Gerade im digitalen Zeitalter dürfen wir die analogen Erfahrungen mit der Welt nicht aus der Hand geben
Im Zuge der Digitalisierung delegieren wir das menschliche Machen und Denken zunehmend an Maschinen. Die konkrete Arbeit am Objekt und die damit verbundene Erfahrung gehen damit verloren.
Als mein Automechaniker mich vor rund 15 Jahren zur Hochschule fuhr, damit ich nicht zu spät zum Unterricht kam, entschuldigte er sich für sein altes Privatauto. Er könne es noch selber reparieren, deshalb wolle er es so lange wie möglich behalten.
Mein eigenes, altes Auto musste ich vor ein paar Jahren durch einen Gebrauchtwagen ersetzen. Ohne die Aufrüstung diverser elektronischer Komponenten war keiner zu bekommen. Beim Kauf nicht bemerkt hatte ich, dass der Spiegel mit einem Kabelbinder notdürftig befestigt worden war. Eine kleine Sache, die handwerklich mit ein paar wenigen Schrauben oder Ersatzteilen erledigt werden könne, dachte ich und fuhr zur Werkstatt. Dort erfuhr ich, dass der kaputte Spiegel allein nicht zu ersetzen sei, sondern nur zusammen mit der völlig intakten Windschutzscheibe samt diverser elektronischer Steuerungskabel. Denn das Ganze komme neuerdings als ein Modul, bei dem alle Teile fest ineinander verschweisst seien – einschliesslich Rückspiegel und elaborierter Elektronik. Dieses Modul sei fixfertig zu bestellen und könne dann in der Werkstatt eingebaut werden. Eine weniger aufwendige Lösung konnte mir nicht angeboten werden.
Abgesehen von Fragen zur Nachhaltigkeit eines solchen Wirtschaftens in Zeiten knapper Ressourcen regte die Geschichte zum Nachdenken über den Beruf des Mechanikers und überhaupt des Handwerks an. Heute ist aus dem Automechaniker, der vornehmlich mit seinen Händen direkt am Objekt arbeitet und dabei seine Geschicklichkeit, Erfahrung und Kreativität für eine gelingende Reparatur einsetzt, ein Mechatroniker geworden. Dieser überlässt schon die Diagnostik hauptsächlich dem Computer, wobei er selbst nur Knöpfe drücken und Schalthebel bedienen muss. Sein handwerkliches Tun beschränkt sich im Wesentlichen auf den Einbau maschinell vorgefertigter Module. Mit dem eigentlichen Material und der Technik des Fahrzeugs kommt ein Mechatroniker immer weniger in Berührung. Dafür ist seine Arbeit dank Digitalisierung körperlich weniger anstrengend, macht weniger schmutzig, wird oft schneller, möglicherweise effizienter erledigt.
So sieht es heute praktisch in allen Handwerksberufen aus. Das Bauwesen, das zahlreiche verschiedene Handwerksberufe vereint, ist in hohem Masse in der Fertigung digitalisiert. Selbst ein Ofenbauer, der Restaurierungen vornimmt und dabei das meiste nach wie vor per Hand erledigt, ist froh um die Unterstützung durch computergenerierte Daten bei der Vermessung des Feuerhauses alter Öfen. Und in der Landwirtschaft ist gerade der erste Spargelernteroboter entwickelt worden, um Erntehelfer einzusparen und von der intensiven manuellen Knochenarbeit zu entlasten.
Mehr Effizienz, mehr Bürokratie
Seit jeher nutzen wir Menschen unseren Erfindergeist dazu, Werkzeuge und Gegenstände für den täglichen Gebrauch herzustellen. Damit wollen wir uns die Arbeit und das Leben erleichtern, besseren Zugang zu natürlichen Ressourcen erlangen und diese für uns nutzbar machen. Seit der industriellen Revolution ab Mitte des 18. Jahrhunderts hat die technische Entwicklung immer neue Quantensprünge gemacht, zuletzt mit der Digitalisierung. Gerade in der Medizin können wir heute die Früchte vieler solcher Erfindungen, Forschungsergebnisse und technischer Weiterentwicklungen ernten.
Doch was heisst es, wenn das handwerkliche, menschliche Tun, das Hand-Werken, das Arbeiten mit den eigenen Händen direkt am Material nicht mehr von uns selber ausgeübt, sondern an ein digitales Gerät abgegeben wird? Was heisst es, wenn wir nicht mehr selbst mit dem Holz, dem nassen Ton oder dem klebrigen Teig für das morgendliche Brot direkt, leiblich in Berührung und Beziehung kommen und unserer eigenen Intuition und Erfahrung nicht mehr vertrauen? Wenn solche Arbeiten im Namen gesteigerter Effizienz, Produktivität, Optimierung von Prozessen oder permanenter Verfügbarkeit an Roboter delegiert werden? Und wir damit unser eigenes Wissen und Können sprichwörtlich – zumindest ein Stück weit – aus der Hand geben?
