Wir brauchen Ihre Unterstützung — Jetzt Mitglied werden! Weitere Infos
Peter Kurer, zvg.

Europa dämmert vor sich hin

Wir leben zwischen Grössenwahn, Realitätsflucht und seelenlosem Opportunismus. Warum das so kam, lässt sich von Hermann Brochs «Die Schlafwandler» lernen, einem Meisterwerk des Modernismus.

Ohne aufzuwachen, steigt der Schlafwandler aus dem Bett und irrt durch den Tag. Es war Hermann Broch, dem es mit seiner Romantrilogie «Die Schlafwandler» gelungen ist, die Realitätsflucht und die Orientierungslosigkeit des modernen Menschen so zu beschreiben, dass sich bis heute davon lernen lässt.

Besonders lehrreich sind die Hauptfiguren Pasenow, Esch und Huguenau, die Broch auf seine Triologie verteilt: Pasenow lebt im Jahr 1888 in einer Welt der anbrechenden Moderne, die seinen Sinn für Tradition, militärische Ehre und lutherischen Gottesglauben erschüttert. In seiner Zerrissenheit flüchtet sich Pasenow in die Konventionen seiner Herkunft. Er ist ein Schlafwandler, weil er die Versatzstücke seines Lebens nicht mehr zusammenbringt, sondern nur noch romantisch verklärt.

Dann ist da Esch, der Held des zweiten Romanteils im Jahre 1903: Er ist den Fährnissen der fortschreitenden Modernisierung mehr ausgesetzt als Pasenow. Esch ist Hilfsbuchhalter und wird entlassen. Er verliert sich in der Welt des Varietés und einiger dubioser Gelegenheitsjobs. Er ist stets voller Groll und Wut, innerlich beschädigt, aber wie Pasenow unfähig zur korrigierenden Tat.

Der Held des dritten Romanteils im Jahre 1918 heisst Huguenau. Er biedert sich bei den Mächtigen seines Umfelds an und wird zum Mörder. Dennoch etabliert er sich nach dem Ende des Krieges als angesehener Kaufmann und spiessiger Familienvater. Anders als Pasenow und Esch ist Huguenau ein Tatmensch, ein skrupelloser und wertfreier Opportunist, der stets seinen eigenen Vorteil sucht.

Wachsam, aber blind

Die drei schlafwandelnden Helden Brochs bilden die adelige, proletarische und bürgerliche Soziologie dessen, was Christopher Clark in seinem monumentalen Geschichtswerk aus dem Jahre 2012 mit dem gleichnamigen Titel «Die Schlafwandler» zu erklären versucht: die Tragödie des Ersten Weltkrieges. Clark stellt jene Leute in den Mittelpunkt, die als politisch Handelnde beim Ausbruch des Krieges involviert waren: Kaiser, Könige, Minister, Diplomaten und Generäle der damaligen europäischen Mächte. Er zeigt auf, dass diese Akteure in äusserst komplexen Netzwerken miteinander verbunden waren, in denen gefährliche Iterationen aufgebaut wurden und sich gleichzeitig schädliche Narrative entwickelten, die nur einen mässigen Bezug zur Realität hatten: «In diesem Sinne waren die Protagonisten des Jahres 1914 Schlafwandler: wachsam, aber blind, von Träumen heimgesucht und doch blind für die Realität des Grauens, das sie der Welt bescheren würden.»

Hermann Broch sah im modernen Roman eine Form der allgemeingültigen Erkenntnis, die das Wissen der Philosophie oder der Wissenschaft ergänzt, indem der Schriftsteller Schattierungen, Emotionen und weiche Tatsachen vermittelt, die dem harten Positivismus entgehen. Der Roman darf nicht nur Epochenerzählung sein; er muss eine Theorie präsentieren. Brochs Theorie des Schlafwandelns lag in dem, was er als den «Zerfall der Werte» bezeichnete, der die Neuzeit und die Moderne seit der Renaissance und der Reformation begleitet: den Verlust eines gemeinsamen Mythos, einer einheitlichen Religion und einer verbindenden Weltsicht, was zum Aufstieg von Sekten aller Art, Vereinzelung, Orientierungslosigkeit und dem Verlust der Verbundenheit mit den Dingen führt.

Mit Pasenow, Esch und Huguenau präsentieren uns die «Schlafwandler» Figuren, die wir bis heute beobachten können. 2026 kommt die Romantik von Pasenow in einem «Juste Milieu» daher, das jedermann auf einen korrekten Zeitgeist einschwören möchte und darob Kreativität und Tatwille verbannt. Die Figur des Esch hat ihren Wiedergänger im zornigen Schwurbler, der Verschwörungstheorien anhängt und die Welt wieder in Ordnung bringen möchte, mitunter auch mit Gewalt. Und Huguenau? Ist er nicht der stets geschmeidige Gevatter der zahllosen kleineren und grösseren Machtmenschen, wie wir sie in den Wandelhallen der Parlamente und in den Konferenzzimmern der Grosskonzerne antreffen: wohlwollend und beflissen, aber ohne Sicht auf die gelegentlich fatalen Konsequenzen ihrer Tätigkeit?

