Am Rande des Schwarms

Die Geschichte eines Mannes, der im Kajak zum Fischen fuhr. Mit an Bord: eine Weste, eine Flasche Bier und die Urne seines Vaters.

Am Rande des Schwarms


Er schwingt den Fisch aus dem Wasser ins Boot, ein wild zuckender Lichtstreif, packt die Schnur, dreht den Haken aus dem Maul und drückt den Fisch zwischen seinen Beinen zu Boden. Der Fisch schnappt nach Luft, zappelt. Schlägt mit dem Schwanz. Etwas Unruhiges, Ursprüngliches, Rituelles im flachen, offenen Boot.

Blutspritzer und Schuppen lösen sich und werden unter seinen Fingern zu Regenbogen, als er dem Fisch das Genick bricht. Er spürt den winzigen Zahnkranz an der Kuppe seines Zeigefingers und drückt mit dem Daumen hinterm Kopf, bis es knackt.

Der Kiefer klappt auf, und die Kiemen spreizen sich wie eine aufblühende Blüte.

Er hat gewusst, dass er etwas fangen würde. Er hatte ihr nur eine kurze Nachricht hingelegt: «Such dir einen Salat aus.»

Er wirft einen kurzen Blick hinüber zur Steilküste, in der Hoffnung, den Wanderfalken zu sehen. Er lässt den Blick schweifen, während er geduldig die verknoteten Schnüre und Haken entwirrt und die Schwimmer ins Wasser setzt. Im Boot glitzern die Schuppen. Eine dicke Hitze drückt auf den Morgen.

Das Kajak kippelt. Algen treiben. Er denkt an ihr Haar im Wasser. Dieselbe dunkelblonde Farbe. Normalerweise fängt man nicht nur einen. Vielleicht war’s ein Nachzügler. Vom Rand des Schwarms. Irgendetwas hat ihn von den anderen getrennt.

Er holt eine Plastiktüte hinten aus dem Packsack und steckt den Fisch hinein. Dann schöpft er das rostfarbene Blutwasser aus dem Boot.

Denk dran, Fische haben keine Augenlider. Wenn das Wasser so klar ist, sind sie wahrscheinlich weiter draussen.

Seit ein paar Wochen hört er ständig die Stimme seines Vaters.

Aber den habe ich gekriegt. Einer reicht. Zum Mittagessen.

Die Bucht lag ein wenig weiter nördlich. Vom flachen Sandstrand und den Wohnwagen auf den ebenen Wiesen dahinter war sie nur eine kurze Kajakfahrt entfernt, aber sie wirkte abgeschieden.

Vor langer Zeit hatte sein Vater ihm erzählt, niemand kenne die Bucht ausser ihnen beiden, und das war etwas Schönes, an das sie zusammen glaubten.

Du solltest die Pfanne über ein Feuerchen halten und die Makrele so braten, wie ihr es früher immer zusammen gemacht habt: in der Butter, die ihr im Café an der Strasse eingesteckt habt. Die Butter ist mittlerweile bestimmt schon flüssig, und du musst sie wie Creme aus der Folienpackung drücken.

Die Gräten in der abkühlenden Pfanne, die Finger klebrig vom Karamell gebräunter Butter.

Er redete nicht viel. Aber er konnte sich nicht vorstellen, in der Bucht zu sitzen und nicht mit seinem Vater zu reden.

Ein seltsames Gluckern ist zu hören, und ein Tordalk taucht auf, schüttelt das Wasser aus den Federn und putzt sich. Er legt den Kopf schräg, sieht ihn an und paddelt ein paar Meter von ihm weg. Dann taucht der Vogel wieder ab und ist verschwunden.

Er holt die Plastikdose aus der vorderen Gepäckluke. Sie hat sich in der Morgensonne erwärmt, und sie kommt ihm falsch vor, die Wärme. Als hielte die Asche noch Hitze.

Als er den Deckel ein wenig aufschraubt, wird er von einer plötzlichen Angst gepackt. Dass ein Geist, ein Gespenst, ein tödlicher Staub entweichen wird. Nein. Asche ist steril. Er bombardiert die Angst mit Wissen.

In den vergangenen Wochen musste er so viele Besitztümer durchgehen, Dinge, die vor Erinnerungen explodierten, aber mit der Asche verhält es sich anders. Er versucht nicht daran zu denken, dass sie nichts von ihrem Wesen ahnt. Er will die Asche an Augenblicke und Erlebnisse erinnern. Will sie zur körperlichen Präsenz seines Vaters machen.

Nach kurzem Zweifeln entspannt er sich wieder. Spürt, wie die Strömung ihn in einem Bogen fast unmerklich vom Ufer wegtreibt. Ein starker Sog im scheinbar stillen Wasser.

Hier draussen überkommt ihn ein Gefühl des Friedens. Er denkt: Warum hören wir mit so etwas auf, obwohl es gut für uns ist und uns Freude bereitet?

Als er das Kajak unter der Plastikplane herausholte, hingen Spinnweben daran und an den Spannriemen Ohrenkneifer.

Er hatte ihr nichts davon gesagt, dass er rausfahren wollte. Er wollte das Gewicht allein schultern.

Dort schwimmt eine Schar Austernfischer, hier springt ein Fisch, ein Klatschen auf dem Wasser. Einen Augenblick sieht er den silbernen Nagel. Ein Ding, das einen kurzen, verblüffenden Augenblick aus seinem Element ausgebrochen ist.