Dazu unterhielt ich mich kürzlich mit meinem Zahnarzt, der auch in der Ausbildung und zahnmedizinischen Forschung tätig ist. Ich fragte zunächst nach den Vorzügen der Digitalisierung in seinem Beruf. Innerhalb seiner Praxis, berichtete er, habe die Büroarbeit durch optimierte Prozesse unter anderem in der Leistungserfassung und Patientendokumentation entscheidend reduziert werden können. Nach aussen hin (zum Beispiel im Kontakt mit Krankenkassen) habe die Bürokratie jedoch enorm zugenommen. Da Zahnmedizin im Schweizer Leistungskatalog der Krankenkassen in der Regel nicht enthalten ist, hält sich das in seiner Praxis aber in Grenzen. In Deutschland geht durchschnittlich 40 Prozent der Arbeitszeit an einem Patienten zu Lasten bürokratischer Tätigkeiten.
Im handwerklichen Alltag nutzt mein Zahnarzt bildgebende Verfahren und setzt digital erstellte Kronen ein. Inzwischen gebe es auch die digitale Implantologie, für die ein Tomogramm vom Kopf erstellt werde sowie Scans des Mundes vorgenommen würden, auf deren Basis Zähne digital kreiert werden könnten. Insbesondere der Beruf des Zahntechnikers habe sich hierbei enorm verändert. Der Zahntechniker sei zum Zahndesigner mutiert, der mehrheitlich am Computer arbeite. Handwerkliches Geschick rückt damit in den Hintergrund.
Kritisch sieht er die heutige Forschung, die spätestens seit den 1980er-Jahren weniger Grundlagenforschung, sondern (Auftrags-)Forschung für die Industrie zum Nachteil des Patienten betreibe. Dieser werde nicht gefragt, seine Bedürfnisse würden nicht wirklich ins Zentrum gestellt. Vieles wird entwickelt, das sich zwar gut als Neuerung verkaufen lässt und dem kurzfristigen Gewinn eines Unternehmens dient, aber nicht unbedingt lebensdienlich ist. Ich musste an mein hochdigitalisiertes Auto mit all seinen unnötigen Funktionen denken.
Laut meinem Zahnarzt hat sich auch die Lehre verändert. Es werde weniger Gewicht auf handwerkliche Fähigkeiten und Training mit notwendigem, wiederholtem, angeleitetem Üben gelegt. Im Beruf habe der Einsatz digitaler Mittel dazu geführt, dass man sich immer mehr auf Technologie verlasse und die taktile und haptische Sensibilität, etwa beim Bohren und Tasten für das Einpassen einer Krone, verlerne.
Auch fehle der zwischenmenschliche Austausch, das Sich-gegenseitig-über-die-Schulter- Schauen, das gemeinsame Abwägen und Erwägen bei der handwerklichen Arbeit. Durch eigene Erfahrung und Routine werde man mit der Zeit zwar sicherer und schneller. Doch ohne Reflexion über das eigene Tun in Form von Supervision und im Austausch mit erfahrenen Kollegen entwickle man sein Wissen und Können nicht weiter.
«Der Zahntechniker sei zum Zahndesigner mutiert, der mehrheitlich am Computer arbeite.»
Seine Feststellung, dass heute Fortbildungen mit manuellen Tätigkeiten im Angebot wieder gefragter würden, erstaunt daher nicht. Letztendlich macht ein Zahnarzt wie jeder Chirurg Hand-Entscheidungen.
An Herausforderungen wachsen
Unser Tastsinn, unser taktiles und haptisches Empfinden, das Spüren und Wahrnehmen von Berührungen, Wärme oder Kälte sowie das aktive Ertasten und Erspüren von Dingen, Materialien, Formen, Konsistenzen ist nicht umsonst der erste Sinn, der sich beim Menschen entwickelt. Er ist für unsere Menschwerdung zentral. Dazu gehört unsere Greifhand mit ihrem Präzisionsgriff, ohne den die gesamten kulturellen Entwicklungen der Menschheit undenkbar gewesen wären. Von verschiedenen Zentren des Gehirns koordiniert gesteuert, brauchte es etwa einen enormen Lernprozess, bis wir Menschen einen Hobel erfinden und entwickeln, von Hand führen und erfolgreich einsetzen konnten. Diese Vorgänge des Mit-der-Hand-Erlernens bedingen ein wiederholtes, beharrliches Üben bis zur Erwerbung gesicherter Kompetenz. Der Soziologe Hartmut Rosa würde eine solche Aneignung als «Anverwandlung» von Welt beschreiben, wodurch Selbstwirksamkeit erzeugt wird, die letztlich zu einer gelingenden Weltbeziehung führt. 1
Deshalb ist gerade für Kinder und Jugendliche die leibliche Erfahrung der Dinge, das gezielte konkrete Ertasten, Anfassen und Erfassen der stofflichen Welt und dazugehörige reale werkende, kreative Tätigkeiten entwicklungspsychologisch gesehen elementar – angefangen bei der mit Hand, Schaufel und Eimerchen selbstgebauten Strandburg am Meer, welche den Wellen auf Dauer nicht Stand hält. Ein Holzklotz kann widerspenstig und herausfordernd in der Bearbeitung sein – umso befriedigender ist es für einen Jugendlichen, daraus eine Schale, ein Holztier oder einen brauchbaren Löffel geschnitzt zu haben. Durch die selbständige Herstellung erhält das Werkstück für den herstellenden jungen Menschen, der Material und Werkzeuge gemeistert hat, einen ganz besonderen Wert.2
«Unser Tastsinn ist nicht umsonst der erste Sinn, der sich beim Menschen entwickelt. Er ist für unsere Menschwerdung zentral.»
