Was ist ein «Citoyen»?

Bürger. Bourgeois. Aktiver Staatsbürger. Staatsdiener. Weltbürger. Wie steht es um den Bürgersinn heute? Und was hat uns Karl Schmid dazu zu sagen?

Was ist ein «Citoyen»?
Bernd Roeck, Thomas Sprecher, Adolf Muschg und Monika Weber, photographiert von Philipp Baer.

Thomas Sprecher: Was ist heute ein Citoyen, worin zeigt sich Bürgersinn? Diese Fragen möchten wir heute diskutieren. Zunächst aber bitte ich die vier Diskutanten, ihre persönlichen Bezüge zu Karl Schmid zu schildern.Frau Weber, Sie sind politisch nicht mehr aktiv, aber immer noch sehr interessiert. Ich habe gelesen, dass Sie jedes Jahr einen Leserbrief schreiben. Was schreiben Sie in Ihrem Leserinnenbrief an uns?

Monika Weber: Ich mahne manchmal. Zwar nehme ich nicht mehr Stellung zu politischen Angelegenheiten, aber manchmal empfinde ich den Tonfall derart, dass ich doch etwas dazu sagen möchte, wie gleich auch zum Thema Citoyen. (lacht) Aber der Reihe nach und also erst zu Karl Schmid. Es begann an einem Samstag anfangs der 1990er Jahre hier in der Aula der ETH, als die Karl-Schmid-Stiftung gegründet wurde. Hans Künzi lud mich – spontan, wie er war – ein und so ging ich hin. Ebenfalls anwesend war eine Reihe von Offizieren – in Uniform. Einige von diesen sind auch heute hier, aber ohne Uniform. Sie erwiesen Karl Schmid damals mit ihrer Präsenz die Ehre. Auch in den Folgejahren waren die Themen der Tagungen von strategischen Fragen geprägt. Ich finde, das ist nicht unwichtig. Peter von Matt hat darauf hingewiesen: das Militär und das Engagement für das Land, als Ci­­-toyen, als Diener des Landes. Seither habe ich mich nicht mehr direkt mit Karl Schmid beschäftigt, und der heutige Anlass forderte mich entsprechend heraus. Eigentlich war es Georg Kohler, der mich da herausgefordert hat, wofür ich jetzt sehr dankbar bin. Und das Lesen hat sich gelohnt: Karl Schmids Denken kann einen faszinieren; seine Betrachtungen, die er mit einer akribischen Analytik formuliert, sind höchst eindrücklich, wie auch die dialektische Form seiner Argumentation, die er ja durchzieht in aller Konsequenz. 

Einen Bezug zu Karl Schmid habe ich darüber hinaus auch als Präsidentin der Jeanne Hersch-Gesellschaft. Schmid und Hersch waren nämlich nicht nur Zeitgenossen, sondern sie waren beide auch Citoyens, aktive Staatsbürger. Das muss man in aller Deutlichkeit so formulieren. Es gibt interessante Parallelen, als Beispiel möchte ich hier nur die 1968er, 1970er Jahre erwähnen. Damals wurden sie beide unabhängig voneinander als reaktionär bezeichnet und beide wurden sie irgendwie missverstanden. Denn beide, Karl Schmid und Jeanne Hersch, begriffen sehr wohl, dass die Jugend etwas Neues brauchte. Aber sie waren auch der Meinung – und das ist ja auch typisch für Karl Schmid –, dass nicht alles, was früher war, dass nicht alle alten Werte in Bausch und Bogen als null und nichtig abgetan werden sollten, sondern dass es auch Gutes in und aus der Vergangenheit gebe. Beide erwarteten eigentlich den Diskurs, beide warben für eine differenzierte Betrachtungsweise, aber die Zeit damals war stärker. Dass sie als Reaktionäre und als konservativ abgestempelt wurden, führte dazu, dass sie vergessen gingen. Beide müssen sie für eine junge Generation wieder neu entdeckt werden. Das Eintreten für bewährte Werte gelang Karl Schmid in sehr subtiler Art und Weise. Auch davon können wir etwas lernen, gerade in der heutigen Zeit. Die Haltung bezüglich dieser schwierigen Jahre ist bei beiden die gleiche. Sie lautet sinngemäss: es ist nicht alles zum vornherein deshalb besser, weil es neu ist. Das gilt heute so wie damals. Dazu zu stehen braucht manchmal eine gehörige Portion Zivilcourage – und die haben sie beide bewiesen.

Herr Roeck, Ihr Büro liegt, was der Karl-Schmid-Stiftung zu verdanken ist, an der Karl Schmid-Strasse. Was verbindet Sie über die Adresse hinaus mit Schmid? 

Bernd Roeck: Sie haben mich ja wahrscheinlich eingeladen, weil Sie einen Blick von aussen wollten. Den können Sie in mehrfacher Hinsicht haben: Erstens bin ich «nur» an der Universität, nicht an der ETH; zweitens bin ich nicht Germanist, sondern Historiker;…

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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