Hinter der Felsnase lässt er das Kajak ausgleiten, lässt sich treiben, wackelt bei der Ankunft mit den Füssen. Unter ihm ist das Wasser auf einmal dick und glibberig vor Quallen. Er fragt sich, ob sie ein Hinweis sind, Anzeichen steigender Temperaturen vielleicht. Dann überfällt ihn der Lärm der Musik.

Ein Kind knietief im Wasser, das auf die Wellen schlägt. Ein anderes, das vorsichtig über Felsen klettert. Eine Mutter, die sich in einem Handtuch umzieht.

Die Asche passt perfekt in den Getränkehalter neben seinen Beinen.

Ein Stück weiter hat sich eine Jugendliche ausgebreitet. Ihr Radio schallt übers Wasser. Ein Berg bunter Dinge.

Das Kind hat ein langes Stück Tang gefunden und peitscht damit auf die Wellen ein.

Das macht nichts, Dad, sagt er. Wir kommen später wieder.

Das Dröhnen eines Jetskis vom Strand bei den Wohnwagen. Ein aggressives Stadtgeräusch.

Wir kommen wieder, wenn sie weg sind.

Am Horizont eine kleine Wolke. Weisses Geflatter. Ein Schwarm tauchender Vögel.

Sie bleiben ja nicht den ganzen Tag.

Dann paddelt er, die Asche neben seinen Beinen, in gerader Linie hinaus aufs Meer.

Als er die Hände ins Wasser taucht und das Blut und die Schuppen abwäscht, stehen die Haare auf seinen Armen zu Berge und schwanken wie Seegras in der Strömung.

Die Vögel, die den Fischschwarm anzeigten, sind plötzlich nicht mehr da. Sie sind nur noch schwache Ahnungen, gegen das Licht vom Meer verschwindende Streifen.

Er ist so weit von der Küste entfernt, dass das Land nur noch eine blasse Ahnung ist.

Der erste Blitz schlägt irgendwo jenseits des Horizonts ein. Anfangs hält er es nur für ein plötzliches Glitzern. Der Donner kommt Augenblicke später, und ihm wird schlecht.

Er sieht den Regen in einem dicken, dunklen Band näherkommen. Fängt an zu paddeln.

Dann zuckt es hell, grell wie elektrischer Draht. Drei. Vier. Ein Donnergrollen, das als Echo vom Wasser zurückgeworfen wird.

Automatisch zählt er, versucht, die Entfernung vom Land abzuschätzen. Der nächste Lichtpuls. Die Küste immer noch eine dünne, holzfarbene Linie.

Ein heftiger Wind kommt auf – die kalte Luft, die von der Gewitterfront herangetragen wird. Und dann kommt ein tiefes Grollen. Das Geräusch eines grossen Gewichts, das landet. Ein langsames Aufreissen des Himmels.

Immer wieder ein- und dasselbe Wort. Nein, nein, nein.

Als ihn der Blitz trifft, gibt es ein grelles weisses Licht.

Als er aufwacht, treibt er auf dem Rücken. Der Knebel am Kordelzug seines Neoprenschuhs hat sich an einer Klampe verfangen. Rund um ihn schmelzen zischend Hagelkörner. Sie liegen über das Kajak verstreut und rollen herunter, als es auf den schwachen Wellen schaukelt. Es zischt, wenn sich die Hagelkörner im Wasser auflösen.

Fassungslos starrt er, versucht zu verstehen. Auf der Wasseroberfläche eine Ascheschicht. Er kann die Arme nicht bewegen. Sie sind vor ihm ausgestreckt, als wollten sie den Himmel beschwören.

Um ihn herum treiben tote Fische.

Er bewegt sich auf das Boot zu und das Boot auf ihn, er zieht es mit dem Bein heran, schüttelt den Fuss, bis sich der Knebel löst, dreht, wendet, tritt, versucht, seine nutzlosen Arme als Hebel einzusetzen. Schafft es irgendwie, sich ins Boot zu manövrieren.

Lebe, denkt er. Lebe.

Seine Angelrute brennt auf dem Wasser, und er rutscht vom Angesicht der Welt und wird wieder ohnmächtig.

Er hustet und bewegt sich, ein aus Glas gemachter Husten. Langsam stemmt er sich hoch. Ein Auge ist vom Salz verklebt. Mit dem Gesicht hat er am Boden des Kajaks gelegen, und das Salz stammt von dem verdunsteten Wasser. Nach dem Gewitter brannte die Sonne, hat das Wasser verdunsten und das Salz in einer Kruste auf seinem Auge eintrocknen lassen. Als er das andere öffnet, wird er vom Licht geblendet.

Das Atmen tut weh, weil alles weh tut. Als sei er aus grosser Höhe zu Boden gestürzt. Auch sein Mund ist salzverkrustet. Er weiss nicht, wo er ist. Auf seiner Haut verteilt ein feiner Film eingetrockneter Asche wie nach einem Vulkanausbruch.

Er blinzelt und versucht, sich etwas höher zu stemmen; das Kajak unter ihm kippelt. Die Welt rutscht, schwankt. Als er das Gesicht verzieht, platzen seine Lippen auf und bluten.

