Spreitenbach ist nicht die Favela von Zürich
Spreitenbach hat einen der höchsten Ausländeranteile der Schweiz. Doch zwischen «Albanerblock» und Shoppingcentern funktioniert das Zusammenleben von Menschen aus rund 70 Nationen erstaunlich gut. Nun kommt die Gentrifizierung.
Ob in Paris, Tokio oder Spreitenbach ‒ ich habe es mir angewöhnt, mir beim erstmaligen Besuchen eines Ortes zuerst einmal von oben etwas Orientierung zu verschaffen. Hinauf also auf den Heitersberg, den Hausberg Spreitenbachs. Hier oben herrscht Landidylle pur. Grün so weit das Auge reicht. Das Rauschen der Autobahn ist nicht mehr zu hören. In der Ferne sind die Ausläufer Zürichs zu sehen. Rund um mich vergnügen sich Velofahrer, Wanderer und Hündeler an diesem heissen Sommertag im August.
Immer wieder ist die Aargauer Gemeinde Spreitenbach medial präsent, denn sie ist ein Migrationshotspot. Der Ausländeranteil beträgt 52 Prozent. Missstände aller Art wie Drogendelikte, Diebstähle, gesprengte Abfalleimer, rivalisierende Jugendbanden werden damit in Verbindung gebracht. Oder es ist vom «Albanerblock» und anderen anonymen Wohnblöcken die Rede ‒ ein angebliches Sinnbild für die zunehmende Ghettoisierung der Schweiz, in der Ausländer und Schweizer zwar nebeneinander, aber dennoch voneinander getrennt leben.
«Keine Ausländerghettos»
Spreitenbach hat eine in die 1960er-Jahre zurückreichende Tradition der Zuwanderung. Damals kamen vor allem italienische Gastarbeiter aus der Baubranche – zuerst als Saisonniers, später mit ihren Familien. Spreitenbach bot ihnen erschwinglichen Wohnraum und ausreichend Arbeit. Viele dieser Familien leben auch mehrere Generationen später noch immer hier. In den 1990er-Jahren wiederholte sich die Geschichte. Nun kamen Migranten aus Ex-Jugoslawien hinzu: Kosovaren, Albaner, Serben, Kroaten und Bosnier. Auch sie fanden meist auf dem Bau und in Handwerksberufen ein Auskommen.
Viele in Spreitenbach lebende Migranten lassen sich nicht einbürgern, obwohl sie dies längst könnten. «Vom Denken, Sprechen, Fühlen sind viele der hier lebenden Ausländer eigentlich Schweizer», sagt der Gemeindepräsident Markus Mötteli, den ich im Gemeindehaus treffe, einem Gebäude mitten im Dorf. Auch der Mitte-Politiker der politisch stramm bürgerlichen Gemeinde (Spreitenbach ist eine SVP-Hochburg) weiss natürlich, dass es um das Image seiner Gemeinde nicht zum Besten bestellt ist. Und das ärgert ihn, denn aus seiner Sicht ist der schlechte Ruf nicht gerechtfertigt. Medien gegenüber ist er vorsichtig geworden. Die meisten kämen nur hierher, um ihre Vorurteile zu bestätigen.

Vom Dreiklang «Migration, gescheiterte Integration, Separation» distanziert sich Mötteli dezidiert: «Wir haben hier ganz klar keine Ghettobildung», sagt er und legt nach: «Günstiger Wohnraum ja ‒ Ghettos nein.» Wie in jeder Schweizer Stadt gebe es auch hier vereinzelte Blöcke, in denen gewisse Bevölkerungsgruppen vermehrt anzutreffen seien. Oft wohnten auch Verwandte im gleichen Haus. Spreitenbach werde oft für etwas kritisiert, was in den Städten längst normal sei, sagt Mötteli. «Spreiti» sei keinesfalls mit den Pariser Banlieues zu vergleichen, wo sich die Polizei kaum noch hintraue.
Wegen der Liebe nach Spreitenbach
In Spreitenbach sind die Einkaufsmöglichkeiten, die Büros und die Hochhäuser in der Ebene. Der schmucke, alte Dorfkern schliesst sich am Waldrand an. Ich folge dem grossen Wegweiser mit der Aufschrift «Dorfmuseum», finde dieses aber nicht. Das Dorfmuseum gebe es schon lange nicht mehr, erzählt mir eine alteingesessene Spreitenbacherin in einem Blumenladen. Eine Angestellte und eine Kundin stossen neugierig dazu. Sie alle leben gerne hier. Es sei wunderbar, wie hier Menschen aus über 70 Ländern «im Grossen und Ganzen» doch sehr friedlich und nahezu problemlos zusammenleben würden, sind sich die drei Damen ohne Migrationshintergrund einig.
