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«Der Gang beeinflusst das Selbstwertgefühl»

Schuhmacherin Cleo Krebs repariert täglich Louboutins, rahmengenähte Herrenschuhe und liebgewonnene Alltagstreter – und kämpft dabei gegen das schleichende Ende eines jahrhundertealten Berufs.

«Der Gang beeinflusst das Selbstwertgefühl»
Cleo Krebs, Bild: Fabian Gull.

Seit drei Jahren ist der zweite Stock am Zürcher Rennweg 29 das kleine Reich von Cleo Krebs. Hier, über dem traditionsreichen Schuhhaus Schulthess, das schon seit 1882 an dieser Adresse residiert, riecht es nach Leder, Leim und Nostalgie. Wo früher auf fünf Etagen geklopft, genagelt und genäht wurde, bleibt heute nur noch ein einziger Werkstattraum übrig, in dem die alte Handwerkskunst noch weiterleben darf. Der Grossteil des Familienbetriebs in fünfter Generation ist dem Verkauf von Schuhen gewidmet. An der Wand sehe ich einen Aushang: Schuhmacher/-in gesucht.

Jeden Tag erledigt die 31-jährige Schuhmacherin zwischen elf und fünfzehn Reparaturen, etwa an eleganten Louboutin-Stilettos (die mit der roten Ledersohle, bekannt aus «Sex and the City») oder an rahmengenähten Herrenschuhen. Und nicht zu vergessen all die liebgewonnenen Fussbekleidungen, von denen sich ihre Besitzer partout nicht trennen wollen – selbst wenn die Reparatur viel teurer ist als neue Schuhe.

Dass sie einmal mit Leder arbeiten würde, war nicht von Anfang an klar. Denn als Jugendliche wusste sie vor allem, welches Material sie nicht bearbeiten wollte: Metall («wegen des Geruchs und der Geräusche»). Nach einem Jahr in England begann sie mit 16 Jahren ihre Lehre bei der Zürcher Schuhmacherin Eva Kirchhofer – und merkte sofort, dass es passte. Ihre Lehrmeisterin habe ihr auch als Person zu dieser Zeit sehr gutgetan.

Nach der Lehre liess sich Krebs in das Kunsthandwerk der von Hand (also komplett ohne Maschinen) und auf Mass angefertigten Leistenschuhe einführen (Kostenpunkt: 4000 Franken aufwärts). Ob es dieses Handwerk in der Schweiz noch gebe, will ich wissen. «Kennst du jemanden, der solche Schuhe trägt?», fragt sie keck zurück. Eine rhetorische Frage. Immerhin, in Südeuropa, England, aber auch in Österreich oder Ungarn sei das zeitintensive Handwerk noch präsent. Männern attestiert sie ein höheres Qualitätsbewusstsein als Frauen. Ihre Theorie: «Das hat sicher damit zu tun, dass die meisten Herren nicht so gerne einkaufen gehen.»

«Viele reden zwar von Umweltbewusstsein. Aber den wahren Wert des Handwerks kennen nur noch wenige.» – Krebs

Nach einer Zeit als Schuhverkäuferin folgten fünf Jahre als Schuhmacherin am Zürcher Opernhaus, wo sie viele ausgefallene, aber weniger langlebige Schuhe fertigte. Schuhmacher können sich im Bereich Mode, Orthopädie oder Prothetik spezialisieren, wobei Letzteres von der Krankenkasse vergütet wird. Krebs zieht es nicht dorthin: «Ich finde es auch gut, bei dem zu bleiben, was man gelernt hat», zitiert sie ihre Schusterkollegen sinngemäss.

Überleben in der Nische

Krebs hat auch «megagärn» Kundenkontakt. Sie geniesst es, gerade einer älteren Kundschaft bei deren Problemen und Wünschen behilflich zu sein. Ob Hallux-, Hammer- oder Reiterzehen, ein passender Schuh findet sich immer. Die Stammkundschaft ist gross, aber auch viele der schicken Boutiquen in der Nähe leiten ihre Kunden an Krebs weiter. Die passionierte Flohmarktgängerin hält Schuhe für mehr als nur funktionale Gegenstände: «Der Gang, das Gehgefühl, die Eleganz der Erscheinung und Fortbewegung beeinflussen auch das Selbstwertgefühl.»

Nachhaltigkeit ist der reflektierten Zürcherin, die sich viele Gedanken zu Kreisläufen und Konsumverhalten macht, sehr wichtig. Die Ironie der Geschichte: Obwohl Nachhaltigkeit in aller Munde ist, ist ihr Berufsstand akut vom Aussterben bedroht. «Viele reden zwar von Umweltbewusstsein. Aber den wahren Wert des Handwerks kennen nur noch wenige», sagt Krebs. Landesweit gibt es zurzeit bei den normalen Schuhmachern nur einen Lehrling. Etwas besser schaut es bei den Orthopädieschuhmachern aus.

Auch Krebs’ Arbeitskollegin wird Ende Woche den Beruf verlassen und sich einer sozialen Arbeit widmen. Die Suche nach Ersatz läuft im ganzen deutschsprachigen Raum. Manchmal müsse sie aufpassen, dass sie nicht zu negativ denke. Doch dann vergegenwärtige sie sich all die Krisen und Katastrophen, die das 1886 gegründete Schuhhaus Schulthess bereits überlebt habe. «Dann geht es mir wieder besser.»

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Das Licht brennt, das Gebäude steht, das Auto läuft wieder: Manuelle Arbeit hat etwas Befriedigendes. Bild: Keystone / Ennio Leanza
Resultate statt Identitätskrise

Ich wuchs in einer Sekte auf. Mein Job als Hilfselektriker lehrte mich, Verantwortung zu übernehmen. Die Klarheit des Tuns führt zu einer Klarheit des Denkens.

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