Die Gralshüter des Fortschritts sind träge geworden
Dampflokomotive, fotografiert von Hans-Peter Bärtschi / ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / SIK_01-010379 / CC BY-SA 4.0.

Die Gralshüter des Fortschritts sind träge geworden

Die Innovationskraft als Triebfeder des Liberalismus lahmt. Die Liberalen müssen sich wieder an die Spitze des Fortschritts setzen.

 

Als James Watt die Dampfmaschine erfand, war sein Freund Adam Smith schon tot. Trotzdem hat der Urvater der Nationalökonomie und der liberalen Moralphilosophie die wesentlichen Segnungen des Industriezeitalters im 18. Jahrhundert vorhergesehen, noch vor der Französischen Revolution. Zwar ist der Liberalismus ein Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung, genauer: die des aufkommenden Bürgertums. Smith war aber der erste, der ihn und seine Entwicklung in eine Form gegossen hat und auf ein Zeitalter spiegelte, das noch gar nicht richtig angefangen hatte.

Die Dampfmaschine war der Antrieb des Industriezeitalters. Sie entkoppelte die Leistungsfähigkeit der Produktion von der menschlichen Physis und führte zu einer exponentiellen Steigerung der Produktivität. Sie multiplizierte die Kapazität der Industrie, die Smith zunächst nur als Ergebnis der Arbeitsteilung beschrieben hatte. Die Kombination brachte mittelfristig eine Multiplikation der Leistung der Volkswirtschaft, die später zu einem ungeahnten Wohlstand führen sollte.

Liberale sind keine Propheten. Was aber ihre Geisteshaltung von anderen Philosophien unterscheidet, ist die Neigung zum Abstrakten. Smith war ein Moralphilosoph und eben kein Ökonom. Wer im Sinne Friedrich August von Hayeks Mustervoraussagen und Erklärungen des Prinzips sucht, verrennt sich nicht in konkreten Prognosen. Er schafft einen Korridor für die Beschreibung von sozialer Evolution. Nicht jede Entwicklung und Erwartung hat sich erfüllt. Schon Adam Smith hat den Segen des Freihandels und der Arbeitsteilung jedoch richtig beschrieben.

30 Jahre vor der Erfindung der Kryptowährungen schuf Hayek mit der «Entnationalisierung des Geldes» und dem Konzept der Konkurrenzwährungen die theoretische Grundlage, ohne zu ahnen, was z.B. eine Blockchain überhaupt sein könnte. Das war nicht anders wie bei Adam Smith, der die Wirkungsweise des Industriezeitalters beschrieb, ohne ihren Antrieb zu kennen. Liberale sind ihrer Zeit also gerne voraus und lassen sich in ihrer Fantasie auch nicht von den Grenzen technologischer Machbarkeit stören. Wo ist heute diese avantgardistische Kühnheit geblieben?

Triumphe haben uns träge gemacht

Der Siegeszug der Freiheit begann nicht mit dem Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa, sondern mit den marktwirtschaftlichen Reformen von Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Schon deren nachhaltiger Erfolg entzog den Sozialismusfantasien in der Realität den Boden. Der Zusammenbruch der sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaften gab dem intellektuellen Marxismus den Rest.

Triumphe machen träge. Man ruht sich gerne auf den Lorbeeren aus und nimmt nicht wahr, dass die etatistischen Kräfte sich neue Ziele und schützenswerte Lebensräume suchten: die Umwelt und die Globalisierung. Dem heimeligen Idealismus hatten wir Marktradikale mit unseren vermeintlichen Egoismen nichts entgegenzusetzen. Die Ökologiebewegung setzte einfach bei Beibehaltung der Ideologie auf die vermeintliche Ausbeutung eines neuen Produktionsfaktors, der statt des «Arbeiters» vom Kapitalismus ausgebeutet werde: die Umwelt nämlich, die synonym für «Boden» steht. Was hatte demgegenüber zuletzt der Liberalismus zu bieten?

Wäre der Liberalismus ein deutscher öffentlich-rechtlicher Rundfunk, dann würde er sich heute ein neues Framing besorgen. Stattdessen zogen sich die Liberalen sukzessive in die Studierstuben und Echokammern zurück und haderten mit ihrem Schicksal und der Tatsache, unverstanden zu sein. Ausgerechnet die Liberalen stellten sich zunehmend weniger dem intellektuellen Wettbewerb und liessen sich von immer grösseren Widerständen in den links geprägten Redaktionen abschrecken. Schon vor der Weltfinanzkrise war der Begriff «Neoliberalismus» negativ besetzt.

Die drei Dimensionen des Liberalismus

Einer der Fehler des liberalen Establishments war, sich dabei alleine auf die trockene wirtschaftstheoretische und -politische Dimension reduzieren zu lassen. Deregulierung und Steuerreformen beeindrucken die vermeintlichen linken Idealisten nicht. Der Markt wird nur als Produzent der Ausbeutung verstanden. Die wissenschaftstheoretische…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»