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Duale Bildung: Einst aus der Not geboren – heute ein Erfolgsmodell

Lehrlinge haben sich von konformistischen Produktionsfaktoren zu selbstbestimmten, aktiven Lernenden entwickelt. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Am Anfang stand der Zusammenbruch des Zunftsystems.

Duale Bildung: Einst aus der Not geboren – heute ein Erfolgsmodell
Einreichung der Lehrlingspetition vor dem Bundeshaus in Bern im Jahr 1993. Bild: Schweizerisches Sozialarchiv (Patrick Monnin)

Die Anfänge der dualen Berufsbildung sind in der Schweiz auf Ende des 19. Jahrhunderts zu datieren. Bedingt durch eine zunehmende Mechanisierung und das Aufkommen von industriellen Fertigungsstätten brach das Zunftsystem im 18. Jahrhundert ein. Es kam sogar zu einer Handwerkskrise. Klassisch handwerkliche Arbeiten, etwa im Textilbereich, wurden nun zunehmend von Maschinen ausgeführt. Handwerkliche Betriebe gerieten unter Druck, konnte doch in den neu geschaffenen Fertigungsstätten günstiger und effizienter produziert werden. Zudem waren die Ausbildungen in den Zünften hochselektiv und nur einem kleinen Kreis von Handwerkersöhnen und Knaben aus wohlhabenderen Familien vorbehalten. Dies brachte mit sich, dass das Handwerkswesen nur langsam wachsen konnte.

Das duale System entstand somit aus einer Not heraus. Die Berufsausbildung sollte verbessert und das Gewerbe und Handwerk gefördert werden. Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte wurde das System durch zahlreiche Modernisierungen weiterentwickelt und gestärkt.

Die Forderung nach einer fundierten, die betriebliche Ausbildung ergänzenden schulischen Komponente zog ab 1750 die Einführung erster Zeichenschulen nach sich. Hier wurden Lehrlinge und Fachkräfte in handwerklich-künstlerischen Berufen in Fächern wie Geometrie oder freier Handzeichnung unterrichtet. Ab 1850 wurden allgemeine Fortbildungsschulen, die der Repetition und Festigung allgemeinbildender Inhalte dienten, gegründet. Später kamen auch berufsorientierte Schulen auf, beispielsweise kaufmännische, gewerbliche sowie landwirtschaftliche Schulen.

«Die Ausbildungen in den Zünften hochselektiv und nur einem kleinen Kreis von Handwerkersöhnen und Knaben aus wohlhabenderen Familien vorbehalten. Dies brachte mit sich, dass das Handwerkswesen nur langsam wachsen konnte.»

Zum Teil wurden Schulen von Handwerkervereinen für angehende Handwerker eingerichtet, in denen ihnen Kenntnisse in Rechtschreibung, Rechnen oder Buchführung vermittelt wurden. Ab 1890 folgten Lehrlingsschutzgesetze, bis im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts dann neben der betrieblichen Ausbildung auch der Schulbesuch für Lehrlinge als obligatorisch festgelegt wurde.

Patriarchale Ausbildungsstrukturen

Ein Blick zurück auf die Jahre ab 1950 zeigt ein Bild von konformistischen und arbeitseifrigen jungen Erwachsenen. Lernende in beruflicher Ausbildung wurden damals noch als «Lehrlinge» bezeichnet. Sie hatten sich widerstandslos der Autorität ihres Lehrmeisters sowie häufig ihrer Väter zu unterstellen und die an sie gerichteten Arbeitsaufträge mit Fleiss, Gehorsam und Pflichtbewusstsein auszuführen. Sie waren zu diesem Zeitpunkt weit weg von den heutigen, eigenverantwortlichen Lernenden, sondern waren eher Produktionsfaktoren, welche die meiste Zeit in betrieblicher Ausbildung verbrachten.

Mit dem Übergang in die 1960er-Jahre wurden Lehrlinge in der Gesellschaft zunehmend als normale Jugendliche mit eigenen Neugierden, Sorgen und Bedürfnissen und einem Unterstützungsbedarf in ihrer physischen und psychischen Entwicklung betrachtet. Ihre veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung ging mit Reformprozessen wie beispielsweise einer Revision des als veraltet kritisierten Bundesgesetzes über die berufliche Ausbildung von 1930 und einem aufkommenden Lehrlingsmangel einher. Gegenüber den gleichaltrigen Mittelschülern, die nicht arbeiten mussten, aber Sportunterricht und 13 Wochen Ferien bekamen, wurden sie als benachteiligt betrachtet. Schon bald wurden auch für sie Turn- und Lebenskundeunterricht eingeführt.