Er blickt hinunter auf seine Hände, spürt ganz kurz ein Zucken im rechten Arm, der Arm verkrampft sich, fällt gefühllos gegen das Bootsinnere, dann ist er wieder tot, ein Fisch, der nach dem Ersticken noch mit der Flosse schlägt.

Was ist passiert? Sein Bewusstsein ist eine zerrissene Kordel, die sein Geist zu flicken versucht.

Seine linke Hand bleibt gefühllos und ist mit einem lila Muster tätowiert, ein Muster wie Eis auf einer Flugzeugscheibe.

Der rechte Arm verhält sich eine Weile eigensinnig. Beweglich, aber taub und unbeholfen.

Er weiss nicht, wie lang er schon so daliegt. Wer er ist.

Unter der Salzkruste sieht er ein knallrotes Brandmal auf dem Unterarm, sieht das erschrocken rote Schienbein. Befühlt sein Gesicht. Als würde er etwas durch Packpapier hindurch betasten. Er hört das Sandpapier seiner aufgeplatzten Lippen mehr, als dass er es fühlt. Der seltsame Glaube beherrscht ihn, dass er verstehen wird, was passiert ist, wenn er nur das verklebte Auge aufbekommt.

Als er es wieder versucht, ist es, als würde das Auge sein Gesicht verlassen und davonflattern. Ein Nachtfalter.

Er braucht eine Weile, bis er ihn scharf sieht, ihn glauben kann. Er hat vergessen, dass es anderes Leben gibt. Der Falter umgaukelt ihn.

Er kann nicht glauben, dass hier draussen ein so kleines, so zerbrechliches Wesen unterwegs ist. Ein Wesen, das nicht auf dem Wasser landen kann. Wie weit müssen wir vom Ufer weg sein?

Der Falter lässt sich auf dem hellen Schriftzug des Boots nieder und öffnet und schliesst in der Sonne die Flügel. Er öffnet und schliesst seine funktionierende Hand.

Er fasst sich an das verklebte Augenlid und kratzt an den harten Salzkristallen. Er befeuchtet die Hand mit Wasser und blinzelt gegen das Brennen an, als er das Auge badet.

Als er wieder hinschaut, ist der Falter verschwunden. Für einen Sekundenbruchteil glaubt er noch einmal, dass es sein Auge war, dann entdeckt er ihn, im Abflug über dem Wasser.

In seinem Kopf herrscht Verwirrung, alles pocht. Der Horizont ist in allen Himmelsrichtungen ununterbrochen und gleich weit weg. Das sorgt für Panik. Er weiss nicht, ob er sich in eine Richtung bewegt. Falls doch, dann ist unklar, in welche.

Er spürt nichts als das Schaukeln, Schwanken, Neigen und Kippeln des Boots.

Als er aufwacht, glaubt er einen Augenblick, die Sonne auf seinem Hals sei der warme Atem eines anderen Menschen. Weit weg ist ein Motorboot zu hören. Land ist in Sicht, als sei es diese Ahnung gewesen, die ihn aufgeweckt hat.

Er erwacht mit dem Bewusstsein, dass das Paddel verschwunden ist, was eine weitere leise Panikattacke auslöst.

Sein guter Arm hing im Wasser, und erst als er ihn anhebt, spürt er, dass der kleine Finger angenagt worden ist.

Der Finger ist gehäutet, zerfetzt und zerfasert bis zum ersten Knöchel, im Wasser angeschwollen, der Schmerz geht durch und durch. Der Nagel ist noch da, hat aber kleine Kerben, wo die Fische genagt haben. Als er den Finger berührt, dreht sich alles, und als er schon wieder ohnmächtig wird, ist es, als ob ein zweites weisses Licht durch seinen Kopf schiesst.

Der Schlag der Flosse weckt ihn.

Er lehnte mit dem Kopf an der Lukenkante, als die dunkle Flosse zugeschlagen hat.

Er rührt sich nicht. Kann nicht. Wenige Meter entfernt taucht die Flosse wieder auf, ein Segel, das einen halben Meter spitz aus dem Wasser ragt, ein gewehrgrauer Körper. Eine Welle instinktiver Angst überrollt ihn, Adrenalin durchsickert ihn wie auf Eis geschüttetes Wasser. Die Flosse verschwindet, taucht ab.

Er ist erstarrt, macht sich in die Hose, kann den Kopf nicht bewegen.

Als die Flosse wieder gegen das Boot stösst, scheint sie Tastsinn entwickelt zu haben. Sie wird weich und biegsam und fasst wie in einem Comic oder einer Halluzination ins Boot, wie die Schwimmflosse eines Seelöwen. Und dann spielt der Fisch Clown und legt sich seitlich ins Wasser, eine Scheibe von der Grösse eines Esstischs. Ein schwimmender Kopf.

Das kann nicht sein, denkt er. Der Mondfisch und er, Auge in Auge, seine komische Flosse winkt ihm weich zu. Ein falsches Kräuseln auf dem ansonsten spiegelglatt schillernden Wasser. Das war’s dann, denkt er. Das war’s.

Der Mondfisch blieb stundenlang bei ihm. Man könnte sagen, dass er ihn vorwärtsstiess. Er war fast so lang wie das Kajak und stiess mit einem skurrilen Instinkt gegen den Bootsrumpf, rieb sich an ihm wie eine Kuh an einem Pfahl.

Der Mondfisch wird nicht gefischt, nicht gegessen und hat nicht gelernt, sich von Menschen fernzuhalten. Und vielleicht mochte er ja die Wärme des Paddelboots, den von der Sonne erwärmten Kunststoff. Oder vielleicht war es mehr als das.

