der Preis der Marktheroen auf musealen Weihen. Ein Werk muss mit Diskurswährung gedeckt sein; ohne museale und kunstkritische Bonität kommt Kunst nicht über die Subsistenzwirtschaft zwischen Wohnzimmer und Zahnarztpraxis hinaus. Und doch bleibt die Tatsache, dass zuviel Museumsware das handelbare Material blockiert. Bezeichnend für einen Zeitgeist, der dem kanonischen Endlager-Gedanken abhold ist, sind die Sammlerleihgaben, die auf Zeit den Museen überlassen werden. Damit wird die Option auf einen Wiedereintritt ins Kunst-Bingo offen gelassen. Die Zwitterform des «Sammlermuseums» hat Gestalt angenommen. Die Fondation Beyeler in Riehen und die Sammlung Berggruen in Berlin erfreuen sich auch beim Publikum grösster Beliebtheit. Museen sind out.

Mit der Sammlung F.C. Flick empfängt Berlin die Gunst eines privaten Sammlers, für sieben Jahre auf das Niveau der Kunstmetropolen New York, Paris und London gehoben zu werden. Diese Abhängigkeit des Staates ist das wirklich Bedenkliche an diesem denkwürdigen Ereignis. Die Kultur und die Wirtschaft ziehen an einem Strang, wenn es darum geht, ihren Segen zu globalisieren. Kein Wunder, denn es handelt sich um dieselben Entscheidungsträger und um dieselbe Logik, die darüber befindet, wann ein Unternehmen oder eine Sammlung in eine profitablere Zone zu verlagern sei. Wir sind Zeugen beim Umbau der republikanischen Strukturen des bürgerlichen Staates in einen neuen Absolutismus der Superreichen, die die Kultur bestimmen wie einst die Medici. Die Politiker, wir alle werden zu Hofschranzen eines internationalen Kunstkartells.

Auch unsere Banken sind grosse Sammler. Warum sammelt eine Bank Kunstwerke, da sie doch selbst schon eine Sammlung verkörpert? Wertpapiere, Goldreserven, Aktienfonds und Spareinlagen machen aus der Bank ein Museum des Geldes. Warum bleibt die Bank also nicht bei ihrem Leisten und sammelt das, wovon sie von Berufs wegen auch wirklich etwas versteht? Weil sich Geld in eher unansehnlichen Kunstdrucken darstellt. Geldwert bekommt erst sex appeal, wenn er sich in sinnlich gewandelter Form vorführt: als Luxus. Verschwendung und Grosszügigkeit sind Ausdruck souveräner Macht, der sich in allen Kulturen findet. Aus dem Indianischen kommt das Wort «Potlatsch». Es bezeichnet die mutwillige Vernichtung von Werten durch Opfer und öffentlich dargebrachte Geschenke. Der Häuptling erweist sich darin erhaben über den Kreislauf von Nehmen und Geben, wie ihn die blanke Notdurft des Lebens diktiert. Feste und Feuerwerke der Könige sind, wie auch ihre Kriege, grandiose Vernichtungmassnahmen von Gütern, die das Ansehen und die Macht des Spenders manifestieren sollen. Könige sammelten auch Kunst, und dies umso mehr, als sie im Zeitalter des Merkantilismus sich in Handel und Märkte einzumischen begannen. Kunstwerke sind, wie Feste und Krieg, zwar unnütze Verausgabungen; doch lässt sich der Wert, der im Kunstwerk eingebracht ist, wieder leicht in Geld zurückverwandeln. Kunst ermöglicht den Kompromiss zwischen Potlatsch und Wertanlage.

So können wir die eingangs gestellte Frage beantworten: die Bank sieht in der Kunst einen Parallelwert zum Geld, der den doppelten Vorteil hat, sowohl den Reichtum des Unternehmens sichtbar zu machen, als auch Wertspeicher zu sein. Aus der Perspektive der Bank lässt sich das Kunstwerk als ein Wertapier definieren, das dem Auge angenehm auffällt.

Für die Wirtschaftsförmigkeit des Kunstsy-stems gibt es kulturgeschichtliche Gründe. Die heutige Kunst ist ein Produkt des freien…

(1) L’art pour le service

Die Moderne ist nicht nur die Epoche, in der die Ökonomisierung mehr als je zuvor die Kunst ergriffen hat. Gleichzeitig ist für sie auch die Idee kennzeichnend, Kunst und Autonomie gehörten zusammen. Ein Rückblick in die Geschichte, als die Kunst sich für den Nutzen noch nicht zu schade war.

(2) Kunst als Schmuck hat ausgedient

Grosse Unternehmen kaufen grosse Kunst? Nein, diese Regel gilt nicht mehr. Auch die Kunst muss zur Wertschöpfung beitragen. Nur wenn Lösungen für das Innovationsmanagement, die Corporate Identity, für Raumentwicklung und auch Werbung winken, investieren Unternehmer in zeitgenössische Kunst. Ein Bericht vom Art Consulting in der Praxis.

(3) Kunsterziehung für das Humankapital

Der amerikanische Unternehmer Albert Barnes, der 1922 die Barnes Foundation ins Leben rief, kaufte Kunst, um seine Mitarbeiter zum Weltbürgertum zu erziehen. Durch in Kursen geschultes, analytisches Betrachten der Bilder – nicht etwa nur durch blosses Schauen – sollten die Arbeiter Toleranz lernen, um mit Rassenkonflikten besser umgehen zu können.

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