Jared Diamond, fotografiert von Damon Casarez / Redux / laif.

«Die Kompromissbereitschaft
hat abgenommen»

Der Evolutionsbiologe und Pulitzerpreisträger Jared Diamond setzt sich seit gut 50 Jahren mit der Geschichte menschlichen Fortschritts auseinander. Er gilt als einer der letzten Universalgelehrten unserer Zeit. Im Interview spricht er über Staatskrisen, den veränderten Umgang im täglichen Miteinander und die westliche Kindererziehung.

 

Herr Diamond, seit über 10 Jahren, dem Ausbruch der letzten grossen Finanzkrise, befinden sich die westliche Politik und die westliche Wirtschaft im Krisenmodus. In Ihrem neuen Buch bezeichnen Sie Krisen – ob auf individueller oder staatlich-politischer Ebene – als Wendepunkte, die herausstellen, dass Teile der eigenen Identität nicht mehr funktionieren. Was haben persönliche psychische Krisen oder Traumata und Staatskrisen gemeinsam? 

Im Unterschied zu einem Individuum gibt es in einer Nation Anführer verschiedener Gruppen, die miteinander interagieren und mitunter Mühe haben, sich zu versöhnen. Als Parallelen: Individuen und Nationen erhalten Hilfe von anderen und akzeptieren oder bestreiten eine Verantwortlichkeit für gemachte Fehler. Metaphorisch könnte man auch die Ich-Stärke eines Individuums vergleichen mit der Identität einer Nation. Der erste Schritt zur Bewältigung einer Krise ist immer der, sich einzugestehen, dass eine Krise existiert – und dann zu fragen: warum eigentlich? Bevor  das geschieht, können keine Fortschritte erzielt werden, die das Problem lösen. Weder auf der individuellen noch auf der staatlichen Ebene.

Ich sehe Krisenländer wie Frankreich oder Italien, in denen die Staatsschulden ansteigen und die Wirtschaft stagniert. Eine Einsicht, dass ihre Krise hausgemacht sein könnte, sehe ich dagegen nicht. Leugnen solche Länder jede Krise, versetzen sie sich in einen Zustand des Opfers? 

Ich kenne Italien ganz gut, weil ich dieses Land in den letzten fünf Jahren oft besucht habe. Italien hat grosse Probleme, von denen es einige anerkennt und andere nicht. Als grosses Problem werden die Immigranten gehandelt, und das, obwohl es in Italien weniger Immigranten gibt als in vielen anderen Ländern Europas – wenn Sie die Strassen Roms und Los Angelesʼ dahingehend vergleichen, wissen Sie, was ich meine. Tatsächlich ein grosses italienisches Problem ist der Klientelismus: Vorteile und Beförderungen basieren oft nicht auf tatsächlichen Leistungen, sondern auf einem undurchsichtigen System aus Beziehungen, auch innerhalb von Familien. Wenn an einer US-Universität ein Job frei wird, so wird er ausgeschrieben, und die geeignetsten Kandidaten haben die Möglichkeit, sich zu bewerben, und werden auch ausgewählt. In Italien dagegen werden Stellen besetzt, ohne dass ihre Existenz überhaupt der Öffentlichkeit bekannt würde.

«Die Demokratie ist

der herausragende Vorteil der USA gegenüber China.»

In einer Krise, schreiben Sie, sei Geduld gefragt und die Bereitschaft, Enttäuschungen, Zweifel und Misserfolge zu ertragen.

Geduld ist nötig, weil grosse Probleme oft nicht schnell gelöst werden können. Ein gutes Beispiel dafür ist Deutschland in der Nachkriegszeit: Die Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland kam, aber sie kam keineswegs rasch. Um den richtigen Moment abzuwarten, musste man viel Geduld haben. Ich kann auch ein persönliches Beispiel bringen: Als junger Forscher war ich sehr ungeduldig und wollte rasch Erfolge erzielen. Mein Vater aber sagte mir: «Jared, du hast jetzt erst ein paar Monate geforscht. Noch ist es zu früh, all deine Pläne umzustürzen. Bleib noch wenigstens ein weiteres halbes Jahr dabei.» Er sollte recht behalten. Um Krisen zu überwinden, brauchen Sie vor allem: Geduld.

Unsere Zeit wird beherrscht vom Zweikampf der Supermächte USA und China. Eine Demokratie seit 230 Jahren steht einer Kultur gegenüber, die seit 2240 Jahren keine Demokratie kennt. Welche Rolle spielen demokratische Verhältnisse in Krisenzeiten?

Die Demokratie ist ein enormer Vorteil, und sie ist denn auch der herausragende Vorteil der USA gegenüber China. Länder ohne Demokratie können Entscheidungen treffen, ohne dass ihre Einwohner sich dagegen wehren können, was fatale Folgen haben kann: Nur ein undemokratisches Land kommt auf die Idee, Lehrer zusammen mit den Bauern auf den Feldern arbeiten zu lassen oder die ganze Wirtschaft zentral zu lenken. In den USA dagegen haben die Proteste gegen den Vietnamkrieg – auch wenn sie von der Regierung bekämpft wurden – letztendlich die US-amerikanische Regierung dazu gezwungen, sich aus Vietnam zurückzuziehen. In einer Diktatur sind solche…

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»