250 Jahre Missgunst
Den amerikanischen Traum für tot zu erklären, ist kein neuer Trend, sondern zieht sich durch die gesamte Kulturgeschichte. Von Adorno bis Baudrillard zeigt sich: Die europäische Ablehnung der USA ist oft nur eine ins Gegenteil verkehrte Bewunderung.
Der 250. Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten markiert nicht nur ein amerikanisches Jubeljahr, sondern auch das Jubiläum eines klassenübergreifenden Ressentiments – das des Antiamerikanismus. Amerika ist ein Mythos. Er wird von seinen Verächtern am Leben gehalten, im Versuch, ihn stets aufs Neue zu Grabe zu tragen. Der amerikanische Politikwissenschafter Andrei S. Markovits sprach einmal vom «Antiamerikanismus als europäischer Lingua franca» und ergänzte: Lange bevor die USA zur dominierenden Weltmacht aufstiegen, «wurden sie von den Europäern bereits als ein bedrohlicher Gigant angesehen und gefürchtet». War Amerika dennoch einst Sehnsuchtsort für viele Menschen, die Europa oder später den Ostblockstaaten den Rücken kehren wollten, sind die USA inzwischen zu einer der meistgehassten Nationen der Erde geworden. Dabei ist die ihnen zugeschriebene Rolle im Wandel: War Amerika früher der abtrünnige, unbedarfte Parvenü, dann der übermächtige, unheimliche Hegemon, sehen manche die USA inzwischen nur noch als reaktionären Gegenpol auf der anderen Seite des Atlantiks.
Die eingespielte Empörung
So unterschiedlich auch eingeschätzt wird, welchen Platz die USA einnehmen (werden), so einig ist man sich von jeher darin, wie sie ticken: Wer auf die «blöden Amis», ihre Anmassung, ihre Kulturlosigkeit oder ihre lasterhafte Verkommenheit schimpft, hat alle Sympathien auf seiner Seite, obwohl er sich reichlich abgegriffener Feindbilder bedient. Besonders geistreich und originell wirkt es nicht, wenn jede Empörung über die oberflächliche Massengesellschaft der USA seit 250 Jahren auf fast die gleiche Art und Weise ausbuchstabiert wird. In der Ablehnung der USA ist man höchstens etwas politisch korrekter geworden: Vom Sündenpfuhl, von Degeneration oder «Verjudung» würde heute wohl kaum jemand mehr sprechen, auch wenn die zugrunde liegende Gefühlswallung aus Neid, Ekel und Groll die gleiche bleibt.
Dass in der Ablehnung der USA und des angeblich so freizügigen American way of life dabei immer wieder der Abscheu vor dem Verdorbenen hervortritt, ist auf den ersten Blick paradox: Schliesslich ist die US-amerikanische Geschichte tief vom Puritanismus geprägt. Der Soziologe Max Weber schrieb nach seiner Amerikareise einst, das amerikanische Leben sei stark beeinflusst von der Menge «säkularisierter Sprösslinge des alten puritanischen Kirchentums». Die den USA immer wieder vorgeworfene Dekadenz und Sittenlosigkeit war von Beginn an eine fantasievolle Zuschreibung, die von Ankläger und Angeklagtem gleichermassen abgelehnt wurde. Insofern ist der Antiamerikanismus nur eine ins Gegenteil verkehrte Bewunderung: Der amerikanische Gedanke der Einzigartigkeit («exceptionalism»)wird vom Rest der Welt angenommen und ins Gegenteil, in verabscheuungswürdige Minderwertigkeit, verkehrt.
Verbittert musste schon im 18. und 19. Jahrhundert der Gedanke von sich geschoben werden, es könnte «da drüben» besser sein: Umso losgelöster waren die Projektionen von der Realität. Das eint die Amerikaidealisten bis heute mit den Amerikahassern. Was sich heute geändert hat, ist erstens, dass der Siegeszug der Demokratie und der Untergang der alten feudalen Gesellschaft schon lange keine US-amerikanischen Alleinstellungsmerkmale mehr sind. Zweitens kann man in der 250-jährigen Geschichte der Grossmacht allzu viel finden, was als Beispiel zur Kritik oder (weit öfter) Verächtlichmachung dienen kann. Der Antiamerikanismus des 21. Jahrhunderts ist deswegen rücksichtsloser oder hemmungsloserals je zuvor: Der «American Dream», den man schon immer für eine billige Täuschung und nicht für eine Utopie hielt, sei tot, das amerikanische Weltpolizistengebaren sei gescheitert und die USA würden nicht mehr die Zukunft repräsentieren. Stattdessen seien sie eine von innen zerfressene Demokratiehülle, die auf absehbare Zeit in sich zusammenfallen werde. Vor drohender Amerikanisierung wird kaum noch gewarnt – zu sicher ist man sich links wie rechts darin, dass das Zeitalter des amerikanischen Imperiums vorbei sei.