Auch der mühsame Prozess des Erlernens der Handschrift, der mehr als nur die Feinmotorik eines Kindes stärkt, gehört hierzu. Gerade diese analogen Weltbegegnungen lassen einen eigenständigen Standpunkt gegenüber und sinnvollen Umgang mit digitalen Medien und Welten erlernbar werden und machen ein Verständnis dafür erfahrbar, «was die Welt im Innersten zusammenhält», wie es einst Goethe in «Faust» formulierte.
Fehlende Empathie
Mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) hat die digitale Transformation unserer Lebenswelten nun eine weitere, rasante Beschleunigung erfahren. Zur «Maschinisierung der Handarbeit» ist mit den Worten des Philosophen Gernot Böhme die «Maschinisierung der intellektuellen Tätigkeit» hinzugekommen. 3 Wie einst bei der Einführung des Computer Aided Design (CAD) in der Architektur in den 1980er-Jahren, bei der davon geschwärmt wurde, dass der Computer in Zukunft nicht nur das Erstellen von Plänen, sondern zugleich die kreative Arbeit übernehmen werde, herrscht auch heute weitverbreitete Machbarkeitseuphorie bezüglich KI. Das World Economic Forum verkündete 2016 sogar grossspurig die «vierte industrielle Revolution», mit welcher endlich alle Menschheitsprobleme wie Hunger, Armut, Krieg, Ausbeutung und schwere Krankheiten gelöst werden könnten. Von einem solchen Paradies sind wir jedoch weit entfernt, während High-Tech-Firmen zu finanzstarken Giganten angewachsen sind und inzwischen auch öffentlich in der Politik mitmischen.
Um die CAD-Utopie ist es relativ schnell wieder still geworden. CAD ist ein hilfreiches Werkzeug, das vor allem den Beruf des Bauzeichners zwar verändert, aber keineswegs obsolet gemacht hat und Architekten nach wie vor zu Skizzenrollen und gespitztem, weichem Bleistift greifen lässt. Was es braucht, ist ein lebensdienliches Zusammenspiel zwischen Handwerklichkeit und digitalen Möglichkeiten.
Zwar kann der Computer wesentlich schneller als wir Menschen rechnen, Muster erkennen, Daten verarbeiten. Aber er kann nur mit dem arbeiten, was vom Menschen eingespeist wurde. Dabei bleibt die Arbeit der Algorithmen höchst intransparent. Indem wir wesentliche Aspekte unseres Menschseins – selbständiges Handeln, Machen und Denken – zunehmend an den Computer delegieren, machen wir uns in hohem Masse abhängig und werden manipulierbar.
«Ein Holzklotz kann widerspenstig und herausfordernd in der Bearbeitung sein – umso befriedigender ist es für einen Jugendlichen, daraus eine Schale, ein Holztier oder einen brauchbaren Löffel geschnitzt zu haben.»
Eine Maschine hat keinen eigenen Willen, kein Bewusstsein, kann nicht in eine zwischenmenschliche Beziehung treten; sie kann eine solche höchstens vortäuschen. Wir Menschen aber sind soziale Wesen, angewiesen auf den anderen und dessen Redlichkeit. 4 Lebenswichtige Entscheidungen können und dürfen wir deshalb nicht an einen seelenlosen Computer übergeben. Allem voran in der Humanmedizin und der Fürsorge bedarf es für Entscheide zur Behandlung und Betreuung von Menschen zwingend der Fähigkeit zur Empathie. Computern – Maschinen ohne Bewusstsein – fehlt diese. Hierzu braucht es die eigene, leibliche, also seelisch-geistig-körperliche Erfahrung.
Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, 2016. ↩
Jochen Krautz: Gestaltendes Werken. Zur Aktualität einer Aufgabe des Kunstunterrichts. In: Imago. Zeitschrift für Kunstpädagogik, Heft 15/2022, S. 32‒36. ↩
Gernot Böhme (Hrsg.): Analoge Kompetenzen im digitalen Zeitalter. Wbg Academic, 2022. ↩
Thomas Fuchs: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie. Suhrkamp, 2020. Giovanni Maio: Ethik der Verletzlichkeit. Herder, 2024. ↩