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Mathias Binswanger, zvg.

Die Zuwanderung lindert den Fachkräftemangel nicht – stattdessen hält sie die Löhne tief

In der Pflege oder in MINT-Berufen fehlt es an qualifiziertem Personal. Und die Arbeitgeber haben wenig Interesse, die Stellen attraktiver zu machen – stattdessen holen sie günstige Einwanderer.

In der Schweiz mangelt es nach wie vor an Fachkräften: in der Pflege und auf dem Bau, im Gastgewerbe oder auch in den sogenannten MINT-Berufen, also Berufen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Wer jetzt glaubt, die Unternehmen würden auf diese Situation reagieren, indem sie die entsprechenden Stellen besser entlöhnen oder die Arbeitsbedingungen verbessern, sieht sich allerdings getäuscht. Die Bezahlung wird trotz Knappheit kaum besser, und attraktiver werden die Berufe auch nicht. Dafür gib es einen einfachen, aber entscheidenden Grund: Man kann die Arbeitskräfte notfalls zu geringeren Löhnen im Ausland holen. Oder man verlagert die entsprechenden Tätigkeiten gleich ganz über die Grenze.

Besonders deutlich sichtbar ist diese Entwicklung bei den Pflegeberufen. Jeden Monat verlassen 300 Pflegekräfte den Beruf! Es wird vermutet, dass zurzeit rund 9000 Vollzeitstellen im Pflegebereich unbesetzt sind. Und für die kommenden Jahre wird ein weiterer Anstieg des Bedarfs an Pflegekräften erwartet. Schätzungen zufolge wird die Schweiz bis 2030 rund 100 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigen, um die Versorgung der älter werdenden Bevölkerung sicherzustellen. Das bedeutet: Der Mangel wird sich noch verschärfen.

Schlechte Arbeitsbedingungen, tiefe Löhne

Aber halt! Haben wir Schweizer Stimmbürger nicht 2021 eine Pflegeinitiative angenommen, die dafür sorgen sollte, dass Pflegeberufe wieder attraktiver werden, um so dem Mangel entgegenzuwirken? Ja, haben wir. Aber an der Situation in der Pflege hat das kaum etwas geändert. Zwar wurde die erste Etappe der Initiative, die sogenannte Bildungsoffensive, weitgehend umgesetzt, und es gibt jetzt bessere Weiterbildungsmöglichkeiten für Menschen, die in der Pflege arbeiten. Die zweite Etappe, die auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten in der Pflege abzielt, harrt hingegen weiterhin ihrer Verwirklichung.

Investitionen in die Ausbildung verbessern für die in der Pflege tätigen Menschen zunächst einmal gar nichts. Der eigentliche Kern des Problems sind nämlich die schwierigen Arbeitsbedingungen, die mit tiefen Löhnen entschädigt werden. Eine unattraktive Mischung, die junge Menschen kaum zur Ergreifung einer beruflichen Tätigkeit in der Pflege animiert. Und die Löhne bleiben tief, weil Pflegekräfte aufgrund der Personenfreizügigkeit aus verschiedenen EU-Ländern zu tiefen Löhnen rekrutiert werden können. Im Vergleich zu den dort bezahlten Löhnen ist die Bezahlung in der Schweiz nach wie vor attraktiv.

Zudem sind die Anforderungen an die Qualifikation für direkt in der Pflege tätige Ausländerinnen und Ausländer gering, was den Einstieg zusätzlich erleichtert. So sind gemäss dem zentralen Migrationsinformationssystem (ZEMIS) seit 2009 pro Jahr zwischen 2000 und 3000 Pflegefachkräfte in die Schweiz eingewandert. Zwar gab es jeweils auch wieder Abwanderungen, aber in den meisten Jahren verblieb ein positiver Wanderungssaldo von mehr als 1000 Pflegefachkräften.

«Die Löhne bleiben tief, weil Pflegekräfte aufgrund der Personenfreizügigkeit aus verschiedenen EU-Ländern zu tiefen Löhnen rekrutiert werden können.»

Ein weiterer Grund für die tiefen Löhne liegt in den starren Lohnsystemen vieler Pflegeinstitutionen und Spitäler. Pflegefachkräfte bekommen zwar in den ersten Jahren ihrer Anstellung im Normalfall eine von Jahr zu Jahr steigende Entlöhnung. Aber diese Anstiege sind gering und erreichen bald einmal ein Maximum, auf dem sie dann für den Rest des Lebens bleiben. Eine solche Perspektive motiviert nicht, lange am Arbeitsort zu bleiben.