Jedenfalls blieb er stundenlang da und stiess gegen das Boot und trieb es so vor sich her, und es lässt sich unmöglich sagen, ob es Absicht oder Zufall war, dass er das Kajak nicht weiter hinaus aufs Meer steuerte.

Er versucht sich an der Schraube des Tageslukendeckels in der Mitte des Kajaks, verwirrt von der sicheren Überzeugung, dass sich dort ein Verbandskasten befindet, verwirrt angesichts all der Dinge, die er nicht weiss. Die Luke lässt sich nicht öffnen. Konzentrier dich, denkt er. Nimm den Schmerz hin. Konzentrier dich auf das Land, das da vor dir ist.

Er dreht sich auf seinem Sitz um und fasst nach dem Packsack. Ohne dass etwas dem Finger zu nahe kommt, öffnet er den wasserdichten Beutel einhändig und mit Zähnen, bis die losen Sachen herausfallen – die Sonnencreme, das T-Shirt, der alte Lappen.

Seine Ohren sind mit offenen Brandblasen bedeckt. Die Haut ist ausgetrocknet, voller Salz und spannt. Er verreibt die Sonnencreme darauf. Verblüffend: Ferienerinnerungen. Reibt wie ein Wahnsinniger, als seien die nächsten Minuten entscheidend.

Er cremt seine tote Hand ein und fürchtet sich. Dass er sie nicht spüren kann. Dass sie so leblos daliegt. Ein leises Grauen vor seinem eigenen Körper überkommt ihn. Wie lang, bis es so weit gekommen ist? Wie lang bin ich schon hier draussen?

Wieder betrachtet er seine nutzlose Hand mit dem mittlerweile farnartigen Muster darauf. Es scheint seine Adern nachzubilden, feine Kapillaren zu zeichnen, ein Blattgerippe, das unter der Hochwasserlinie aus Asche in seinem Ärmel verschwindet.

Übelkeit überwältigt ihn.

Noch stärker ist die Vorstellung von Atem an seinem Hals. Ein Verdacht, dass jemand zurückgelassen worden ist.

Er nimmt das T-Shirt, feuchtet es an und wickelt es sich um den Kopf. Die Berührung an seiner verbrannten Haut fühlt sich anfangs heiss an. Aber dann kühlt sie, und die Last wird leichter, als brenne die Sonne nicht mehr so stark vom Himmel.

Er zieht einen Reissverschluss an der Schwimmweste auf und schafft es, das Handy in der wasserdichten Hülle in seinen Schoss fallen zu lassen. Er dreht den Beutel um, das Telefon fällt mit einem Knall ins Boot, er nimmt es in die Hand und schaltet es an. Nichts.

Auseinandernehmen. Trocknen lassen.

Er kämpft mit dem Gerät, bis die Klappe auf der Rückseite aufgeht. Und da liegt eine Zaunkönigsfeder auf der Batterie.

Er fängt sie mit dem Daumen auf. Hält sie vorsichtig fest. Erinnerungen wie ein verstreuter Stoss Spielkarten. Die Nachbarskatze. Ihr aggressives Fauchen, als sie über dem Zaunkönig hockte, der Vogel wie ein Holzknoten.

Der Vogel schlotterte einmal, als er ihn hochnahm, ein Schauder des Lebens. Dann flog er davon.

Er sah sie immer noch nicht vor Augen, aber eine Ahnung von ihr kehrte mit der Feder zurück.

Sie hatten beide je eine Feder behalten.

Schwache Schreie. Laute Schreie, die leiser als ein Flüstern zu ihm dringen. Die Luft scheint sie heranzutragen wie durchsichtige Dinge.

Er bemerkt Bewegung, nur eine Luftverschiebung, eine winzige Brise, die die Schreie an seine Ohren trägt; eine gewisse Strömung, das Kajak treibt. Bewegt sich seitlich an der Kiesbucht vorbei.

Es ist ein Traum. Am Strand sieht er Menschen, die mit ihren Kleidern baden. Mit ihren schwarz-weissen Anzügen sehen sie wie eine Pinguinkolonie aus. Sie spielen im Wasser. Kinder in Anzugwesten. Als ob eine Hochzeit sich ins Meer ergossen hätte.

Wo bin ich?

Er hebt den Arm. Sie sind weit weg. Winzig am Ufer. Versucht zu rufen. Ruft, und es klingt wie ein Fahrradplatten. Wie ein bisschen zischende Luft.

Er hört das Schwappen und Klatschen der Wellen, die sich in der Bucht brechen, sieht die Kinder im Wasser herumspringen. Hört sie fröhlich kreischen. An der Strasse am Strand parkt ein Bus.

Feiern sie den Weltuntergang?, denkt er. Ich träume. Sie baden in ihren Kleidern.

Er sieht das Land verblassen, als würde es allmählich im Meer versinken.

Er hat die Einstiegsluke ausgeschöpft, so gut er konnte. Die dunkle Pissepfütze, die Salzlinie, die zeigt, wo das Wasser verdunstet ist.

Makrelenschuppen zieren das Bootsinnere, hier und da ein angetrockneter Blutspritzer.

