Die Kanonisierung des Dada

Wie die Dadaisten ihren eigenen Mythos schufen Sie hörten es bald nicht mehr gerne, doch in den Anfangsjahren verstanden sich die Dadaisten auch als Teil der Avantgarde. Die spätere Stilisierung zur radikalen Gegen-Alles-Bewegung wurde unter anderem dadurch gefördert, dass Richard Huelsenbeck sich 1964 nicht scheute, einen historischen Text zu fälschen.

Dada, so heisst es oft, war die radikalste Formation in der historischen Avantgarde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts oder vielleicht sogar die radikalste Kunstbewegung des ganzen vorigen Jahrhunderts, wenn nicht der gesamten Zeitrechnung überhaupt. Denn Dada habe nicht nur mit der damals vorherrschenden Kunst gebrochen, sondern sich gegen jede Konvention und Tradition in der Kunst aufgelehnt. Und mehr: Der dadaistische Bildersturm hätte sich nicht nur gegen bestimmte Kunstpraktiken gerichtet, sondern die Kunst als solche aufs Korn genommen. Und nicht nur die Kunst. Dada sei vielmehr Negation und Destruktion jeder Form von Ordnung und Regelgebung gewesen, ob in Kunst oder Literatur, ob in Politik, Moral oder Sprache. Der Dadaist sei nihilistischer Anarchist pur sang gewesen, da er die Welt aus den Angeln gehoben und das Chaos willkommen geheissen habe.

Einiges scheint für dieses gegenwärtige Bild des Dada als Inbegriff des Un- und Antikonventionellen, als Antikunstbewegung oder schlicht als Antibewegung zu sprechen. Spricht Tzara in seinem «Manifeste Dada 1918» nicht davon, dass Dada eine «entreprise de destruction» war? Machen nicht Lautgedichte wie Balls «Gadji beri bimba» oder – vielleicht noch stärker – Hausmanns «fmsbwtözäu» der Literatur den endgültigen Garaus? Beinhalten sie nicht zumindest die radikale Verneinung und Auflösung der Grammatik und Semantik, kurzum eine restlose Zerstörung der Sprache als Kommunikationsmittel? Und ist Marcel Duchamps berühmt-berüchtigtes Ready-made «Springbrunnen», das Urinoir , das er 1917 unter dem Pseudonym Richard Mutt bei einer Independents-Ausstellung ohne Jury in New York einreichte, und das dann trotzdem (oder selbstverständlich!?) von den Organisatoren als geschmackloser Witz und Angriff auf die Kunst abgelehnt wurde, nicht das Antikunstwerk par excellence? Möglich.

Verklärung nach dem Zweiten Weltkrieg

Wer jedoch genauer hinsieht, wird noch etwas anderes feststellen: Es gehört heutzutage zum guten Ton, Dada als Antikunstbewegung zu etikettieren. Verfolgt man freilich diese Auffassung durch die Zeit zurück, dann wird deutlich, dass eben dieses Dada-Verständnis nicht so sehr aus dem historischen dadaistischen Projekt der zehner und zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stammt, sondern vielmehr aus der Zeit seiner Wiederaufbereitung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Dada wurde, nachdem sich die historische Bewegung gegen Mitte der Zwanzigerjahre aufgelöst hatte, weitgehend von anderen avantgardistischen Ismen, namentlich vom Surrealismus und Konstruktivismus, verdrängt. Aber auch die Avantgarde insgesamt landete in den dreissiger und vierziger Jahren, in der Zeit des Stalinismus und Faschismus, als «entartete Kunst» auf dem Müllhaufen der Kunstgeschichte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sowohl die Avantgarde als auch Dada wiederentdeckt, vor dem Hintergrund neuer Avantgardebewegungen wie Abstract Expressionism, Cobra, Fluxus, Pop Art und so fort, die sich nach 1945 manifestierten. Es ist auch in dieser Zeit, dass ehemalige Dadaisten anfingen, ihre eigenen dadaistischen Jugendsünden in autobiographischen, historischen Rückblicken zu thematisieren und die vergessene Dada-Bewegung wieder ins Rampenlicht zu rücken.

In diesem Zusammenhang erschienen 1964 zwei Bücher, die – nicht zuletzt nach den vielen Neuauflagen, die sie erfuhren – das Nachleben Dadas im späten 20. Jahrhundert, jedenfalls im deutschen Sprachraum, wesentlich prägten. Die eine Publikation war Hans Richters einflussreiche Monographie «Dada – Kunst und Antikunst», die bereits im Titel die Parole der Antikunst ausgab und den «Beitrag Dadas zur Kunst des 20. Jahrhunderts» insbesondere im Antikunstcharakter Dadas situierte. Ausserdem erschien in der Reihe RORORO-Enzyklopädie Richard Huelsenbecks «Dada. Eine literarische Dokumentation», eine Anthologie literarischer und programmatischer Texte, die, erstmals wieder aus allerlei schwer erreichbaren Quellen zusammengestellt, eine Übersicht über die dadaistische Literatur und Programmschriften bot.

Prominent am Anfang dieser Anthologie stehen zwei kurze Texte Huelsenbecks, «Erklärung, vorgetragen im Cabaret -Voltaire, im Frühjahr 1916» sowie «Dadarede, gehalten in der Galerie Neumann, Berlin, Kurfürstendamm, am 18. Februar 1918», die – folgt man den Quellenangaben im Anhang – auf «Schreibmaschinenmanuskripten» basierten und «mit Genehmigung…

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