Ausbildungsoffensive fördert nur die Bürokratie

Werden die eben angesprochenen Probleme durch bessere Ausbildung gelöst? Leider nein. Bessere Ausbildung führt vor allem dazu, dass die dann höher Ausgebildeten nicht mehr an der Pflegefront tätig sind. Stattdessen werden aus ihnen Pflegewissenschafterinnen mit Bachelor- oder Masterabschluss, die auch wesentlich bessere Löhne erhalten. Doch der Lohn für die Pflegehelferin oder die Pflegefachkraft bleibt gering, denn an der Konkurrenz aus dem Ausland und den starren Lohnsystemen ändert sich nichts.

Die ständige Ausdehnung der Qualifikationen führt so zu einer Verteuerung der Pflege, weil dem steigenden Anteil an besser qualifizierten Arbeitskräften höhere Löhne bezahlt werden. Umso grösser wird aber der Lohndruck bei den weniger qualifizierten Tätigkeiten, wo man erst recht versucht, zu sparen und möglichst billige Arbeitskräfte einzustellen. Im Durchschnitt verdient etwa eine Pflegehelferin knapp 4000 Franken pro Monat und eine Fachperson Gesundheit (FaGe) gegen 4500 Franken. Eine Pflegewissenschafterin erhält hingegen zwischen 7000 und 8000 Franken. Das sind gravierende Lohnunterschiede.

Eine Ausbildungsoffensive kann so schnell zu einem Ausbau der Gesundheitsbürokratie und steigenden Gesundheitskosten führen, während sich die Situation in der Pflege selbst gar nicht verbessert. Eine echte Verbesserung gelingt nur, wenn man auch praktische Qualifikationsmöglichkeiten für diejenigen schafft, die weiterhin an der Pflegefront tätig sind. Das heisst: Pflegehelferinnen und Pflegefachfrauen, die sich in ihrem Beruf über längere Zeit bewährt haben, sollten die Möglichkeit erhalten, durch gute Arbeit bessere Löhne zu erzielen. Dazu braucht es aber eine Überarbeitung der starren Lohnsysteme in vielen Institutionen.

Mit besseren Ausbildungsmöglichkeiten und einer Akademisierung der Pflege wird weder das Problem des Fachkräftemangels gelöst, noch verbessern sich dadurch die Arbeitsbedingungen. Was es braucht, ist nicht eine sofortige massive Lohnerhöhung, sondern eine Perspektive, mit guten Leistungen langfristig mehr zu verdienen. Zudem muss die in der Pflege überhandnehmende Controllingbürokratie angegangen werden: Die Gesundheitskosten steigen, weil die Löhne in der Pflegebürokratie wesentlich höher sind als in der Pflege selbst.

«Eine Ausbildungsoffensive kann schnell zu einem Ausbau der Gesundheitsbürokratie und steigenden Gesundheitskosten führen, während sich die Situation in der Pflege selbst gar nicht verbessert.»

MINT-Berufe haben geringen Status

Auch bei den MINT-Berufen glaubt man das Problem des Fachkräftemangels mit Massnahmen im Bildungsbereich lösen zu können. Schauen wir in die Schulen, dann scheint die Schweiz gar keine Probleme zu haben. Im internationalen Vergleich schneiden Schweizer Schülerinnen und Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften gemäss Pisa-Test besser ab als in vielen anderen Ländern.

Doch dieses gute Abschneiden führt nicht dazu, dass Jugendliche auch MINT-Fächer lernen oder studieren wollen. Von den Schülerinnen und Schülern mit guten Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften im Alter von 15 Jahren erwartet nur etwa jeder vierte Junge, dass er im Alter von 30 Jahren als Ingenieur oder Naturwissenschafter arbeiten wird. Und bei den Mädchen hat gerade einmal eines von neun eine solche Erwartung. Noch viel schlechter sieht es bei den Berufen der Informations- oder Kommunikationstechnik aus. Eine solche Tätigkeit können sich gerade noch 3 Prozent der Jungen und ein paar vereinzelte Mädchen vorstellen.