Das Pfeifen in seinen Ohren ist jetzt nur noch ein Summen, ein dumpfer Chorus, das Klatschen des Wassers aussen am Rumpf ist ein unregelmässiges, aber ständiges Geräusch, wie Arbeiten weit weg.

Eine Weile treibt er so, und es sind nicht der Durst, auch nicht die Sonne oder die Weite um ihn herum, die ihn am meisten beschäftigen. Es ist der Drang aufzustehen.

Er versucht es wieder an der verschlossenen Luke. Drückt und dreht mit Daumen und einem Finger an der Schraube, bis die Klappe aufspringt und sich nach einigen hart erkämpften Millimetern schliesslich löst.

Er fischt den eingebauten Beutel heraus, drückt den Knebel zusammen und löst den Kordelzug.

Er rollt das Erste-Hilfe-Päckchen auseinander. Das Ratschen des Klettbands ist seltsam abrupt und scheint das Gewebe der Geräusche, an die er sich gewöhnt hat, zu zerreissen. Durch die gewaltsame Bewegung rieselt die angetrocknete Asche von seiner Haut, als wolle sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Er öffnet den Mund – zuckt zusammen, als die spröden Lippen platzen – und beisst auf eine Rolle Verbandsmull, wischt den kleinen Finger mit einem antiseptischen Tuch ab. Er kann das Brennen sogar riechen, wie damals als Kind: Dettol auf einem aufgeschürften Knie. Er wiegt sich gegen den Schmerz, summt durch den Mull, wiegt sich, bis er den Schmerz ertragen kann.

Er reisst das Verbandspäckchen auf, legt die Kompresse auf seinen Oberschenkel und wickelt den Verband unbeholfen um den kleinen Finger. Vor Anstrengung wird ihm schwindlig. Dann zieht er mit den Zähnen ein Stück vom Klebeband ab, klebt ein Ende um den Verband, klemmt die Rolle zwischen seine Knie und macht eine plumpe Bandage. Er stülpt einen Plastikfingerling darüber.

Das Wasser klatscht schneller seitlich ans Boot. Das ist nur der Winkel, sagt er sich. Weil ich das Gewicht verlagere.

Er beugt sich über die vordere Luke, öffnet den wasserdichten Deckel und zieht den grossen Packsack heraus, sieht die Bratpfanne dort unten, das zusammengerollte Geschirrtuch mit dem Besteck, einen Kochlöffel.

Er spürt ein leichtes Buckeln und Ruckeln, von dem ihm mit leerem Magen schlecht wird. Er hat das seltsame Gefühl, dass er den Arm ausstrecken und dieselben kleinen Tritte in ihrem Bauch spüren könnte.

Er zieht eine Plastiktüte heraus. Sie ist schwer, eine Flasche Wasser und eine Flasche dunkles Bier sind darin. Er starrt das Bier an. Er wollte irgendwohin. Er wollte irgendwo ein Bier trinken. Dann hat er es auf einmal ganz eilig, muss einen Schluck Wasser trinken, warm ist es, fast heiss, er befeuchtet Mund und Lippen, lässt es sich verschwenderisch übers Kinn laufen. Die unmittelbare Wirkung ist fast ein Schock, eine Stimme in ihm schreit: Vergeude bloss nichts! Trink nicht zu viel. Ängstlich setzt er die Flasche ab. Trink nicht zu schnell. Denk daran, wie es ist, wenn man eine vertrocknete Pflanze zu stark giesst.

Du musst das aufsparen, denkt er. Ausgedörrte Erde stösst ab, was sie am meisten braucht. Starrt wieder einen Moment auf das Bier.

Er leert den wasserdichten Packsack aus: Kleiner Gaskocher. Espressokanne. Kaffeetasse. Kleine Plastikdose mit Kaffeepulver. Angelkasten mit Leinen, Haken, Schwimmern, Bleien, Blinkern. Dicker Pulli. Eine Spule Angelschnur. Regenjacke.

Du bist rausgefahren. Du bist beim Angeln zu weit rausgefahren.

Er behält den dicken Pullover in Reichweite. Stopft die Regenjacke neben den Sitz. Macht eine kurze Bestandsaufnahme des Boots. Unerwähnt lässt er: Ein Mann. Einer von zwei Armen. Vier von zehn Fingern. Kein Paddel. Keine Taschenlampe. Ein kaputtes Handy.

Aber ein schöner Sonnenuntergang.

Er zieht die Schwimmweste aus und schlüpft mit dem nutzlosen Arm zuerst in den Pullover.

Er zieht die Regenjacke an, wieder mit dem nutzlosen Arm zuerst, bekommt den Reissverschluss aber nicht zu. Dann zieht er die Schwimmweste wieder über, verliert dabei aber das T-Shirt auf dem Kopf. Stoisch sieht er zu, wie es auf dem Wasser davontreibt. Die See hat jetzt eine schwache Dünung, und die Pfanne und die Flasche im vorderen Stauraum rollen und klappern, rollen und klappern mit jedem Schwanken des Boots.

Er lässt sich nach vorn rutschen, öffnet die Klappe und stopft die Pfanne und die Flasche unter den wasserdichten Sack, damit sie nicht mehr herumrollen. In diesem Augenblick ist ihm schrecklich bewusst, wie klein das Kajak ist.

Unter den vielen Dingen, mit denen er sich abfinden muss, wäre ihm eines unerträglich: ständiges Klappern. Es ist eines der wenigen Dinge, auf die er irgendeinen Einfluss hat.

