Was kostet die Zuwanderung?

Es ist die wohl drängendste Frage der Schweiz in diesen Jahren. Ein Ökonom rechnet nach und gibt klare Antworten.

Was kostet die Zuwanderung?
George Sheldon, zvg.

In letzter Zeit werden hierzulande immer wieder Stimmen laut, die behaupten, dass die Schweiz ihr riesiges Nettovermögen an die Einwanderer verschenke und deshalb einen finanziellen Ausgleich von diesen verlangen sollte. Das «Geschenk» an die Immigranten wird etwa darin erblickt, dass Zuwanderer die Immobilien hierzulande verteuern und die hiesige Infrastruktur verknappen. Als Ausgleich wird beispielsweise eine Jahresgebühr von etwa 5000 Franken gefordert, die die Neueinwanderer für drei bis fünf Jahre an den Staat zu entrichten hätten1. Eine solche Zuwanderungsausgabe beliefe sich somit insgesamt auf zwischen 15 000 und 25 000 Franken.

Eine Kosten-Nutzen-Analyse ist nicht die einzige Perspektive, aus der sich Migration beurteilen lässt. Geld ist nicht das einzige Argument. Doch es ist ein legitimes und ein wichtiges Argument, und wenn man es ins Feld führt, sollte man dies nach bestem Wissen und Gewissen tun. Das bedeutet: man sollte gründlich und redlich rechnen. Stimmt also diese Rechnung? Schulden Einwanderer der Schweiz etwas? Und wenn ja, wie viel?

Auf der Suche nach einer Antwort wird in diesem Beitrag ein Verfahren angewandt, das einer Dissertation an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel entstammt2. Um das Resultat gleich vorwegzunehmen: Ein durchschnittlicher Zuwandererhaushalt belastet die Schweiz praktisch nicht. Bezieht man die Zinsen mit ein, bringt er ihr sogar mehr, als er sie kostet. Wirklich spannend wird es aber im Detail: manche Haushalte bringen der Schweiz sehr viel Geld, eine Minderheit kostet sie aber auch sehr viel. Wie kommen diese Erkenntnisse zustande? Und: was bedeuten sie für die künftige Migrationspolitik? Zunächst zur Methodik.

Um eine fundierte Antwort auf die Frage nach Kosten und Nutzen der Immigration in der Schweiz zu geben, bedarf es einer umfassenden Analyse. Das ist ein schwieriges Unterfangen: Zu vielfältig, langfristig und komplex sind die wirtschaftlichen Folgen der Zuwanderung, als dass man alle ihrer Vor- und Nachteile messen und saldieren könnte. Man denke nur an die Pharmaindustrie, an ABB oder Nestlé, deren Entstehen weitgehend Immigranten zu verdanken ist: Wie soll man derartige, zugegebenermassen zwar selten vorkommende, aber für den Wohlstand der Schweiz doch entscheidende Folgen der Immigration vorausahnen und quantifizieren? Es ist nahezu unmöglich.

Was man allerdings versuchen kann und was in der Migrationsforschung vielfach auch praktiziert wird, ist, die fiskalische Auswirkung der Immigration abzuschätzen. Dies geschieht im Rahmen einer sogenannten Fiskalbilanz, die das, was ein ausländischer Haushalt in Form von Steuern und Beiträgen in die Staatskasse und die Sozialversicherungen einzahlt, und das, was er an Zuwendungen und Leistungen erhält, gegenrechnet. Übersteigen die Zahlungen die erhaltenen Leistungen bzw. fällt die Fiskalbilanz positiv aus, ist die Immigration aus der Sicht des Staatshaushalts für das Zielland profitabel.

Selbst die Erstellung einer aussagekräftigen Fiskalbilanz ist allerdings kein einfaches Unterfangen. Im Prinzip wären dabei unter anderem zu berücksichtigen:

1. die Zusammensetzung (Alter, Geschlecht, Qualifikation, Aufenthaltsstatus) des Einwanderungsstroms,

2. die Familiensituation während des Aufenthalts,

3. die Einkommensentwicklung in dieser Zeit und

4. die erwartete Dauer des Aufenthalts bzw. die Lebenserwartung.

All diese Faktoren beeinflussen das Ausmass an beanspruchten und finanzierten staatlichen Leistungen. Doch viele dieser Variablen sind statistisch gar nicht erfasst. Infolgedessen muss man sich in der Regel mit groben Schätzungen zufriedengeben, weshalb Kalkulationen der fiskalischen Inzidenz stets strittig bleiben. Dennoch kann es für eine objektive Einschätzung der Vorteilhaftigkeit der Ausländerbeschäftigung hilfreich sein, über Angaben über die Fiskalinzidenz der Immigration zu verfügen. Das Ziel ist, der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen.

Die Zukunft mit einberechnet

Es gibt grundsätzlich zwei Verfahren zur Erstellung einer Fiskalbilanz: ein statisches und ein dynamisches. Der statische Ansatz bezieht die Fiskalbilanz auf ein einziges Jahr und gilt streng genommen nur für diesen einen Zeitpunkt. Aussagekraft für die Zukunft haben die Ergebnisse dieses Ansatzes nur, wenn die Ausländerstruktur über die Zeit unverändert bleibt, was in der…