Früher haben die Schweizer eher im alten Dorfteil gewohnt, die Ausländer unten in den für Spreitenbach so typischen Wohnblöcken, die wohl nie einen Architekturpreis gewinnen werden. Heute sei das jedoch stärker durchmischt, erfahre ich. Eine ursprünglich aus Zürich stammende Frau erzählt mir, sie sei der Liebe wegen hierhergezogen. Das sei die Bedingung ihres Mannes vor der Heirat gewesen, erzählt sie lachend. Bereut habe sie diesen Schritt nie.
Ein Hauch von US-Lifestyle
Neben Ikea, Zweifel und den Warenhäusern Shoppi und Tivoli, für die Spreitenbach vor allem bekannt ist, gibt es auch eine offensichtlich prosperierende, moderne Gewerbezone. Hier stapeln sich die Firmenlogos übereinander. Der Industriemix ist bunt: von Energieausrüstern, IT-Firmen, Architekten und Beratern bis zu Firmen aus der Medizinaltechnik, Logistik und Handel. Dazu gibt es Co-Working Spaces für alle, die sich erst mal einmieten wollen.
Hier begegne ich einer freundlichen alten Frau mit schwerer Kleidung und Kopftuch. Sie steht gebückt im hohen Gras und sucht nach etwas. Eine Schweizer Landessprache kann sie nicht. Wir einigen uns darauf, dass sie aus der Türkei stammt, keinesfalls fotografiert werden will und Kräuter für ihren Salat sammelt.
Es wird viel gebaut, die Infrastruktur macht einen äusserst modernen Eindruck. Grossformatige Einkaufsmöglichkeiten überall und äusserst autofreundlich, wie das in der Schweiz kaum noch anzutreffen ist. Parkplatzprobleme jedenfalls scheint man hier keine zu kennen. Es weht ein Hauch von «American way of life» durch die Häuserschluchten bei der Tivoli Mall – der einzigen Mall, die ich kenne, wo es in der Toilette Stoffhandtücher für die Hände gibt und wo die Schlangen von Einkaufswägeli in einer Art Einbauschrank magisch in der Wand verschwinden.
«Deutsch kann sie nicht. Wir einigen uns darauf, dass sie aus der Türkei stammt, keinesfalls fotografiert werden will und Kräuter für ihren Salat sammelt.»
Im Jahr 2019 eröffnete das «Hilton Garden Inn». Es ist besonders bei chinesischen und amerikanischen Reisegruppen beliebt, die mit dem Fernbus Europa erkunden und auf der Durchreise hier Halt machen. Aber auch Gäste der zahlreichen Unternehmen in und um Spreitenbach schätzen das Angebot.
Die Grünflächen und Rabatten sind sehr gepflegt. Auch an Autocentern für Occasionen besteht kein Mangel. Der Imax-Kinokomplex ist einer der grössten seiner Art in der Schweiz. Es gibt auch Gegenden mit netten, kleinen Einfamilienhäusern an gepflegter Hanglage. Und im Museum «Umweltarena» verbringen Familien die letzten Tage der Schulferien damit, sich und ihre Kinder mit allerlei Wissenswertem zum Thema Nachhaltigkeit und Umwelt zu bespassen. Besonders beliebt (zumindest bei den Vätern) ist ein Rundkurs, auf dem Elektrofahrzeuge aller Art Probe gefahren werden können. Wem das zu langsam ist, weicht auf die nahegelegene Kart-Rennstrecke aus. All dies ist ebenfalls Spreitenbach.
Neue, innovative Wohnformen
1972 wurde hier die erste Ikea-Filiale ausserhalb Skandinaviens eröffnet. Und die beiden heute mit einer Passerelle verbundenen Shoppingcenter Tivoli und Shoppi brachten in den 1970er-Jahren das Mall-Einkaufserlebnis nach amerikanischem Vorbild in die Schweiz. Zu einer Zeit, in der die Wirtschaft brummte (Erdölkrise ausgenommen) und die Bevölkerung rasant wuchs. Es kursierten gar Szenarien einer 30-Millionen-Schweiz. Neue, innovative Wohnformen waren gefragt und mussten rasch her. Kompakt und günstig mussten sie sein. So entstand ein für die damalige Schweiz einzigartiges Hochhausviertel im Nordwesten der Gemeinde – das Langäckerquartier.

erfreuen sich auch bei Zürcher Wohnungsflüchtlingen grosser Beliebtheit. Bild: Fabian Gull.
