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Mitgliedschaft in der Zunft war Pflicht, die Betriebsgrösse vorgeschrieben: Der Weg zur Gewerbefreiheit im Handwerk war lang

Die Geschichte des Handwerks in der Schweiz ist von Innovation ebenso geprägt wie von ihren Einschränkungen. Solide Handarbeit bleibt aber gefragt – wenn sie sich an den technischen Fortschritt und den Strukturwandel anpasst

Mitgliedschaft in der Zunft war Pflicht, die Betriebsgrösse vorgeschrieben: Der Weg zur Gewerbefreiheit im Handwerk war lang
Handwerkliche Tätigkeiten von Frauen waren lange kaum sichtbar. Foto um 1970 von Erika Wetter, Tante der Autorin, in ihrer Buchbinderwerkstatt in Zürich an der Napfgasse. Erika Wetter war die erste Buchbindermeisterin in Zürichs Buchbinderzunft. Bild: zvg.

I. Der Aufstieg des Handwerks

Archäologische Funde zeigen, dass sich Menschen im Gebiet der heutigen Schweiz bereits in prähistorischer Zeit handwerklich betätigt haben. In römischer Zeit nahm das Angebot an Handwerken zu.

Mit den Stadtgründungen ab dem 12. Jahrhundert bot die ummauerte Stadt auch den Handwerkern Schutz. Die Handwerker prägten das Stadtbild durch eine gassenweise Ansiedlung ihres Berufsstandes, wie zum Beispiel die Gerber-, Schmied- oder Pfistergassen. Handwerker wurden zur zweiten innovativen Berufsgruppe hinter den Kaufleuten. Der Stadtrat und die Bürgergemeinde regelten das Marktleben: Handwerker verkauften ihre Produkte in der Markthalle beim Rathaus oder in der eigenen Werkstatt, und das bäuerliche Umland kaufte bei ihnen ein.

Hauptzweige waren Nahrungsmittel-, Textil-, Bau- und Metallhandwerke. Exporthandwerke entstanden in Freiburg (Wolle), Zürich (Seide), Bern (Lederwaren) und Luzern (Sensen). Die Exporte gingen auf die Märkte verbündeter Städte.

Ab dem 14. Jahrhundert begannen sich die Handwerker in Zünften zu organisieren. Sie bestimmten nun in Politik und Wirtschaft mit: in Zunftstädten über die Zunft, in patrizischen Städten dank bürgerlichem Ratssitz. Die Mitgliedschaft in einer Zunft wurde für Handwerker obligatorisch.

Diese Entwicklung betraf nur die deutschsprachige Schweiz, die unter dem Einfluss der Zunftbewegung in Deutschland stand. Im Ancien Régime verlor das Handwerk die führende Rolle, blieb aber selbst in den patrizischen Orten die bestorganisierte Berufsgruppe. Spätmittelalterliche Bruderschaften in der West- und Südschweiz erlangten weder politisches noch wirtschaftliches Gewicht.

II. Krisen treiben die Regulierung voran

Der teils starke Ausbau von Stadtterritorien wie vor allem Bern führte zur «Krise der Stadtwirtschaft». Luzern, Zürich, Bern und Freiburg suchten ihr Monopol mit der Abschaffung von Handwerk und Märkten auf dem Land zu sichern. Derweil kam es im Stadthandwerk zu Spannungen: Im Schatten von Grossbetrieben mit vielen Gesellen, Lehrlingen und Hilfskräften litten «arme» Meister unter Auftragsmangel. Sie forderten wie die religiös-soziale Bewegung der Reichsstädte die «gerechte» Verteilung von Lasten, Arbeit und Einkommen.