«Der Antiamerikanismus des 21. Jahrhunderts ist rücksichtsloser oder hemmungsloser als je zuvor.»
Dagegen könnte man vorbringen, dass die USA zumindest kulturell immer noch den Ton vorgeben: Trends, Debatten und Zeitgeistphänomene sind im Rest der Welt oft nur Wiederholungen, die es in den USA bereits zuvor gegeben hat. Auch der Vorwurf des oberflächlichen Materialismus zielt, einzig gerichtet gegen die USA, in einer globalisierten kapitalistischen Welt ins Leere. Misst man sich nicht die ganze Zeit am nunmehr universalisierten Gesellschaftsmodell der USA, auch wenn man die Vereinigten Staaten in jeder Hinsicht ablehnt und verspottet?
Der Mythos Amerika scheint selbst in Zeiten seines Niedergangs noch mehr Strahlkraft zu besitzen als der vielbeschworene «europäische Geist». Mit Mythen beladen war die Idee der amerikanischen Freiheit von jeher, die europäische Idee wirkt dagegen wie der nachträgliche und aufgezwungene Versuch einer Legendenbildung. Das ist vor allem dem fehlenden einheitlichen Selbstverständnis auf europäischer Seite zuzuschreiben. Vom Mut zur Selbstglorifizierung, wie er in den USA gang und gäbe ist, hat man sich nie anstecken lassen, weil die Bedingungen dafür fehlen.
«Der epochemachende Zukunftsoptimismus ist zu romantischer Nostalgie geschrumpft.»
In den Antiamerikanismus der letzten Jahre hat sich jedenfalls ein hämischer Ton eingeschlichen, der von Siegesgewissheit und Schadenfreude zeugt. Dass die Dominanz der USA historisch immer auch die Dominanz des demokratischen und – mindestens im Vergleich zum Rest der Welt – freien Westens bedeutete, wird geleugnet oder dessen Verfall immer öfter auch offen bejubelt. Parallel dazu verläuft auch die Amerikaverklärung als Projekt des Wiederaufbaus: Amerika soll wieder grossartig gemacht werden, nachdem es seine Grösse verloren hat. Der epochemachende Zukunftsoptimismus ist zu romantischer Nostalgie geschrumpft.
Vom Hegemon zur Demokratiehülle
Was das antiamerikanische Ressentiment geflissentlich ignoriert, ist, dass man die Brüchigkeit des amerikanischen Glücksversprechens in der US-amerikanischen Kultur, die man ausserhalb der USA für nicht existent hält, tiefgreifender reflektierte, als es die Selbstgefälligkeit des Antiamerikanismus jemals zugelassen hat: Gerade indem man die Widersprüche des Freiheitsversprechens aufzeigte und kritisierte, anstatt es einfach zu verwerfen. Den «American Dream» für tot zu erklären, ist ein Topos, der die amerikanische Kulturgeschichte von Anfang an begleitet hat. Die Anziehungskraft, aber auch die Fallhöhe der amerikanischen Ideale wurden schon in den Romanen von John Steinbeck oder F. Scott Fitzgerald auf eine Weise verhandelt, von der der plakative Antiamerikanismus nie etwas wissen wollte. Man findet bei diesen Autoren ein Motiv, das die US-amerikanische Kulturproduktion in der Literatur, im Film und in der Musik bis heute mitbestimmt: Das Verheissungsvolle der versprochenen Freiheit und des Individualismus – also der Abwesenheit von Tradition, Sippe und Vorherbestimmung – kippt allzu oft ins Bedrohliche und Unbehagliche. Auf den Traum folgt der Verfall – oder das selbstbehauptende Beharren darauf, auch im Scheitern noch an seinen Idealen festzuhalten. Schliesslich beruht der Exzeptionalismus des amerikanischen Grundgedankens auch auf einem ursprünglich religiösen Erlösungsgedanken, der bis heute im Freiheitspathos und Patriotismus der USA nachschwingt und für ausländische Beobachter mitunter skurril wirkt.