Besonders schön sind die Wohntürme nicht. Doch das Spezielle ist – gerade auch aus heutiger Sicht, wo verdichtetes Bauen wieder aktuell ist – die Kombination von günstigem Wohnraum mit grosszügigen, ja parkähnlichen Grünflächen, welche die Blöcke umgeben. Der Baumbestand spendet auch bei meinem Besuch einigen Bewohnern wohltuenden Schatten. Spreitenbach hat einen eigenen Weg gefunden, die beiden Themen Migration und erschwinglichen Wohnraum miteinander zu verbinden. Wurde die Gemeinde damals von Fachleuten für diese innovative Wohnform und ihren Pioniergeist gerühmt, sollten die gleichen Hochhaussiedlungen später wegen ihrer Anonymität kritisiert oder wegen der vielen hier lebenden Ausländer gar in Verruf geraten.
Heute ist das Quartier Langäcker an einem kritischen Punkt angelangt. Es ist in die Jahre gekommen und muss renoviert werden. Aktuell wird ein Hochhaus renoviert, dazu wurde es via Leerkündigungen geräumt. Ein anderes wird demnächst abgerissen und muss einem Neubau weichen. Die Gentrifizierung könnte nun auch die hier lebenden Menschen erfassen. Meist sind es ausländische, einkommensschwache Menschen.
«Spreitenbach hat einen eigenen Weg gefunden, die beiden Themen Migration und erschwinglichen Wohnraum miteinander zu verbinden.»
Segregation nach Einkommen
«Die Verdichtung ist auch in der Agglomeration angekommen», bestätigt ETH-Professor David Kaufmann. Und dieser Prozess sei politisch so gewollt, denn am Anfang der Gentrifizierung stünden die Raumplanung mit Zonenänderungen und dem Ziel der Verdichtung, welcher dann das Kapital der Investoren folge. Immerhin: Nach Leerkündigungen in der Agglomeration fänden rund 70% eine Anschlusslösung in der gleichen Gemeinde, hat Kaufmann herausgefunden. Auch Genossenschaften können Anschlusslösungen bieten, diese sind aber in der Agglomeration seltener anzutreffen. «Ausser einer gewissen Durchmischung mit systemrelevanten Berufen haben Gemeinden eigentlich wenig Anreize, schlechtere Steuerzahler zu behalten. Das macht mir Sorgen», sagt Kaufmann.
Weiter vorne im Dorf ist das neue Quartier «Tivoli Garten» im Entstehen. Der moderne Wohnturm befindet sich oberhalb der vor drei Jahren errichteten Limmattalbahn und grenzt an das Shoppingcenter Tivoli an. Davon verspricht sich die eher strukturschwache Gemeinde viel. Zum Beispiel neue und bessere Steuerzahler. Und es scheint zu funktionieren. Erste Firmen, Expats und Wohnungsflüchtlinge aus Zürich haben sich bereits eingemietet. Kaufmann spricht von «Neubau-Gentrifizierung», welche den ohnehin stattfindenden Prozess noch zusätzlich beschleunige.
Dass die Agglomeration städtischer wird, zeigt auch ein Blick auf den lokalen Wohnungsmarkt. Eine normale 3,5-Zimmer-Wohnung nach heutigem Standard, aber ohne jeglichen Luxus kostet auch hier rund 1 Million Franken. Eine moderne 2,5-Zimmer-Wohnung gibt es knapp darunter.
Steuert die Schweiz auf eine Segregation zu? «Nein, denn es gibt auch sehr viele gutverdienende Ausländerinnen und Ausländer», sagt Kaufmann. «Aber wir steuern auf eine Schweiz zu, die zunehmend segregiert ist zwischen Menschen mit hohen Einkommen und Menschen mit tiefen Einkommen.»
Kein geregeltes Lernumfeld
Roger Stiel ist seit 15 Jahren Schulleiter in Spreitenbach und als solcher zusammen mit einem Kollegen für 700 Volksschüler zuständig. Vorher unterrichtete er 20 Jahre an einer Realschule.
Er ist Befürworter einer integrativen Schule und warnt ausdrücklich vor Separationstendenzen, also dem aktuellen Trend, eine «Sonderklasse für jeden» zu schaffen. In Kombination mit einer individualisierenden Methodik müssten die Schülerinnen und Schüler eine Gemeinschaft bilden können. «Wir als Staatsschule fördern alle. Wenn uns das nicht gelingt, haben wir die Demokratie verloren.»