Basel, Zürich und Luzern trieben im 15. Jahrhundert die Regulierung voran, die meisten Städte folgten ab den 1560er-Jahren. Die Kombination von Handwerk und Handel wurde verboten, Händler durften nicht produzieren, Handwerker nur eigene Produkte verkaufen. Verboten war auch die Geschäfts- oder Werkstattgemeinschaft zweier Meister, selbst von Vater und Sohn. Der Kleinbetrieb mit drei bis vier «Stühlen» (Arbeitsplätzen) war Vorschrift und die Werkstoffe wurden mengenmässig beschränkt, zum Beispiel das Getreide beim Beck, die Schlachttiere in der Metzg oder die Häute in der Gerbi. Zünftige Meister wurden privilegiert, Konkurrenten verfolgt. Jedes Handwerk musste sein vom Rat bestätigtes Berufsreglement, die «Handwerksordnung», haben. In der Westschweiz kamen Zünfte und geregelte Stadthandwerke erst im 16. Jahrhundert auf und blieben wenig bekannt. Im Tessin blieb das einheimische Handwerk unreguliert.

Doch auch starke Regulierung konnte die «gerechte» Ordnung nicht erzwingen. Weiterhin gab es «reiche» Handwerke mit Rohstoffhandel wie Gerber, Färber und Müller und «arme überfüllte» (mit vielen Anbietern) wie Schneider, Schuhmacher und Weber. Im Zuge des Aufschwungs ab 1620 kamen die Manufaktur und textile Verlage als Konkurrenz zum Handwerk auf. Die alten Berufe des Waffenhandwerks wurden von technisch modernisierten verdrängt, so wie die Pergamenthersteller von den Papierern. Berufe wie Hosen- und Strumpfstricker (Lismer) zogen in die Dörfer ein.

Die «Handwerksordnung» regelte auch die Ausbildung mit Lehre und Wanderschaft. Lehrlinge wurden offiziell vor der Meisterschaft zur Lehre «aufgedingt». Dagegen gehörten Lehrgeld, Lehrdauer, Kost und Logis beim Meister zum privaten Lehrvertrag (Akkord). Nach der zwei- bis vierjährigen Lehre wurden sie von ihren Meistern als «Gesellen» in die Wanderschaft entlassen. Für die Aufnahme in die Meisterschaft als selbstständige Handwerksmeister wurde die mehrjährige Wanderschaft Pflicht.

«Im Schatten von Grossbetrieben mit vielen Gesellen, Lehrlingen und Hilfskräften litten «arme» Meister unter Auftragsmangel. Sie forderten die «gerechte» Verteilung von Lasten, Arbeit und Einkommen.»

Der Ausbildungszwang sollte die Konkurrenz zurückbinden. In Krisen beschränkte man jedoch den Lehrlingsnachwuchs, verlängerte die Ausbildung, verteuerte und erschwerte die Aufnahme in den Meisterstand. Meisterssöhne wurden bevorzugt, Fremde ausgeschlossen.

III. Konkurrenz vom Land

Auf dem Land existierte im Spätmittelalter das Handwerk nur als Nebenbeschäftigung der Landwirte mit der Produktion im eigenen Haus. Bei wachsender Bevölkerung machten Bauernsöhne handwerkliche Tätigkeiten zum Beruf als Schneider, Schuhmacher, Bauhandwerker und Weber, ab 1550 dann auch als Schmied, Seiler, Wagner, Sattler und Küfer. Als die Vertreter dieser Berufe in der Rezession Konkurrenzschutz forderten, zwangen Zürich und Schaffhausen die Landmeister, die Mitgliedschaft in der Stadtzunft zu erwerben. In patrizischen Orten übernahmen Landzünfte die Handwerksordnungen der Stadtzünfte.

Auf dem Land gab es ausgebildete, organisierte Landmeister, aber auch viele Angelernte (Stümper, Fretter, Pfuscher). «Stümper» waren Tagelöhner, die auf den Höfen doppelberuflich arbeiteten, billig waren und von handwerklicher Flickarbeit lebten. Landweber arbeiteten auch als «Heimarbeiter» für Verleger.

