Lob der Macht
Rainer Hank, photographiert von Martin Langemann / laif.

Lob der Macht

Zur Rehabilitation eines Treibers von Wohlstand und Fortschritt.

Was ist Macht? «Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Tätigkeit des Dirigenten. Was immer er tut, wirft Licht auf die Natur der Macht.» Im letzten Teil von «Masse und Macht», dem 1960 erschienenen philosophischen Hauptwerk des österreichischen Schriftstellers Elias Canetti, findet sich eine mit «Der Dirigent» überschriebene glänzende Miniatur über das Orchester und den Dirigenten. Dass es im Orchester um Macht geht, sei deshalb noch selten aufgefallen, weil alle meinten, es gehe dem Orchester (nur) um die Musik, schreibt Canetti.

Canetti hat recht: Der Dirigent hält sich für den ersten Diener der Musik. Das erfüllt ihn so sehr, dass ihm jeglicher Blick für den aussermusikalischen Sinn seiner Tätigkeit abgeht. Dabei hat dieser es in sich: Der Dirigent übt eine Art Allmacht über sein Orchester aus, welches er dazu verpflichtet, sich ihm zu unterwerfen. Er allein steht da, unübersehbar, meist sogar überhöht auf einem Podest. Das Orchester sitzt, das Publikum ebenfalls, erhebt sich lediglich am Ende, um dem Dirigenten zu huldigen. Dieser sonnt sich im Applaus, von ihm fällt ein Abglanz auf das Orchester. Der Dirigent ist der Führer, dem alle auf Weisung seiner Hand oder seines Stabes folgen. Er hat Macht über Leben und Tod der Stimmen, über Pianissimo und Fortissimo. Er allein kennt das grosse Ganze, hat vor sich die Partitur, während jeder einzelne im Chor oder Orchester nur seine eigene Stimme kennt. Vor Beginn der Aufführung hört man im Gewirr und Gewisper der einzelnen Stimmen: Irrsal und Wirrsal, einen Klangteppich ohne Struktur, so lange, bis der Maestro mit autoritativem Gestus Stille gebietet und noch der Huster in der letzten Reihe vor Peinlichkeit rot wird, weil aller Blicke sich auf ihn oder sie richten. Auf das Handzeichen des Dirigenten beginnt die Aufführung. Er ist der Schöpfer, «er ist der Herrscher der Welt» (Canetti) – zumindest für die Dauer und am Ort der Aufführung.

Kein Wunder, dass Dirigenten, bewundert und gefürchtet zugleich, als grandios und schwierig gelten, ihre Machtfülle nicht selten in Herrschsucht umschlägt und ihre Pflicht, für strenge Disziplin zu sorgen, in ungehaltenen Jähzorn kippt. Zugleich sind sie die charismatischen Helden, vom Publikum gefeiert und vom Orchester eifersüchtig beäugt, das weiss, was es ihm verdankt, und darüber wacht, welcher Musiker unter ihnen seine Gunst zu verlieren droht und wer wohl als nächstes unter allen Gleichen im Orchestergraben von ihm bevorzugt wird.

Notwendige Rehabilitation

Wie kommt es, dass ausgerechnet in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Bücher über das «Wesen der Macht» auf den Markt kamen – von so unterschiedlichen Autoren wie Elias Canetti über Romano Guardini bis zu Reinhold Schneider oder Carl Schmitt. Einiges dürfte für die Vermutung Guardinis sprechen, es sei an der Zeit, die Macht nach Jahren ihrer Diskreditierung zu rehabilitieren, wobei es freilich noch lange Jahre dauern sollte, bis der Missbrauch der Macht zwischen 1933 und 1945 in Deutschland konkret historisch und nicht nur abstrakt ontologisch erforscht wurde. Und bis wieder einigermassen unbefangen darüber gesprochen werden darf.

Was es braucht, ist eine Rehabilitierung der Macht. Sie ist ohnehin da, ein Trieb, ein Wille, ein Drang. Das macht sie so verstörend in einer Welt, in der – durchaus aus honorigen Motiven – alles und jedes einem vernünftigen Begründungszwang unterliegt. Allen Irritationen zum Trotz ist es bislang nicht gelungen, die Macht kleinzukriegen. Aber wer sie leugnet – und das machen viele, nicht zuletzt die Mächtigen selbst –, muss erst recht mit der Wiederkehr des Verdrängten rechnen. Wie die Wahrheit, so ist auch die Macht konkret, verliert sich nicht im Allgemeinen. So wie der Dirigent vor sich selbst, vor dem Orchester und in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, es gehe ihm «nur» um die…