Er hat schreckliche Angst, aus dem Boot zu fallen. Von dieser wackeligen Plattform. Durch die sich senkende Dunkelheit zu treiben.

Er zieht sich einen Spanngurt vom hinteren Bootsrumpf wie einen Sicherheitsgurt über den Kopf, bindet ein Ende der Rettungsleine am Tragegriff fest, das andere an seinem Fuss. Es ist nichts. Aber mehr kann er nicht tun.

Mit der Dunkelheit kommt die Kälte. Umgehend und mit der Gewissheit, dass es noch kälter werden wird.

Lange kämpft er gegen den Harndrang an. Zumindest kommt es ihm lange vor.

Die Dünung wird stärker. Das Boot taucht ein und wird geschüttelt, als würde es von zwei unsichtbaren Händen gerüttelt, wie ein Sieb beim Schürfen nach Edelsteinen. Mit seinem leeren Magen verspürt er ständige Übelkeit.

Er hebt den Spanngurt über den Kopf, kniet sich ins Boot und pinkelt seitlich über Bord, ein schwächliches, stinkendes Rinnsal, das er seitlich an den Bootsrumpf plätschern hört. Aber wo es aufs Wasser trifft, ist ein plötzliches Licht zu sehen, ein herrliches Meeresleuchten.

Er setzt sich wieder hin und schlingt sich den Spanngurt um den Leib. Den Gedanken, dass einige der Sterne am Horizont Lichter von Schiffen oder Land sein könnten, erlaubt er sich nicht. Die Vorstellung von Wärme, Essen und Sicherheit darf er sich nicht erlauben. Es ist besser, wenn es Sterne sind.

Wie lang? Wie lang bin ich schon draussen? Ist es meine erste Nacht auf dem Wasser? Wenn ich länger bewusstlos gewesen wäre, wäre ich durstiger, oder?

Er schaut. Ein im dunklen Kinderzimmer wachliegendes Kind. Und nach einer Weile scheinen die Sterne zu verblassen, anfangs ganz allmählich. Er weiss nicht, ob er sich das nur einbildet, aber sie verlöschen nach und nach wie Hauslichter in einer nächtlichen Landschaft.

Er faltet die Rettungsfolie auseinander, die Silberfolie beredt mit reflektiertem Licht.

Das Boot schaukelt auf und ab, Wiegenlied, tödliche Stille.

Es ist kalt und es ist stockdunkel. Als er die Augen öffnet, ist es schwärzer als mit geschlossenen Augen – ein überwältigendes Nichts. Er ist kaum bei Bewusstsein. Und er hört die Stimme des Kindes. Hört klar den beunruhigenden Schrei eines Kindes.

Das ist nicht wahr, denkt er.

Er merkt, dass sein Herz langsam geht, sein Atem kraftlos.

Dann ist wieder der Schrei zu hören.

Die Kälte ist totale Erschöpfung. Seelenruhe. Wie zu akzeptieren, dass man ertrinkt.

Ich kann jetzt sterben. Ich kann nichts mehr tun. Ein passives Gefühl. Ihm ist so kalt, dass er es einfach geschehen lassen, auf jede Herausforderung sanft nachgeben will.

Wasser spritzt ihn nass, tropft auf die Folie, ein Regen, wärmer als seine Haut, und er öffnet die Augen und sieht die vollkommene Form der Delfine, die das Boot umspielen.

Irgendwo spürt er auch sein stotterndes Herz, ein Motor, der anzuspringen versucht. War er schon fast weg? War er schon weg? Der Kinderschrei, jetzt ganz nah, des Delfinkalbs, und die Mutter durchbricht das Wasser, eine schimmernde grüne Gestalt, die ein Nachbild in der Luft hinterlässt, glitzerndes Wasser fällt, ein Schein, Farbe kracht zurück ins Wasser.

Das Kalb klang so menschlich. Ein Baby oben im Zimmer.

Bleib am Leben, denkt er.

Ein heller Schweif, schönes Dreieck.

Du musst überleben.

Er erwacht mit einer seltsam konkreten Klarheit. Drei einfache, solide Dinge: sie, das Kind, er und seine Tatkraft. Das sind seine Anhaltspunkte. Die Nacht hat ihn am Leben gelassen.

Er richtet sich auf. Wo seine Haut unbedeckt war, spannt sie. Wenn er sie berührt, ist da ein feiner Sand aus trockenem Salz.

Er ist sich nicht sicher, aber er scheint etwas in seinem abgestorbenen Arm zu fühlen.

Er holt den Fisch aus der Plastiktüte im Packsack, dazu das Anglermesser, und legt den Fisch auf den Bootsrumpf. Hohl glotzt sein Magen.

Er setzt einen Schnitt hinter den Kiemen, dreht die Klinge und zieht sie durch den Fisch, spürt die an den Wirbeln sitzenden Gräten. Das Filet lässt sich lösen wie ein Lappen, das Fleisch ist in der Hitze gegart.

Er kaut das feste, salzige Filet und trinkt einen Schluck Wasser, das nach der Nacht wieder kalt ist.

Glauben, dass er sterben wird, kann er noch nicht, aber er beginnt zu befürchten, dass er sie im Stich lassen wird.

Rhythmus ist wichtig. Auf alles andere hast du keinen Einfluss. Nur auf deinen Rhythmus. Du hast einen halben kleinen Fisch und fünf Fingerbreit Wasser. Wenn du ungeduldig wirst, geht es schief.