Warum bleibt das Interesse an MINT-Fächern trotz Anstrengungen gering? Das Desinteresse ist ein Wohlstandsphänomen, das sich in vielen Industrieländern beobachten lässt. Die entsprechenden Ausbildungen fordern viel und stellen auf mathematische und technische Fähigkeiten ab. Das wirkt abschreckend, denn trotz hohen Anforderungen winken anschliessend oft keine hochbezahlten Prestigejobs. Wer schnell Karriere machen will, studiert besser Betriebswirtschaft, wo man mit weniger Aufwand schneller zu einem gutbezahlten Job kommt. Und während dann viele Manager Topgehälter verdienen, fristen Naturwissenschafter und Ingenieure oftmals in Labors und an Computern ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Mauerblümchendasein. Unter diesen Umständen bleiben nur diejenigen Jugendlichen an MINT-Fächern interessiert, die sich für Technik begeistern und auch entsprechende Fähigkeiten mitbringen. Das ist aber eine Minderheit, die sich durch Kampagnen kaum vergrössern lässt.

Kommt hinzu, dass Technofreaks, Computernerds oder Mathegenies nicht die Helden der heutigen Jugend sind. Zwar findet sich bei Jungen in jeder Generation eine Anzahl Nerds, die sich dann MINT-Fächern zuwenden. Aber bei Mädchen ist der Hang zu Nerdigkeit schwach bis gar nicht vorhanden. Es ist nicht so, dass Mädchen sich nicht trauen, technische oder mathematische Fächer zu lernen oder zu studieren. Es fehlen ihnen vielmehr Anreiz und Interesse. Warum soll man sich mit Mathematik und technischen Details abmühen, wenn diese Tätigkeiten nachher nur geringen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen? Wenn Influencerinnen oder YouTuber im Rampenlicht stehen, die scheinbar ohne grosse Anstrengung Popularität erlangen und Geld verdienen, ist es schwierig, den Sinn des Lösens einer Euler-Gleichung oder der Entwicklung eines neuen Algorithmus zu vermitteln.

Wenig Frauen, viele Ausländer

Für Studentinnen und Studenten aus ärmeren Ländern sieht das anders aus. Dort bietet ein naturwissenschaftliches Studium eine Chance, einen Job in einem Land wie der Schweiz zu finden. Aus diesem Grund steigt bei technischen Studiengängen der Anteil der ausländischen Studierenden ständig an. Der Frauenanteil bleibt hingegen tief. Gemäss den Zahlen an der ETH lag der Frauenanteil für Studierende auf Masterstufe bei den Studienrichtungen Maschinenbau und Verfahrenstechnik bei etwa 15 Prozent und für die Studienrichtung Informatik bei rund 20 Prozent. Der Ausländeranteil für die Studienrichtung Maschinenbau und Verfahrenstechnik lag hingegen bei rund 50 Prozent und für die Studienrichtung Informatik sogar bei über 60 Prozent. Beim Informatikstudium sind die Schweizer Studierenden also bereits in der Minderheit.

Was folgt daraus? Begeisterung für MINT-Fächer kann man nicht mit Kampagnen entfachen, auch wenn diese Fächer in noch so leuchtenden Farben dargestellt werden. Das ist vergebliche Liebesmüh. Schweizer Jugendliche und insbesondere Schweizer Mädchen haben wenig Anreiz, anstrengende Fächer zu studieren, denen das Sozialprestige fehlt. Viel Aufwand für wenig Ertrag ist nicht sexy. Junge Menschen aus weniger entwickelten Ländern ergreifen diese Chance hingegen gerne, denn für sie ist es eine Chance, ihre Situation zu verbessern. Also wird nicht der Frauenanteil, sondern der Ausländeranteil bei der Ausbildung und Ausübung von MINT-Berufen weiter zunehmen.

«Steigt bei technischen Studiengängen der Anteil der ausländischen Studierenden ständig an. Der Frauenanteil bleibt hingegen tief.»

Die Analyse des Fachkräftemangels bei Pflegeberufen und MINT-Berufen zeigt: Mit Bildungsförderung lässt sich der Fachkräftemangel in der Schweiz nicht lösen. Solange diese Berufe aus verschiedenen Gründen unattraktiv und auch nicht gut bezahlt sind, wird sich der Mangel in Zukunft noch weiter verschärfen. Dies führt dazu, dass wir dann noch stärker auf Zuwanderung angewiesen sind und Schweizer Ingenieure, Ärzte und Pflegefachpersonen immer seltener werden.

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