Von der Küche ins Museum

Der gelernte Koch Li Zhenhua richtet heute im Museum an. Er sucht nach neuen Wegen der Kunstvermittlung und des Werkerlebnisses – was schon mal zu Ausstellungen in Shopping Malls und in die virtuelle Realität führen kann.

Von der Küche ins Museum
Li Zhenhua, photographiert von Yang Guowei.

Li, was macht die Kunst?

 Die hält mich ganz schön auf Trab. Ich pendle für sie regelmässig zwischen Europa und China hin und her. Gerade habe ich eine neuartige Kunstpräsentation für das Luxuskaufhaus K11 in Shanghai entwickelt und eingerichtet…

Moment. Ein Einkaufszentrum?

Genau. Interessanterweise fanden die meisten meiner Ausstellungsprojekte 2013 nicht in klassischen Kunsträumen, sondern in Einkaufszentren oder kommerziellen Räumen statt. Ich nenne diese Räume Yellow Box. Neben der bereits bekannten White Box – dem neutralen Kunstraum – und der Black Box – dem Raum für Film- und Lichtkunst – ist die Yellow Box eine Art Mittelweg zwischen Kunstraum und Nichtkunstraum.

Müsste man sie dann nicht streng genommen «Grey Box» nennen?

(lacht) Die Bezeichnung Yellow Box wurde 2006 von Gao Shiming und Johnson Chang aus der Taufe gehoben und meinte zunächst die Praxis, Kunst ausserhalb des Museums zu zeigen, aber nur so weit, dass sie immer noch als Kunst wahrgenommen wird. Kunst kann heute in jedem erdenklichen Raum ausgestellt werden. Es gibt keine Orte mehr, an denen Kunst nicht gezeigt werden kann.

Womit konfrontierst du die Shopper konkret?

Für das K11, einen schicken Einkaufstempel für Luxus und Fashion Brands an bester Shoppinglage, quasi die Bondstreet oder Bahnhofstrasse von Shanghai, habe ich unter anderem ein Projekt mit der jungen chinesischen Künstlerin Lu Yang realisiert. Sie hat einen tibetischen Buddha in 3D animiert und den haben wir mittels «Augmented Reality System» im ganzen Gebäude auftauchen lassen.

Über Bildschirme oder Projektoren?

Nein. Die Besucher haben die Möglichkeit, die Arbeit ganz individuell über ihre Smartphones oder iPads zu erleben. Wir verwenden dazu AR-Systeme. AR steht für «Augmented Reality», zu Deutsch: erweiterte Realität. Wer einmal die App des Hauses auf sein Mobilgerät geladen hat, kann es im Einkaufszentrum auf gewisse Dinge richten – die App zeigt dann nähere Informationen zu den Dingen und Orten an – oder eben, wie bei uns, einen dreidimensionalen Buddha.

Wie läuft das konkret ab?

Man kann ein Kunstwerk oder ein Objekt mit einem «Tag» oder Decoder versehen, die der Betrachter über sein Smartphone und ähnliche Geräte ansteuern kann. Das kann eine direkte Videonachricht vom Künstler an den Betrachter sein, aber auch ein Text oder eine Audiobotschaft. Diese AR-Vermittlungsvarianten können auch die kleinen «Schilder an der Wand» ablösen, die vom Kurator oder vom Künstler – wie in jedem Museum – dort angebracht wurden. Ich habe in den letzten Jahren schon begonnen, bei den klassischen Werkbeschreibungen stets zwei Texte anzubringen, einen von mir und einen vom Künstler. Vor allem in einem Nicht-nur-Kunst-Kontext ist es nämlich wichtig, dass man verschiedene Betrachtungsweisen heranzieht, um Kunst zu vermitteln.

Es könnte sogar noch weiter gehen: indem man andere Medien und Formate integriert, etwas, das vielleicht selbst ein neues Kunstwerk enthält…

…und vielleicht vermittelt der Künstler dabei nicht nur seine Arbeit, sondern fängt an zu singen oder rezitiert ein Gedicht! (lacht) Wir reden ja seit jeher viel darüber, wie tief der Künstler «geht» und «gehen kann», aber diese Fragen müssen wir zunehmend doch vor allem jenen stellen, die auf die Werke treffen: dem Publikum. Das tun wir, indem wir es dort mit der Kunst konfrontieren, wo es nicht unbedingt damit rechnet. Diese Orte finde ich, indem ich Techniker, Designer und andere Menschen involviere. Für die Ausstellung in Shanghai habe ich mehrere Leute engagiert, die nur an museologischen Fragen arbeiten: Einer macht Raumanalysen zum Verständnis des Raumes, ein anderer entwickelt die Präsentation der Ausstellung, klärt also ab, wo welche Technologien zum Einsatz kommen sollen. Das Ganze ist eine völlig neue Studie zur Museologie, mit einem konkreten Ziel: wir wollen verstehen, auf welche Art unterschiedliche Menschen der Kunst begegnen. Wir fragen uns: Wo und wie entsteht eine Bindung…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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