Lehrlinge gehen auf die Barrikaden

In den späten 1960er-Jahren veränderte sich das gesellschaftliche Bild hin zu reformfreudigen, aufgebrachten und wütenden Lehrlingen, die ihre Bedürfnisse und Missstände in der Ausbildung öffentlich äusserten. Zum Beispiel in Zeitungen oder im Rahmen von Lehrlingsprotesten. Zweitgenannte entwickelten sich neben starken Reformimpulsen, die in den 1968er-Jahren von Studierendenbewegungen ausgingen. Beispielsweise protestierte 1970 eine Gruppe von Radioelektrikerlehrlingen in Basel gegen Missstände in ihrer Ausbildung. Sie kritisierten die abfällige Umgangsform ihrer Lehrmeister oder die Übernahme häufiger Hilfstätigkeiten, wie etwa Lager- oder Reinigungsarbeiten.

Es war keine Seltenheit, dass sich Lehrlinge zu Ende der 1960er-Jahre gegen ihre Lehrmeister auflehnten, Allgemeinbildung und generell bessere Ausbildungsbedingungen einforderten. Im Verlauf der weiteren Jahre werden die schulischen Ausbildungsanteile gestärkt und Lehrlinge entwickeln sich von arbeitenden stärker zu lernenden Jugendlichen. 1

Heute sind Lernende, wie sie seit der letzten Gesetzesrevision genannt werden, digitalkompetente, selbstbewusste und aktive Mitgestaltende ihrer Ausbildung. So werden im neuen Rahmenlehrplan für den allgemeinbildenden Unterricht das Verantwortungsbewusstsein und die Selbstständigkeit Lernender stark betont. Seit einiger Zeit erhalten Lernende, je nach beruflicher Ausbildung, auch mehr oder weniger Unterstützung durch künstliche Intelligenz oder erproben zum Teil in virtuellen Lernumgebungen gefährliche oder sensitive Arbeitsschritte.

«Es war keine Seltenheit, dass sich Lehrlinge zu Ende der 1960er-Jahre gegen ihre Lehrmeister auflehnten, Allgemeinbildung und generell bessere Ausbildungsbedingungen einforderten.»

An der Weltspitze

Die gesellschaftliche Sichtbarkeit und Anerkennung von Lernenden ist auch durch die Berufsweltmeisterschaften gestärkt worden. Im Rahmen der letzten WorldSkills 2024 in Lyon erzielten Schweizer Lernende insgesamt 15 Medaillen – darunter sieben goldene. Seit Jahren belegt die Schweiz Spitzenplätze in diesem Wettbewerb – und brilliert mitunter auch in traditionellen handwerklichen Lehrberufen wie etwa Zimmermann/Zimmerin, Steinmetz/-in oder Schreiner/-in.

Über Herausforderungen, welche Lernenden in der Vereinbarkeit von schulischer Bildung und betrieblicher Praxis begegnen, ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Dies dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass akademische Ausbildungen gesellschaftlich nach wie vor mehr Prestige geniessen als berufliche Ausbildungen im dualen System.

Auch sind viele handwerkliche Kleinstberufe, wie Korb- und Flechtwerkgestalter/-in, Silberschmied/-in oder Vergolder/-in-Einrahmer/-in, wenig bekannt. Es ist höchste Zeit für eine intensivere öffentliche Auseinandersetzung mit Lernenden, ihrem Ausbildungsalltag sowie den Berufsbildern der dualen Ausbildung.

  1. Es handelt sich hierbei um Erkenntnisse einer Studie, die von der Autorin im Rahmen ihrer Dissertation durchgeführt wurde und in Kürze in folgendem Werk vollumfänglich nachgelesen werden können ‒ https://www.chronos-verlag.ch/node/28849.

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Das Licht brennt, das Gebäude steht, das Auto läuft wieder: Manuelle Arbeit hat etwas Befriedigendes. Bild: Keystone / Ennio Leanza
Resultate statt Identitätskrise

Ich wuchs in einer Sekte auf. Mein Job als Hilfselektriker lehrte mich, Verantwortung zu übernehmen. Die Klarheit des Tuns führt zu einer Klarheit des Denkens.

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