Im Sparen liegt die Moral

Sparen heisst Konsumverzicht. Es heisst: auch ans Morgen denken statt nur ans Heute, auch an den Nächsten statt nur ans eigene Ich. Doch: warum eigentlich verzichten, wenn der Wert des Geldes ohnehin laufend schwindet?

Wer heute spart, könnte man sagen, ist eigentlich ein Idiot. Oder ein unverbesserlicher Idealist. Jedenfalls hat er die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Sein Konsumverzicht – denn dies bedeutet Sparen ja: ich hebe Geld für morgen auf, statt es heute zu verkonsumieren – wird ihm nicht vergolten. Im Gegenteil. Die Gefahr ist gross, dass sein angespartes Geld entwertet wird – laufend und unmerklich: durch Inflation. Also entscheidet sich der sparbereite Zeitgenosse vielleicht doch, sozusagen aus höherer Einsicht, aber wider Willen, zum Konsum. Er kauft sich Dinge, die er eigentlich gar nicht braucht. Und irgendwann kauft er sich Dinge, die er sich eigentlich gar nicht leisten kann. Willkommen im schuldenfinanzierten Konsumismus unserer Tage!

«Konsumismus» klingt negativ. Ist Konsum denn unmoralisch? Weder Konsum noch Kredit sind grundsätzlich mit einem moralischen Makel behaftet. Doch bietet die Geschichte zahlreiche Belege dafür, dass Phasen, in denen Konsum und Schulden das Sparen in den Schatten stellen, mit zynischem Verhalten einhergehen. Der Grund ist einfach: Exzessiver Konsum bedeutet absolute Gegenwartsfixiertheit – nach mir die Sintflut! Alle Hüllen fallen, ebenso alle Hemmungen. Eine besonders eindrückliche Beschreibung von einerseits Konsumanstieg und anderseits moralischer Enthemmung bietet Boccaccio in seinem «Decamerone» – die Leute klammern sich im Angesicht des drohenden Todes durch die Pest an das, was der Tag zu bieten hat: «Sie zogen Tag und Nacht von einer Schenke in die andere und tranken ohne Mass und Ziel. Am tollsten jedoch trieben sie es in fremden Häusern […].» In der Chronik des Matteo Villani wird überliefert: «Die Menschen […] trieben es zügelloser und erbärmlicher als jemals zuvor. Sie ergaben sich dem Müssiggang, und ihre Zerrüttung führte sie in die Sünde der Völlerei, in Gelage, in Wirtshäuser, zu köstlichen Speisen und zum Glücksspiel. Bedenkenlos warfen sie sich der Lust in die Arme.»

Bourgeoise Bigotterie?

Ist die Verurteilung einer höheren Konsumneigung nicht bloss bourgeoise Bigotterie? Die klassische Tugendlehre tadelt den Verlust des rechten Masses und adressiert damit eine Schieflage im Handeln. Konsum- und Sparneigung verweisen aufeinander: Ich konsumiere heute, aber ich konsumiere kontrolliert, weil ich auch morgen eine Option auf Konsum oder Investition haben möchte. Denke ich nur ans Heute, verschulde ich mich, um zu konsumieren. «Schief» wird der Kredit spätestens dann, wenn er zu einer Verschuldungsspirale führt. Überschuldung bedeutet, dass eine Rückzahlung der Schulden in voller Höhe nicht mehr möglich ist, weil das gesamte Einkommen schon durch die Zinslast aufgefressen wird.

Die Schieflage ist zunächst eine in der Zeit: Das Handeln in der Gegenwart wird gegenüber zukünftigen Folgen stark überbewertet. Ökonomen beschreiben dieses Verhalten als Ausdruck hoher Zeitpräferenz. Eine allzu niedrige Zeitpräferenz kann dazu führen, den Augenblick nicht zu schätzen und damit das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen, weil man stets für ein ungewisses Morgen plant. Das wäre das «ungelebte Leben», wie es Erich Fried poetisch und Carl Gustav Jung psychologisch ausdrückten. Doch bei allem Lob für die Lebendigkeit des Augenblicks dürfen wir nicht vergessen, dass ein grosser Teil menschlicher Kultur auf der geistig-abstrakten Überwindung des Augenblicks beruht, die die Grundlage niedriger Zeitpräferenz ist. Zwischen den Polen der Vitalität und der Disziplin, der sinnlichen Bodenhaftung und der geistigen Orientierung, der Immanenz und der Transzendenz ist der Mensch aufgespannt und muss auch hier sein persönliches rechtes Mass finden.

«Sparen» bedeutet «retten» und «bewahren»

Ein Übertreiben des momentbezogenen Lebenstriebes hat für den einzelnen eine kulturelle und eine physiologische Folge. Einerseits sind viele menschliche Ziele, insbesondere die komplexeren, nur auf Umwegen erreichbar. Wie es der österreichische Ökonom Eugen Böhm von Bawerk formulierte, bieten Umwege eine «Mehrergiebigkeit». Rein im Moment müssen wir uns mit dem abfinden, was gerade da ist. Mit entsprechender Genügsamkeit und günstiger oder gnädiger Umwelt reicht das vielleicht noch…

Zahltag!
Gunnar Heinsohn, photographiert von Michael Wiederstein.
Zahltag!

Die Staaten sitzen weltweit auf Schulden in der stolzen Höhe von 223 Billionen Dollar. Dafür haften die Staatsbürger mit ihrem Eigentum. Die Steuerzahler wollen, dass die Gläubiger bluten. Die Gläubiger hingegen wollen die Schuldner bluten sehen. Die grosse Frage ist: Wer wird wann wie viel zahlen?

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