Unterrichtsstörungen, Stören der Mitschüler, auch körperliche Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung. Auch Schulabsentismus ist ein Problem. Seine Lehrkräfte müssen gewisse Nehmerqualitäten haben, da es zum Beispiel in der Pause sehr rau zu und her gehen kann. Die Lehrer stehen oft in engem Kontakt mit Familien, Kindern und Fachpersonen – näher, als es vielerorts im Land üblich ist. Für zahlreiche Kinder sei die Lehrerperson die einzige verlässliche und konstante Bezugsperson in ihrem Leben, sagt Stiel. Viele haben zu Hause kein geregeltes Lernumfeld, viele auch kein eigenes Zimmer.
Im Kindergarten stellt Stiel bei Kindern aus bildungsfernen Schichten auch Defizite bei Sprache und Motorik fest, sichtbar etwa beim Basteln, Schneiden oder Kleben. Über die Jahre hat sich die Schule ein starkes Netzwerk aufgebaut: Die regelmässige Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit, dem kinder- und jugendpsychiatrischen Dienst, dem schulpsychologischen Dienst, der Polizei und sogar der Jugendanwaltschaft gehört hier zum Alltag.
Wer glaubt, eine Schule in einem Migrationshotspot sei ein Ort mit hoher Personalfluktuation, wird von Stiel eines Besseren belehrt. «Wir haben eine Fluktuation von nahezu null Prozent», sagt er stolz. «Unsere Lehrkräfte entscheiden sich ganz bewusst für uns. Das hat für die Schule den grossen Vorteil, dass wir ein sehr erfahrenes und eingespieltes Kollegium haben.» Lehrer, die nur an der Stoffvermittlung Interesse hätten (und nicht auch an Erziehung), seien bei ihm an der falschen Stelle. Oberstes Ziel muss an der Oberstufe gemäss Stiel die Integration in den Arbeitsmarkt sein: «99 Prozent meiner Schulabsolventen beginnen eine Lehre.»
Auch von Lehrermangel, wie er in der Restschweiz vielerorts auftritt, will Stiel nichts wissen: «Wenn wir Lehrkräfte suchen, suchen wir zuerst in unseren Netzwerken.» Gute Erfahrungen hat seine Schule auch mit Maturanden oder Absolventen einer Lehre gemacht, die während eines Zwischenjahrs die Lehrerpersonen unterstützen. Meist haben diese jungen Menschen selbst einen Migrationshintergrund. Und viele von ihnen ergreifen später selbst den Lehrberuf. Hinzu kommen Quereinsteiger aller Art: aus der Uhrenindustrie, von der ABB, aus NGOs oder auch mal ein Metzger. «Wer in Afrika Fabriken und Dörfer mitaufgebaut hat, dem machen unsere Kinder nichts vor. Solche Leute sind eine Riesenchance für unsere Schüler und für die ganze Schule», sagt Stiel.
Auf Delikte und Polizeieinsätze angesprochen, stellt Stiel klar: «Ja, wir haben Probleme mit gewissen Schülern. Aber bei 95 Prozent von ihnen haben wir keine.» Drogen auf dem Pausenplatz kämen schon mal vor, doch die könne man meist rasch lokalisieren, sagt Stiel routiniert. Mit Waffen hat er bisher keine Erfahrung machen müssen. Hingegen kommen häusliche Gewalt oder Delikte ausserhalb der Schulzeit öfters vor. Erst kürzlich haben zwei alkoholisierte Schüler in einem «geliehenen» BMW ein paar Schilder umgenietet.
Limmattal- statt Spanisch-Brötlibahn
Gar nicht pionierhaft war Spreitenbach, als sich die Gemeinde gegen die Streckenführung der Spanisch-Brötlibahn wehrte (Inbetriebnahme 1848), die dann am Dorf vorbei der Limmat entlanggeführt wurde ‒ wie in der Folge und bis heute auch alle Linien der SBB. Die Konsequenz: Zürich und Baden waren nur mit Bussen oder Umsteigen erreichbar. Immerhin: Seit drei Jahren verbindet die Limmattalbahn die Gemeinden Killwangen-Spreitenbach mit Zürich-Altstetten – mit 175 Jahren Verspätung.
Mein Fazit: Die Schweiz ist ein Integrationswunderland. Es gibt zwar Probleme in Spreitenbach, doch vieles läuft erstaunlich gut. Das ist erfreulich. Wie stabil die Lage tatsächlich ist und ob auch hier Unruhen wie zuletzt in Lausanne denkbar sind, ist schwer zu beurteilen – kategorisch ausschliessen kann man das sicher nicht. Sozialen Sprengstoff birgt ein neues in Spreitenbach zu beobachtendes Phänomen: Neue, finanzkräftige Zugewanderte könnten die alteingesessenen, integrierten Ausländer aus ihren Wohnungen und an den Rand der Gesellschaft drängen. Es wird eng rund um Zürich.