Landhandwerker waren Selbstversorger, die daheim Gemüse anbauten und als Bürger die Allmende (Holz, Weide, Pflanzland) nutzten. Obrigkeitliche Preis- und Lohntarife waren daher tiefer. Die Kunden bevorzugten allgemein die «Störarbeit», bei welcher der Handwerker zum «kleinen Taglohn» im Haus des Kunden arbeitete. Der Werkstattbesuch beim zünftigen Meister im Dorf war teurer und daher unbeliebter. Die Zunft musste Störarbeit beim Landhandwerk dulden.

Die Handwerkszünfte hatten eine grosse wirtschaftliche und politische Bedeutung. Diese Zunftscheibe der Schneiderzunft von Basel von 1554 ist im Historischen Museum Basel zu sehen. Bild: Historisches Lexikon der Schweiz.

«Bürgerliche Handwerke» wie Weissgerber, Gold- und Silberschmiede setzten auf dem Territorium der Zunft- und Patrizierstädte ihr Monopol durch und blockierten Rohstoffexporte aufs Land. Gegen die «Unterdrückung» des Landhandwerks durch die Stadt gab es 1790 in Schaffhauser Dörfern und 1794 am Zürichsee «Revolten».

IV. Die verschwiegene Rolle der Frauen

Im Bauernstand durften Witwen den Hof führen, und in der Stadt arbeiteten Frauen in Textilhandwerken. Doch mit der «Handwerksordnung» wurde das alleinige Recht des Mannes in der «Meisterschaft» festgeschrieben. Ab der Krise der 1690er-Jahre führten gedrückte Preise und Löhne im Handwerk zur Verarmung, die Betriebe wurden kleiner und fremde Gesellen fehlten auch in der Stadt.

Die «Handwerksordnungen» verschweigen die Mitarbeit der Ehefrau und der Kinder als Lehrlinge und Gesellen. In den «armen» Handwerken wurde die Werkstatt zum «Familienbetrieb». Söhne wurden als billige Arbeitskraft ausgenützt; die Töchter arbeiteten ohne Lehrlingsstatus, selbstständige Arbeit war ihnen verboten. Die Internationalität des Handwerks war verschwunden. Wanderlust war Unlust gewichen aus Angst vor Konkurrenz durch Fremde.

V. Existenzsorgen im 18. Jahrhundert

Handwerker auf dem Land absolvierten die gleiche Ausbildung wie Städter, arbeiteten aber zu tieferen Löhnen und Preisen und bei schlechterer Auftragslage, was sie oft zum Wegzug in die Stadt trieb. Die Städte schotteten sich ab, das Bürgerrecht wurde erschwert. Für besser bezahlte «Stadtarbeit» liessen sich Landhandwerker um die Städte nieder, wobei sie einzig Aufträge ausführen durften, die ihnen Stadtkunden in ihre Dorfwerkstatt trugen.

«Söhne wurden als billige Arbeitskraft ausgenützt; die Töchter arbeiteten ohne Lehrlingsstatus, selbstständige Arbeit war ihnen verboten.»

Stadtmeister plagten die Landmeister mit Monopolen, waren aber ebenfalls auf zusätzliches Einkommen angewiesen: auf Ämtchen in der Stadtverwaltung und auf den «Bürgernutzen» (Nutzungsrechte der Bürger an städtischen Wäldern, Weiden und Pflanzland). Höchstens «bürgerliche Handwerke» sowie Müller, Wirte und Schmiede waren von Existenzsorgen befreit. Im 18. Jahrhundert war das Standesbewusstsein zünftiger Meister zum Standesdünkel verkommen.

VI. Industrialisierung und Strukturwandel

1798 proklamierte die «Helvetische Republik» die Gewerbefreiheit und hob den Zunftzwang auf. In der neuen Konkurrenzsituation wünschten die meisten Handwerker wieder eine «Ordnung». Zürich, Basel, Schaffhausen und Solothurn setzten die Zünfte wieder ein. Zunächst erhielt sich die Gewerbefreiheit zwar weitgehend. Doch mit der Industrialisierung begann der Kampf um die Regulierung der Berufe von neuem.

