Zuckerbrot und Peitsche

Moderne Managementtechniken als Erfindung des Industriezeitalters? Von wegen! Schon die alten Römer haben sich auf sie verlassen, um ihre Sklaven im Zaum zu halten. Was heutige Manager und antike Sklavenhalter gemeinsam haben.

Zuckerbrot und Peitsche
Der altrömische Herd und die heutige Kaffeeküche: wo sich Chef und Angestellte treffen – oder eben Haussklave und Pater familias. Überreste eines Haushalts im antiken Laodikeia, heute Denizli, Türkei / fotolia.

Vedius Pollio, ein reicher Römer, lud einmal seinen Freund, den Kaiser Augustus, zum Abendessen ein. Sie unterhielten sich gerade angeregt, da zerbrach ein junger Sklave ein teures Kristallgefäss. Weil er Augustus mit seiner Härte beeindrucken wollte, befahl Vedius, dass der Sklave den riesigen Muränen in seinem Fischteich zum Frass vorgeworfen werde.

Leider war Augustus überhaupt nicht beeindruckt. Im Gegenteil: Vediusʼ Grausamkeit empörte ihn. Er wies ihn an, den Sklaven zu befreien, und sagte den anderen Sklaven, sie sollten alle Kristallgefässe herbeitragen, die sie finden könnten, um sie vor ihrem Herrn zu zerschmettern. Daraufhin befahl er Vedius, den Fischteich aufzuschütten und die Muränen zu beseitigen.

Die meisten Römer dachten ähnlich wie Augustus: Grausamkeit Sklaven gegenüber fanden sie schockierend. Sie verstanden nämlich, dass Sklaven keine gute Arbeit leisten, wenn man sie in Schrecken versetzte. Die Römer griffen stattdessen auf verschiedene Techniken zurück, um die Sklaven dazu zu bewegen, produktiver zu arbeiten – von Boni über langfristige Anreize hin zu Gruppenaktivitäten, die die allgemeine Moral anheben und den Teamgeist stärken sollten. Eine nähere Betrachtung dieser antiken Techniken sagt mehr darüber aus, wie heutige Arbeitgeber Menschen managen, als uns lieb ist.

Vor allem zeigt die obige Anekdote auch, wie vertraut die Römer damit waren, andere Menschen zu führen. Für sie lag ein himmelweiter Unterschied dazwischen, eine Einheit einfach managen zu können oder tatsächlich fähig zu sein, sie zu führen. Modernen Managern ist es dagegen oft unangenehm, wenn aus ihren Kollegen auf einmal Untergebene werden. Ich war ein Jahrzehnt in einer Grossfirma tätig; die meisten Chefs versuchten, mein Freund zu sein. In der Hierarchie weiter oben zu stehen als andere, passt nicht so recht in unsere demokratisch-egalitäre Gesellschaft. Deshalb tun Manager so, als wären sie ein Teil des Teams.

Die Römer hätten über diese Schwäche gespottet. Oder können Sie sich etwa vorstellen, dass Julius Cäsar seine Legionen beiseite genommen hätte, um sie zu überreden, seine Invasion Galliens gutzuheissen? Erfolgreiche Anführer sollten sich von der Masse abheben und ihre Fähigkeiten einsetzen, um die Menschen zu inspirieren oder zu überreden, zu tun, was nötig war – und manchmal mussten sie sie auch zu einer Handlung zwingen. Vielleicht täten wir gut daran, von der schroffen Ehrlichkeit der Römer zu lernen.

 

Sklaven als Teilhaber

Für die Römer galt der Haushalt als zentraler Pfeiler der zivilisierten Gesellschaft. Entsprechend kann die moderne Firma als Grundlage der industriellen Welt angesehen werden – ohne sie wäre unser Lebensstil mit all seinen materiellen Vorzügen nicht möglich.

Ein römischer Haushalt brauchte Sklaven, eine moderne Firma braucht Personal. Ähnlich wie Sklaven sind Festangestellte begehrenswerter als externe Mitarbeiter. Die Römer dachten, dass man sich auf freie Mitarbeiter weniger verlassen konnte als auf Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe: Sie erschienen nicht zur vereinbarten Zeit, nahmen es mit ihren Gebühren nicht so genau und erledigten die Arbeit nicht richtig. Sklaven dagegen waren Teilhaber des Systems. Es lag in ihrem eigenen Interesse, dass die Arbeit gut erledigt wurde. Deshalb konnten sich die Römer sicher sein, dass sie machten, was man von ihnen verlangte.

Entsprechend musste ein Herr beim Entscheid, wen er in seinen Haushalt aufnahm, die grösstmögliche Vorsicht aufwenden. Wer einfach irgendeinen Sklaven aufnahm, gefährdete dadurch möglicherweise die Arbeitsmoral des gesamten Haushalts. Der zukünftige Sklavenbesitzer versuchte deshalb vor dem Kauf, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, z. B. ob der Sklave die Tendenz hatte, wegzurennen, nutzlos herumzulümmeln oder zu trinken.

Zwar schützte das Gesetz die Sklavenhalter teils vor den Folgen eines Fehlkaufs: War der Sklave spielsüchtig, erhielt der Käufer sein Geld zurück – nicht aber, wenn der Sklave einfach faul war. Der Philosoph Seneca hält fest, wie sehr sich die Käufer für die Herkunft eines Sklaven interessierten, da…