Der fischige Geschmack wird stärker, als er das Wasser schluckt, und hinterlässt ein Brennen im Mund.

Du musst dir deine Kräfte einteilen, du musst geduldig sein.

Als er sich umdreht, um den Packsack zu verstauen, sieht er das Land.

Es kommt nur auf den Rhythmus an. Du darfst nichts überstürzen. Du wirst das Boot nur ganz langsam voranbringen, aber du darfst nicht ungeduldig werden.

Er zieht den Pullover aus und faltet ihn zusammen. Er kniet sich darauf, zieht die Schwimmweste wieder an und nimmt sich die kleine Bratpfanne als Paddel.

Mit wenigen Bewegungen dreht er die Schnauze des Boots herum.

Die Schmerzen des Kniens auf seinen verbrannten Schienbeinen schaffen ein Gegengewicht zu den Schmerzen in seinem offenen Finger, was diese erträglich macht.

Da ist das Land, sagt er. Nur darum geht es. Es ist eine flache, gewellte Linie. Jetzt kommt es nur auf den Rhythmus an.

Sein Leben lang verfolgt ihn schon derselbe Albtraum: Das Auto kommt von der Strasse ab. Es ist nie der Aufprall, von dem er wach wird. Die Angst kommt in dem Augenblick, in dem er spürt, wie er die Kontrolle über das Auto verliert.

Das Leben zieht nicht vor seinem inneren Auge vorbei. Es kommt sogar der Punkt, an dem er sich ganz ruhig fühlt. Aber dann sieht er die Gesichter der Menschen, die er liebt. Er sieht ihre Gesichter, als sie ihn sterben sehen.

Am späten Nachmittag kam ein Klatschen in die Wellen und eine weite Dünung. Die Wolken waren jetzt ein absichtsvoll dunkler Streifen am Horizont, und sie kamen landeinwärts und brachten Windböen mit, die Flecken aufs Wasser malten wie in einem Katzenfell, das gegen den Strich gebürstet wird. Er hatte mit Unterbrechungen gepaddelt. Hatte sich nach dem Verzehr des zweiten Fischfilets erbrochen, ein schwerer Schlag.

Ein Hauch von Feuchtigkeit wurde vom Wind zu ihm getragen, und er sperrte ab und an den Mund auf, um ihn einzuatmen. Allmählich kam er dem Land näher. Man konnte schon Farben unterscheiden.

Mit dem Land in Sichtweite war es weniger einfach zu ertragen. Er dachte nicht: Wenn ich sterbe, musst du dir einen anderen suchen; das konnte er nicht denken. Er spürte die Last der Verantwortung.

Er musste dafür sorgen, dass sie wusste, wie man die Zündflamme am Boiler neu einstellte. Er hatte eine nie wegbewegte Kaffeetasse vor Augen, der Flüssigkeitsrest darin in ein Staubgespenst verwandelt. Sein Zettel: «Such dir einen Salat aus.»

Anfangs dachte er, es sei eine Tüte oder ein Sack, der steif im Wasser trieb. Aber es war ein Werbebanner. Wie ein Besessener wendete er das Boot, der Griff der Pfanne hatte sich ein wenig gelöst und klapperte.

Auf dem Banner wuchsen Seetang und Algen, so dass er fast haarig wirkte, wie ein grosses totes Tier auf der Wasseroberfläche.

Er schob den Algenpelz beiseite, der sich leicht wegwischen liess; das bunte Bild eines Familienautos kam zum Vorschein.

In den Ecken und entlang der Ränder waren Metallösen, die im Wasser geschwollen und rostig geworden waren, und als er das Banner ins Boot hob, fuhr eine Windbö hinein und brachte das Auto zum Wellenschlagen.

Mit dem Messerrücken schabte er den stärkeren Algenbewuchs ab, dann nahm er die Angelschnur doppelt und führte sie lose durch eine Öse und wieder heraus und band sie an der Klampe fest, mit der sein Sitz festgeklemmt war. Dasselbe machte er mit der anderen Ecke.

Dann schnitt er das Ende des Kordelzugs unten an der Regenjacke ab und zog die Kordel heraus. Damit band er die anderen beiden Ecken des Banners an den Tragegriffen des Bootes fest.

Als er das Banner mit den Füssen hochtrat, fuhr der Wind mit einem Schnappen herein.

Er hatte die Vorstellung, dass das Land wie ein Magnet wirkte. Wenn er ihm nah genug kam, würde es ihn anziehen.

Im Regen schwand das Licht zu früh. Anfangs dünner, aber anhaltender grauer Nieselregen.

Er schnitt das Oberteil der Flasche ab und hielt sie an das Bannersegel, damit der Regen hineinlief. Seine Haut entspannte sich. Das Salz brannte, das ihm mit dem Regen in die Augen rann. Von Zeit zu Zeit schöpfte er das Paddelboot aus.

Es war ein leichter, aber alles durchnässender Regen, der auf die Regenjacke prasselte, die er wieder übergezogen hatte. Durch den Regen hindurch war das Festland sichtbar und grau. Ganz vereinzelt gingen Lichter an.

Der Wind bürstete jetzt die Kämme der Wellen, füllte das Segel und blies Gischt ins Boot.