Am Ideal scheitern – nicht am Klischee
So muss man wohl folgende Beobachtungen verstehen, die der inzwischen verstorbenefranzösische Philosoph Jean Baudrillard in seinem 1986 erschienenen – aber immer noch aktuellen Werk – «Amerika» sammelte. Entstanden ist ein Buch, das keineswegs proamerikanisch, aber eben auch nicht plump antiamerikanisch ist. So schreibt Baudrillard: «Die Vereinigten Staaten sind die verwirklichte Utopie. Die idyllische Überzeugung der Amerikaner, der Nabel der Welt, Weltmacht und absolutes Modell zugleich zu sein, ist nicht ganz falsch.» Und weiter: «Mit einer an Unverträglichkeit grenzenden Naivität hat sich diese Gesellschaft auf die Idee versteift, die Verwirklichung all dessen zu sein, wovon andere immer geträumt haben.» Eine gewisse europäische Arroganz im Blick auf die Vereinigten Staaten kann man Baudrillard, der diese Zeilen in den 80er-Jahren schrieb, nicht absprechen; er liess allerdings auch eine Faszination zu, die der geläufige Antiamerikanismus ansonsten nur in Antipathie kanalisiert. Auch der Philosoph Theodor W. Adorno, der als Emigrant einige Jahre in den USA lebte, nahm die Versprechen und Mythen der US-Gesellschaft nicht beim Wort. Im Gegensatz zum Amerikareisenden Alexis de Tocqueville, der Anfang des 19. Jahrhunderts die USA erkundete, fand Adorno keine Bedingungen mehr vor, die zum Schwärmen einluden. Tocqueville hatte einst noch die «Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen» gelobt; Adorno hingegen blickte auf eine veränderte Realität. Beeindruckt zeigte er sich von der «Güterfülle» und der «Durchdringung der Gesamtgesellschaft mit einer Humanität im unmittelbaren Verhalten». Zugleich erkannte er in der «durch und durch vergesellschafteten Gesellschaft» der USA einen übersteigerten Konformismus anstelle des eigentlich versprochenen Individualismus. Die Kluft zwischen Ideal und Realität stachelte Adorno jedoch nicht gegen das Ideal selbst auf, sondern gegen die unversöhnte Realität: Nicht das in den USA auch seinerzeit noch vorhandene Gefühl, «dass alles möglich wäre», sei das Problem, vielmehr die Tatsache, dass es nur bei diesem Eindruck bleibe.
Faszination jenseits von Antipathie
Der französische Publizist Bernard-Henri Lévy bot in seinem 2007 erschienenen Buch «American Vertigo» eine ähnlich interessante Erklärung für das Faszinosum Amerika an: Die USA verbündeten in ihrer unermesslichen Weite, die gleichzeitig Vielfältigkeit und Leere biete, die «Ultramoderne» mit «extremem Archaismus». Sie stünden für die Vereinigung des prähistorischen und posthistorischen Traums. Folgt man Lévy darin, erklärt das wohl die Zeitlosigkeit der positiven wie negativen Reaktionen auf das Experiment Amerika. Den Gestus der kritischen Würdigung nahm auch der Historiker Karl Schlögel in seinem wenige Jahre alten Buch «American Matrix» ein. Darin versuchte er, ausgehend von einer Vielzahl von Ikonen der amerikanischen Alltagskultur – Highways, Nationalparks, Museen, Wolkenkratzer, Motels, Einkaufszentren –, zu präzisieren, was die USA auszeichnet – beziehungsweise was sie im «grossen amerikanischen Jahrhundert», dem 20. Jahrhundert, so prägend gemacht hat. Schlögel entwirft das Bild einer mit sich ringenden, in Teilen hinfälligen, deswegen aber nicht umso weniger bewundernswerten Zivilisation. Oder um es mit Baudrillard zu sagen: Die Vereinigten Staaten «sind ein Paradies. Das Paradies ist, was es ist, düster zu Zeiten, monoton und oberflächlich, aber es bleibt das Paradies.»