Vom Geist und Ungeist des Föderalismus
Herbert Lüthy. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Portr_02006 / CC BY-SA 4.0.

Vom Geist und Ungeist des Föderalismus

Der Aufsatz ist ein Vorabdruck aus dem Jahrbuch 196 der Neuen Helvetischen Gesellschaft, das dem Thema «Föderalismus» gewidmet ist und im Verlag Buri (Bern) erscheint. Es enthält 19 Beiträge zu verschiedensten Fragestellungen wirtschaftlicher sowie innen- und aussenpolitischer Art. Zu den Autoren zählt auch Bundesrat Tschudi, der «Die Erfüllung der Zukunftsaufgaben durch den föderalistischen Staat» erläutert. Als Herausgeber zeichnet Théo Chopard, Zentralpräsident der NHG.

Die Redaktion

 

 

Der Appell an die Geschichte oder doch an die historische Legende, der in der Schweiz so oft ergeht, wenn es sich um die Ordnung unserer Gegenwart und Zukunft handelt, ist für den Historiker nicht immer beglückend. Es gibt eine Tendenz, uns selbst und unsere Probleme nur noch historisch zu sehen und zu begreifen, die zeigt, dass unserem geschichtlichen Bewusstsein die lebendige Beziehung zum Handeln abhandengekommen ist. Statt unsere Geschichte als einen Prozess zu sehen, in dem wir selbst stehen und an dessen Weitergestaltung wir mitwirken, den wir aber nie umkehren und nie wiederholen können, neigen wir dazu, sie als eine historische Sammlung von Verhaltensmodellen zu betrachten, auf die wir verpflichtet wären, denen wir Epigonen freilich nicht mehr nachzuleben vermöchten; und der Appell an den Geist der Väter wird oft, mit dem gleichen Gefühl der Ohnmacht wie vor zweieinhalb Jahrhunderten, zur Geisterbeschwörung: «Sag an, Helvetien, du Heldenvaterland…» Es ist eine Sucht zur Verklärung der Vergangenheit, je ferner, desto verklärter, zur Verketzerung der Gegenwart, wo sie Gegenwart und nicht fromme Museumswärterei sein will, und zur apokalyptischen Verdüsterung der Zukunft; doch eine Anleitung zum Tun ergibt sich daraus nicht. Wir suggerieren uns die lähmende Mentalität eines unablässigen Rückzugsgefechts gegen die Zeit und die Zukunft, und wir projizieren diese Mentalität in unsere Geschichte, als wäre der ganze Weg der Schweiz ein ewiges Ankämpfen einer bewährten alten Ordnung gegen den verderblichen Strom der Neuerung gewesen. Diese Haltung war nicht immer kennzeichnend für unser Land, das oft in seiner neueren Geschichte mit seinen Institutionen und Leistungen bahnbrechend auf der Höhe der Zeit zu stehen glaubte; sie ist das Erbe einer Generation, die von gefährdeter Warte dem Untergang des alten Europa beiwohnte. Es gab gute und ernste Gründe dafür, dass sich das schweizerische Staats- und Geschichtsbewusstsein vor allem in den dreissiger Jahren dem hochgemuten Pessimismus der Rückzugsstellung verschrieb. Doch in ihrer heute verbreitetsten Form ist die Geschichtsideologie, die damals einer echten und harten Abwehrsituation im eidgenössischen Réduit entsprach, inzwischen zu einer nicht einmal sehr originellen schweizerischen Version eines Kulturpessimismus geworden, der heute überall inmitten hemmungsloser Betriebsamkeit und hektischer Prosperität blüht, gleichsam als schöngeistige Erholung von des Tages Müh und Last und Tüchtigkeit.

 

Eine der eigenartigsten Äusserungen dieser Geschichtsmythologie für die Schweiz, deren politischer Bau und deren tragfähige Einrichtungen ein Werk des 19. Jahrhunderts sind, ist die Abwertung dieses 19. Jahrhunderts; nicht nur der Helvetik, die unter einem keineswegs selbstverschuldeten Unstern stand, die aber immerhin einer geistigen und politischen Elite der Eidgenossenschaft – und, vergessen wir es nicht, gerade den Männern der ersten Helvetischen Gesellschaft – erstmals die Möglichkeit des Einsatzes für ein gemeinsames Vaterland gab; auch die Regeneration, der Radikalismus, die Volksbewegung und der Kampf der Geister, die den schweizerischen Bundesstaat schufen und ausbauten, stehen fast schon im Geruch, uns auf den Weg des Unheils geführt zu haben. Als echteste Zeugen schweizerischer Geistesart zitierten wir am liebsten jene pessimistischen Warner, die das Rückzugsgefecht untergehender altbäuerlicher und stadtpatrizischer Gesellschaftsformen gegen die materialistische Neuzeit und die politisierende Demokratie kämpften und missmutig Nein zum Bundesstaat von 1848 sagten; Jacob Burckhardt, für den mit Dampfmaschine und Eisenbahn die Welt aufhörte, lebenswert zu sein, der vor der Pöbeldemokratie des schweizerischen Radikalismus sein Haupt verhüllte und der wohl den Kleinstaat lobte,…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»