Freiheit, Friede, Frivolität?

Mario Vargas Llosa ist einer der weltweit einflussreichsten liberalen Intellektuellen. Im Gespräch mit dem französischen Philosophen und Soziologen Gilles Lipovetsky diskutiert er über das Verschwinden der Hochkultur im Kapitalismus und die Sinnleere in der Gesellschaft des Spektakels. Und muss sich unerwartete Kritik gefallen lassen.

Freiheit, Friede, Frivolität?
Mario Vargas Llosa, photographiert von Staffan Loewstedt / SvD / Scanpix.

Mario Vargas Llosa: Lieber Gilles Lipovetsky, bitte gönnen Sie mir eine kurze Vorbemerkung zu unserem Gespräch. Es beunruhigt, um nicht zu sagen beängstigt mich, wenn ich sehe, wie sich das, was wir unter «Kultur» verstanden, als ich noch jung war, im Laufe meines Lebens gewandelt hat. Heute hat es kaum noch etwas gemein mit dem, was «Kultur» in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren für uns bedeutete. In meinem Essay «Alles Boulevard»1 versuchte ich zu beschreiben, worin dieser Wandel bestand, mir aber auch anzusehen, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf den verschiedensten Gebieten haben kann – im Gesellschaftlichen, Politischen, Religiösen, in der Sexualität und so weiter –, denn Kultur durchdringt alle Bereiche unseres Lebens. Ich möchte nicht pessimistisch stimmen, sehr wohl aber aufrütteln und zum Nachdenken anregen darüber, ob dieser geradezu hegemonische Stellenwert, den Spass und Unterhaltung in unserer Zeit erlangt haben, nicht vielleicht schon zum brüchigen Rückgrat des ganzen kulturellen Lebens wird. Ich, so viel vorweg, glaube, dass genau das passiert, und zwar mit dem Einverständnis breiter Schichten der Bevölkerung, einschliesslich jener, die einmal für die Institutionen und die kulturellen Werte standen. Sie, Gilles Lipovetsky, gehören für mich zu den modernen Denkern, die so akribisch wie profund diese neue Kultur analysieren. In Büchern wie «L’ère du vide»2 oder «L’empire de l’éphémère»3 beschreiben Sie höchst kenntnisreich, worin die neue Kultur besteht. Im Unterschied zu mir treibt Sie dabei keine Unruhe, im Gegenteil, Sie nähern sich Ihrem Gegenstand mit Sympathie und sehen darin Elemente, die Sie als ungeheuer positiv betrachten: so etwa die demokratisierende Kraft einer Kultur, die alle erreicht, einer Kultur, die anders als die traditionelle Kultur keine Vorbehalte kennt und nicht in Beschlag genommen wird von einer Elite, von klerikalen oder intellektuellen Grüppchen; einer Kultur, die durchlässig ist für die ganze Gesellschaft. Auch behaupten Sie, und das ist eine interessante Frage, über die man streiten kann, dass diese Kultur dem einzelnen erlaubt habe, sich zu befreien, denn anders als in der Vergangenheit, als das Individuum gewissermassen Gefangener einer Kultur war, könne der einzelne heute aus einem weiten Fächer an kulturellen Möglichkeiten wählen und nicht nur über seinen Willen bestimmen, sondern seine Vorlieben und Neigungen auch ausleben. Für Sie, Gilles, ist diese Kultur eine Vergnügungskultur, und sie vermag Bedürfnisse zu befriedigen bei Aktivitäten, die heute für sich in Anspruch nehmen, kulturelle zu sein, auch wenn man sie in der Vergangenheit nicht als solche betrachtete. Wie gesagt, über diese Ansichten lässt sich streiten, mal überzeugen sie mich, mal machen sie mich nachdenklich, und deshalb glaube ich, dass dies ein äusserst fruchtbares Gespräch werden kann über zwei Annäherungen an ein und dasselbe Phänomen, Annäherungen von Positionen, die unterschiedlich sind, sich vielleicht aber auch ergänzen.


Mario Vargas Llosa über Hochkultur:

«Tatsächlich ist die Art, wie die meisten Menschen eine Ethik verstehen und leben, ja auch vorgegeben von einer Religion. Allenfalls kleine Minderheiten emanzipieren sich von ihr und füllen die Leere, die sie hinterlässt, mit ‹Kultur›: mit Philosophie, Wissenschaft, Kunst. Doch nur die Hochkultur kann eine solche Funktion wirklich erfüllen, eine Kultur, die die Probleme angeht und nicht verhehlt, die versucht, auf die grossen Rätsel, Fragen und Konflikte, von denen die menschliche Existenz umfangen ist, ernsthafte Antworten zu geben und keine bloss spielerischen. Die Kultur des Seichten und des Flitters, des Klamauks und der Pose reicht nicht aus, um die Gewissheiten und Legenden, Mysterien und Rituale der Religionen zu ersetzen.»

«Quantität auf Kosten von Qualität. Dieses Kriterium, das in der Politik immer schon für die schlimmste Demagogie herhalten musste, hat auf dem Feld der Kultur ungeahnte Auswirkungen gehabt, denn die Hochkultur, ob ihrer Komplexität und zuweilen schwer verständlichen…

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