Grössere und kleinere Zwerge

Christopher Clark weist gleich selbst auf die anhaltende Aktualität seiner Analyse hin. Seit dem Mauerfall sei die Welt ähnlich unsicher geworden wie zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg; beispielsweise hätten bei der fast gescheiterten Eurokrise die Politiker ebenso schlafwandlerisch und chaotisch gehandelt wie ihre Kollegen hundert Jahre früher. Man möchte anfügen, dass sich Europa auch im Falle der grossen gegenwärtigen Bedrohungen wie der russischen Aggression, der Migration und der zunehmend politischen Radikalisierung in Realitätsverweigerung und Tatenlosigkeit verliert.

All das muss nicht sein. Letzten Endes könnten die Politiker der verschiedenen Nationen Europas koordiniert und wohlwollend einige Missstände, die miteinander vernetzt sind, in Ordnung bringen. Sie können tun, was die Clark’schen Akteure von 1914 unterliessen: Zusammenhänge sehen, gefährliche Iterationen durchbrechen und verschwörerische Narrative entzaubern. So würde eine bessere Kontrolle der Migration sowie ein massvoller Rückbau des Subventions- und Sozialstaates finanzielle Mittel für eine effektivere Sicherheitspolitik freispielen, womit die Unsicherheit und Frustration der Leute zurückginge; eine Deregulierung der einzelstaatlichen und supranationalen Bürokratien könnte Innovation und Produktivität in den Kontinent zurückbringen; ein Aufbrechen des beengenden Zeitgeistes würde die Menschen selbstbewusster machen.

«Europa auch im Falle der grossen gegenwärtigen Bedrohungen wie der russischen Aggression, der Migration und der zunehmend politischen Radikalisierung in Realitätsverweigerung und Tatenlosigkeit verliert.»

Zuallererst müssten aber unsere Machtpolitiker, die von einem Europa auf Augenhöhe mit China und Amerika träumen, ihre schlafwandlerischen Grossmachtfantasien über Bord werfen. Europa wird nie eine Grossmacht wie Amerika oder China sein. Amerika und China sind grosse Nationalstaaten mit einer weitestgehend einheitlichen Sprache, Kultur und Philosophie. Amerika wird durch das grosse Verfassungsnarrativ zusammengehalten, das mit der Unabhängigkeitserklärung, den Federalist Papers und der Gettysburg Address geschrieben wurde; seine einflussreichste Philosophie, der Pragmatismus, hat die Nation auf Tatkraft ausgerichtet. Ähnliches gilt für China mit dem Kommunismus und dem Konfuzianismus.

Europa hat nichts Ähnliches. Unsere Philosophen haben sich in der Dialektik, der Dekonstruktion und einer nichtssagenden Diskursethik verloren und dabei die Praktikabilität der Scholastik, Lockes, Humes und Hobbes’ in die Wüste geschickt. Der einzige zentrale europäische Wert, der den Wertezerfall wirklich überlebt hat, ist das «Europa der Vaterländer», also die Idee, dass Europa ein Kontinent vieler Völker ist. Dieser Wert ist unter den Einwohnern Europas lebendiger denn je und verwirklicht sich immer wieder neu; man muss nur in die Ukraine, den Balkan oder nach Katalonien schauen. Weder eine supranationale Bürokratie noch die Idee eines Verfassungspatriotismus kann das aus der Welt schaffen – beides ist in einem vibrierenden Vielvölkergebilde wie Europa so weltfremd wie Joachim v. Pasenows romantische Ersatzhandlungen in Brochs Roman.

Und deshalb ist Europa kein Riese, sondern eine Ansammlung von grösseren und kleineren Zwergen. Wenn man an die grossen europäischen Katastrophen denkt, sind diese Zwerge zwar wohl beraten, sich solidarisch die Hand zu geben, aber sie dürfen nicht vergessen, dass sie eigenständige Nationen sind. Bei richtiger Beleuchtung werfen auch Zwerge grosse Schatten. Der Ökonom Alberto Alesina hat schon vor Jahren empirisch nachgewiesen, dass kleine Staaten erfolgreicher sind als grosse.

An diesen Charme der Kleinheit und Vielfalt Europas sollen wir uns halten, und auch an den Ausruf des Apostels Paulus, mit dem Hermann Broch seinen Roman schliesst: «Tu dir kein Leid! Denn wir sind alle noch hier!»

»
Ivan Krastev hat irgendwann aufgehört, Grenzen wahrzunehmen. Bild: Keystone/Laif/Fabian Weiss.
«Wir Europäer haben
gemeinsame Träume, doch
unsere Albträume sind national»

Die geopolitischen Verwerfungen rufen nach einer neuen europäischen Identität, sagt Ivan Krastev. Der Politologe rät der EU, weniger zu missionieren, und findet es nicht zwingend schlecht, in einem Museum zu leben.

Abonnieren Sie unseren
kostenlosen Newsletter!