Zahlen lügen nicht – und doch sagen sie nicht alles
Die Sportuhr am Handgelenk misst, vergleicht und bewertet. Doch wer genau hinsieht, merkt: Erst die Vermessung des Körpers schärft den Blick für das Unmessbare.
Sportuhren stehen unter kulturkritischem Verdacht. Viele Menschen wachen morgens auf und blicken als Erstes nicht liebevoll auf das Gesicht des noch schlafenden Partners, sondern auf ihre Sportuhr. Diese informiert sie über den «Sleep Score», trackt tagsüber die Vitalfunktionen, zählt Schritte, misst die Leistung beim Sport und erstellt allerlei Prognosen in Form von nüchternen Zahlenwerten. Es liegt nahe, sie reflexhaft als Symptome einer kalten, wissenschafts- und technikgläubigen Moderne zu deuten, die alles dem Diktat der Vermessung, Objektivierung, Quantifizierung, Rationalisierung und Optimierung unterwirft. In dieser Hinsicht sind sich Rechtskonservative und Linksprogressive in ihren Diagnosen überraschend einig.
Der Philosoph Martin Heidegger warnte schon 1938 in seinem Aufsatz «Die Zeit des Weltbildes» vor dem «rechnenden Menschen» und vor der «uneingeschränkten Gewalt der Berechnung, der Planung und der Züchtung aller Dinge». Die westliche Moderne geisselte er als «planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen» – nur, um sich in den Dienst der Nazis zu stellen, die Emotionen und Mythos verhiessen, aber umso gewaltsamer planten und züchteten.
Heutige Linke wiederum sehen in der Sportuhr eine Erfüllungsgehilfin des Neoliberalismus. Aus ihrer Sicht geht dieser mit der von Gilles Deleuze diagnostizierten «Kontrollgesellschaft» einher, mithin einer Gesellschaft, in der das Individuum die ungerechten Machtverhältnisse derart internalisiert hat, dass es sich selbst überwacht und diszipliniert. Das Individuum fühlt sich zwar frei, doch tatsächlich folgt es der Ideologie des auf permanentem Leistungszuwachs basierenden kapitalistischen Systems. Sogar ohne direkten Zwang unterwirft es sich dem Diktat des Zählens, Berechnens, Optimierens, als sei das Individuum eine Fabrik statt ein Mensch.
Subjektives Erleben
Ich persönlich trage seit einigen Jahren eine Sportuhr und sehe das Problem eher in der Frage, wer die Hoheit über unsere Daten hat und Kapital daraus schlägt. Ansonsten habe ich mit der Sportuhr philosophische Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte. Um diese zu erläutern, muss ich etwas ausholen – einer liberalen Leserschaft sollten die Herausforderungen eines kleinen philosophischen Denkhürdenlaufs ja zumutbar sein!
Der Philosoph Henri Bergson unterschied zwischen der quantitativ gemessenen Zeit (temps spatialisé) und der qualitativ erlebten Zeit (durée). Erstere ist die Zeit der Technik und der Naturwissenschaften. Sekunden. Minuten. Stunden. Mit normierten, diskreten Einheiten, die Vergleichbarkeit ermöglichen, macht sie die Taktung der modernen Welt erst möglich. Letztere ist die Zeit, die sich nicht in Zahlenreihen ausdrücken lässt. Sie ist subjektives, inneres, zusammenhängendes Erleben. Wer im Alltag eine Sportuhr mit den üblichen Trackingfunktionen trägt, lebt in zwei Zeitwelten gleichzeitig, die mal kollidieren, mal harmonieren.
Die Sportuhr hat mein Erleben der durée nicht ersetzt, sondern im Gegenteil verstärkt. Manchmal habe ich objektiv lang und gut geschlafen, aber subjektiv nicht. Manchmal laufe ich und sehe auf der Uhr, dass meine Pace sieben Minuten pro Kilometer ist. Doch es fühlt sich an wie eine Pace von fünf Minuten. Objektiv messbare Zeit und subjektiv empfundene Zeit klaffen auseinander. Es mag ein wenig pathetisch klingen, aber ich glaube, dass genau in dieser Kluft das liegt, was das Menschliche ausmacht. Wir sind einerseits Maschinen. In unseren Körpern wirken physikalische Kräfte. Wir sind durchpulst von elektrischen Strömen. Chemische Reaktionen laufen in uns ab. Vieles davon ist berechenbar. Gleichzeitig sind wir Wesen, die sich nicht auf diese ihre Strukturen reduzieren lassen.
Die Summe unserer berechenbaren Teile ist etwas anderes als diese Teile. In der Philosophie spricht man in diesem Fall von «Emergenz». Die Sportuhr hat meinen Sinn für Emergenz dialektisch geschärft. Ich weiss und fühle heute genauer, welche Seiten meiner selbst maschinenähnlich sind und welche nicht. So erinnert mich die Sportuhr täglich an einen Satz der Philosophin Donna Haraway: Mitunter müsse man «unvereinbare Dinge beieinander halten, weil beide oder alle notwendig und wahr sind».