Ab den 1830er-Jahren forderten lokale Handwerks- und Gewerbevereine eine «Ordnung ohne Zunft», dafür mit Schutzzöllen. Das Handwerk blieb so Restriktionen unterworfen. Erst mit Einführung der Gewerbefreiheit in der Bundesverfassung von 1874, mit der Gründung des Schweizerischen Gewerbeverbands 1879 und nach der Wirtschaftskrise von 1873‒1895 begann sich das Metier zu verändern. Das Handwerk verband sich mit dem Gewerbe (Detailhandel, Gastgewerbe oder Dienstleister). Es entstanden Berufsverbände, freie Fachvereine und Selbsthilfeorganisationen wie Einkaufs- und Handelsgenossenschaften, Treuhand-, Buchhaltungs- und Betriebsberatungsstellen, Ausgleichs- und Krankenkassen.

Auch die Ausbildung wurde reformiert und der Grundstein für das duale Bildungssystem gelegt: Ausbildung an der Handwerker-Fortbildungsschule und im Betrieb, ergänzt durch Einführungskurse (ab 1980 obligatorisch) und Weiterbildung im Beruf (Meisterdiplom) und später an Fachhochschulen.

Erfolglos blieben Forderungen in Krisen nach berufsständischer Ordnung (1933‒1935) und staatlichem Schutz mit Fähigkeitsausweis (1954). Das Handwerk in der Schweiz blieb dereguliert, ohne Konkurrenzschutz, ohne Zwangsorganisation, ohne Beschränkung der selbstständigen Berufsausübung (kein Meisterzwang). Dies im Unterschied zur organisierten Handwerkerschaft Deutschlands, die sich ab den 1870er-Jahren die Erneuerung von Korporationen und Konkurrenzschutz erkämpfte.

«Im 18. Jahrhundert war das Standesbewusstsein zünftiger Meister zum Standesdünkel verkommen.»

Mit der Industrialisierung wurde ab 1820 die Fabrik dank Maschinen leistungsstärker und ihre Produkte billiger und modischer. Begehrte Fabrikware und Ladengeschäfte entzogen dem Handwerk die Arbeit: Der Anteil der Handwerker an der Bevölkerung sank zwischen 1888 und 1920 von 10,7 auf 8,4 Prozent. Mit dem Strukturwandel ab 1895 verschwanden alte Handwerksberufe, wurden von der Industrie aufgesogen oder zu Flickberufen wie Schuhmacher und Uhrmacher. Gleichzeitig schufen Industrie und Dienstleister viele neue Handwerksberufe.

Der Aufschwung ab 1950 belebte auch das Handwerk und gab Frauen mehr Erwerbsmöglichkeiten. Der Übergang von Handwerk und Gewerbe zum Fabrikbetrieb und Grossverteiler wurde fliessend.

Handwerksberufe verteilen sich heute auf vielerlei Sektoren, doch sind sie alle vom Bedeutungsverlust des produzierenden Gewerbes sowie vom Wachstum des Dienstleistungssektors betroffen. Überall entscheiden ständiger Strukturwandel und Anpassung an den technischen Fortschritt über den wirtschaftlichen Erfolg. Solides Handwerk bleibt aber gerade in bewegten Zeiten gefragt. Eine handwerkliche Berufslehre samt Weiterbildung hat deshalb auch in Zukunft gute Erfolgsaussichten am Markt.

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Das Licht brennt, das Gebäude steht, das Auto läuft wieder: Manuelle Arbeit hat etwas Befriedigendes. Bild: Keystone / Ennio Leanza
Resultate statt Identitätskrise

Ich wuchs in einer Sekte auf. Mein Job als Hilfselektriker lehrte mich, Verantwortung zu übernehmen. Die Klarheit des Tuns führt zu einer Klarheit des Denkens.

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