Die Schweiz ist urban

Die Schweiz ist urban

«Ich weiss nicht», meinte eine zukünftige Mitarbeiterin zunächst, «ob ich für einen Verein tätig sein kann, der Metropole Schweiz heisst. Ich liebe mein Land!» Das war zu Beginn der neunziger Jahre. Tempi passati! Heute irritiert der Begriff Metropole Schweiz kaum mehr. Im Gegenteil – er hat Konkurrenz bekommen: Stadt Schweiz, Stadtland Schweiz, Metropoletanraum Schweiz, Gesamtkunstwerk Schweiz…

Das kleine Land Schweiz sitzt, geographisch gesehen, mitten in Europa. Wir sind ein Stück der sogenannten europäischen Banane, gehören zum Band der Mega-Städte in Europa, das in London beginnt und über Randstad Holland, Belgien, Paris, das Ruhrgebiet, über die Nord-, Ost- und Südschweiz bis über Mailand hinaus führt.

Das vertraute Bild einer ländlichen Eidgenossenschaft verblasst. Die Schweiz entspricht schon lange nicht mehr den Postkartenklischees von Alpenhängen mit weidenden Kühen und pfeifenden Murmeltieren. Urbanisierung, Metropolisierung und Kosmopolitisierung der Schweiz sind Stadt- und Dorfgespräch geworden. Der Slogan «Wer Land träumt, baut keine gute Stadt» ist angekommen. Einzelstädte, Dörfer, Agglomerationen wachsen zusammen und bilden eine Metropole, ein Städtenetz, ein Stadtland.

Fast alle Bewohner der Schweiz pflegen heute ein städtisches Leben, egal ob sie im Stadtzentrum oder im sogenannten «Grünen» wohnen. Sie kleiden sich ähnlich, reisen an die gleichen Badeküsten, benützen Fax, E-Mail und mobile Telephone und holen sich über die Medien die Welt in ihre Wohnstuben. Stadtflucht ist in der Metropole Schweiz zur Illusion geworden. Unsere Zukunft ist die Stadt Schweiz. Bern, Genf, Tessin, Zürich und Basel sind ihre Quartiere. Und die Alpen der «Central Park».

In der Schweiz gibt es brennende Themen zu bearbeiten. Der Föderalismus muss dringend den neuen Gegebenheiten angepasst werden, stimmen doch die funktionalen Räume nicht mehr mit den politischen überein. Das macht die Entscheidungsfindung kompliziert und langsam. Es braucht dreierlei: Kooperation über Grenzen hinweg, dann beweglichere Grenzen und schliesslich neue Grenzen.

Eine weitere Herausforderung ist das friedliche Zusammenleben so vieler unterschiedlicher Kulturen. In der Schweiz leben heute Menschen aus 194 Nationen. Die Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass nicht mehr nur vier Sprachen, sondern deren vierzig gesprochen werden. Die Schweiz ist bislang friedlich geblieben. Das ist nicht einfach Glück, sondern die Folge einer sorgfältigen Integrationsarbeit, in die viel investiert wird, nicht nur Geld, sondern auch Erfahrung, Wissen und Fingerspitzengefühl.

Die Metropolisierung der Schweiz tangiert alles: Landwirtschaft und Landschaft, Föderalismus, Integration, Wirtschaft, Kultur, Lebensqualität, Bildung, Verkehr, innere Kohäsion und ihre Offenheit gegenüber der Welt. Raum-

entwicklung, Stadtentwicklung und Architektur müssen sich insbesondere um die Förderung einer guten Lebensqualität in dichten Wohn- und Lebensverhältnissen kümmern. Das Einfamilienhaus etwa verschlingt zu viel Platz, verursacht ein Übermass an Individualverkehr und entspricht nicht den Bedürfnissen einer rasch alternden Gesellschaft. Die Landschaft, die es zwischen den Agglomerationen noch gibt, darf nicht weiter versilbert werden, denn sie ist Gold wert. In der Tat ist die Nähe und die gute Erreichbarkeit der Erholungsräume ein Qualitätsmerkmal der Metropole Schweiz. Und eine Standortqualität, die es zu erhalten und zu fördern gilt, ebenso wie die gute Steuersituation, der Arbeitsfriede, die Arbeitsamkeit und die Ausbildung der Bevölkerung.

Die Metropolisierung der Schweiz ist nicht zu stoppen, aber zu lenken.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»