Im schwindenden Licht sah es aus, als erhebe sich ein Schatten aus dem Wasser und streife an ihm vorbei. Das leise Schwirren von Sturmtauchern. Ein Gespenst.

Da dachte er, dass er keine anderen Vögel gesehen hatte, seit er auf dem Wasser trieb. Kein Flugzeug.

Was, wenn es aus ist? Was, wenn eine lautlose Apokalypse stattgefunden hat? Eine tödliche Strahlung, die ich seltsamerweise überlebt habe. Eine Epidemie, die sich rasend schnell ausgebreitet hat.

Er dachte über den Sonnenbrand auf seinem Körper nach, die vorübergehende Verbrennung. Den Nachtfalter. Eine Sekte, die sich im Wasser ertränkte. Flüssige Hitze. Aus der Luft auswaschendes Gift.

Zum Teil war diese Vorstellung auch eine Erleichterung. Dass er ihnen nicht wehtun würde, weil sie ja schon tot waren.

Er wischte den Gedanken beiseite.

Die verfrühten Abendsterne. Sie wollte unbedingt im Dunkeln leuchtende Punkte im Kinderzimmer an der Decke haben.

Als ausser Zweifel stand, dass das Land näherrückte, weinte er ein wenig. Die Tränen liefen ihm in den Mund.

Er hob das Banner mit den Füssen hoch und sah die grösser werdenden Einzelheiten des Festlands. Dann ruhte er sich aus und betrachtete das Bild des bunten Automobils. Er bekam es nicht aus dem Kopf, dass sie am Strand auf ihn warten würde; die Glockenform ihres Bauchs.

Erst in diesem Augenblick, als er das Auto anstarrte, erkannte er die Gefahr: Das Auto kommt von der Strasse ab. Ich kann nicht steuern. Das Land ist eine Mauer.

Das Licht schwand. Der Sturm kam.

Zuerst spürte er ihn im Wasser, wie ein Muskel, der sich anspannt. Weiter draussen war er besser aufgehoben. Wenn er sich im Boot halten konnte. Wenn er sich auf dem Sitz halten konnte. Reiter durch den Sturm.

In der Ferne war jetzt das Krachen von Wasser auf Fels zu hören. Ein dumpfes Rumpeln. Die ersten Geräusche von der Küste.

Gedulde dich. Du brauchst nur Tageslicht. Du könntest an Land schwimmen, wenn du etwas sehen könntest. Könntest der Schwimmweste vertrauen, dich treiben lassen. An Land schwimmen.

Er drehte sich um und versuchte, zurück aufs offene Meer zu blicken. Eine dunkle Front bewegte sich auf ihn zu.

Die Sturmbö kam mit der Gewalt einer Lawine.

Sie fuhr ins Segel und trieb den Bug unter Wasser. Er kämpfte damit, das Boot waagerecht zu halten, die Einstiegsluke füllte sich und spuckte Wasser.

Als die See immer höher wurde, wusste er, dass es sinnlos war. Das Banner sang und zischte und entzog sich ihm buckelnd und zuckend. Du spürst den Blitzschlag vorher, das wusste er bereits. Du spürst den Blitzschlag kommen.

Er schnitt die Kordel durch, und das Banner erhob sich wie ein Drachen. Ein flatternder Vogel. Dann riss es sich von der Angelschnur los und klatschte übers Wasser. Ein ausser Kontrolle geratenes Auto.

Er hielt sich am Tragegriff fest, versuchte, seinen toten Arm hinter dem Sitz festzuklemmen.

Hättest du das Banner nur behalten. Du hättest es als Treibanker benutzen können. Vielleicht hätte dich das über den Wellen gehalten.

Die Stimme seines Vaters war jetzt überall, als sei er im Himmel.

Es gab keine Kontrolle. Im Wasser herrschte reines Chaos. Als habe man ein Riesengewicht darauffallen lassen. Er fürchtete sich schrecklich, versuchte sich zu überzeugen, dass sie ihn nicht sehen konnten, dass sie nicht zusahen.

Das Heck drehte sich, er kenterte, der ganze Bootsrumpf schauderte und fiel.

Im Zwielicht war es, als stecke das Kajak in einer Fahrrille fest.

Er versuchte, das Kajak ins Wasser zu drücken, sich daran festzuklammern wie an der Flanke eines grossen Tiers. Versuchte, das Kajak in die Wellen zu steuern. Aber das Boot schwang herum. Die Wellen waren zu hoch. Buckelnde Erde.

Er dachte ans Land, an die Felsen. Er liess jetzt alle Angst vor den Gefahren hinter sich und streifte die Rettungsleine teilnahmslos von seinem Fuss ab.

Das Boot soll nicht mit mir kommen. Es wäre das reinste Geschoss.

Wenn ein Vogel von der Grösse eines Zaunkönigs dem Maul einer Katze entkommen kann.

Lass dich treiben. Du musst dich treiben lassen.

Illustration: Rafael Koller.

Herfried Münkler (Humboldt Universität, Berlin) Foto: Stephan Röhl, http://www.stephan-roehl.de
«In einer schnelllebigen Zeit,
in der ‹Eine Meinung haben› allzu leicht mit ‹Ein Argument vorbringen› verwechselt wird,
ist eine Zeitschrift wie der MONAT unverzichtbar, die sich dem gründlichen Bedenken und Durchdenken von Möglichkeiten und Perspektiven politischen Handels verpflichtet fühlt.»
Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft,
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