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Damit Kinder ihr Potenzial ausschöpfen, müssen alle am gleichen Strick ziehen

Wenn Migrantenkinder in der Schule auffallen, sehen viele die Schule in der Verantwortung. Doch die Probleme beginnen oft schon in der Familie.

Damit Kinder ihr Potenzial ausschöpfen, müssen alle am gleichen Strick ziehen
Nathalie Meyer vor einer Primarschulklasse in Aesch, zvg.

Seit 35 Jahren unterrichte ich an einer Primarschule in Baselland. Der Kanton bietet neben Regelklassen auch Kleinklassen an. Nach zwei Jahren im Kindergarten und sechs Jahren in der Primarschule wechseln die Kinder auf Empfehlung der Klassenlehrperson ins allgemeine, erweiterte oder progymnasiale Niveau der Sekundarschule. Alternativ können die Eltern eine Übertrittsprüfung für ihr Kind beantragen. Auch in der Sekundarschule gibt es klasseninternen Förderunterricht sowie Kleinklassen für Schülerinnen und Schüler mit besonderen sozialen oder intellektuellen Bedürfnissen.

Knapp 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben in Baselbieter obligatorischen Schulen keine schweizerische Staatsbürgerschaft. In der Sekundarstufe II sind es noch rund 25 Prozent.

Zum Umgang mit Migration und Schule haben viele eine klare Meinung. Häufig höre ich, dass «die Schule das schon richtet», wenn Kinder mit Migrationshintergrund auffallen. Dabei erleben wir in der Primarschule ebenso Kinder ohne Migrationshintergrund, die Schwierigkeiten beim Textverständnis haben oder sozial auffällig sind. Schülerinnen und Schüler verbringen nur wenige Stunden pro Tag in der Schule – ihr sozioökonomisches Umfeld hat einen grösseren Einfluss.

Lehrer übernehmen Erziehungsaufgaben

In der Primarschule lernen Kinder aller Niveaus gemeinsam – dies im Gegensatz zur Sekundarschule. Wir Primarlehrpersonen sind Meisterinnen und Meister im Individualisieren, unterrichten in einer Klasse mit verschiedenen Unterrichtslevels, damit alle Schülerinnen und Schüler bestmöglich gefördert und gefordert werden können. Dazu übernehmen wir erzieherische Aufgaben und arbeiten eng mit den Eltern zusammen. Das sprichwörtliche «Dorf», das es braucht, um ein Kind zu erziehen, besteht somit zu einem wesentlichen Teil aus der Primarschule – und dieses System funktioniert gut.

«Häufig höre ich, ‹dass die Schule das schon richtet›, wenn Kinder mit Migrationshintergrund auffallen.»

Mit etwa 13 Jahren sind viele Jugendliche bereit, neue Wege zu gehen. Der Wechsel in die Sekundarschule kann helfen, eingefahrene Muster zu hinterfragen. In den Niveaukursen der Sekundarschule sind viele gleich starke Kinder in einer Klasse, hier können sie sich messen und weiterentwickeln. So entsteht neue Motivation: «Jetzt kann ich zeigen, was in mir steckt.» Meine Lehrerkolleginnen und -kollegen in der Sekundarschule unterstützen diese Leistungsbereitschaft und versetzen sehr gute Schülerinnen und Schüler tatsächlich in ein höheres Niveau.

Bewegung statt Bildschirm

Wenn alle Beteiligten – Kinder, Schule, Eltern, Betreuungspersonen, Sportvereine und Musikschulen – gemeinsam nach Lösungen suchen, können Kinder, mit oder ohne Migrationshintergrund, ihr Potenzial besser ausschöpfen.

Wir Primarlehrpersonen sehen jedoch häufig, dass in manchen Familien zu viel Verantwortung auf den Schultern der Mütter lastet. Sie arbeiten ausser Haus, kümmern sich um Haushalt und Verwandtschaft – und sollen nebenher noch ihre Kinder zum Lesen motivieren, oft bei laufendem Fernseher. Es dauert mitunter zwei Generationen, bis sich ein demokratisches Familienverständnis mit gerechter Aufgabenverteilung und angemessener Kinderbetreuung etabliert.

Externe Betreuungsplätze sind teuer. Förderangebote wie Psychomotorik oder psychologische Begleitung sind für viele Working-Poor-Eltern – insbesondere aus anderen Kulturen – organisatorisch schwer zugänglich oder schlicht unverständlich.

Manchmal überfordern auch unterschiedliche Lebensgewohnheiten die Kinder. Hausaufgaben in Ruhe und gut organisiert zu erledigen, ist nicht in allen Kulturen die Norm. Wir erwarten, dass Kinder zeitig ins Bett gehen, um im Unterricht wach und aufnahmefähig zu sein. Ein schwieriges Unterfangen, wenn Familien zu spät abends noch aktiv sind.

Die Schule sollte daher nicht nur Lernort, sondern auch ein Zentrum für sinnvolle Freizeitgestaltung mit Bewegungs- und Spielangeboten sein. Viele Gemeinden haben kaum noch Quartierspielplätze, und viele Kinder verbringen ihre Zeit vor Bildschirmen statt draussen. Ganztageskitas auf dem Schulareal – von 6 bis 18 Uhr, auch in den Ferien und kostenlos für Geringverdienende – könnten für manche Kinder eine Rettung sein.

Das schweizerische Bildungssystem ist durchlässig: Die Sekundarschule und die Berufslehre bieten vielfältige Anschlussmöglichkeiten – auch mit Berufsmatura oder «Passerelle». Studien zeigen zwar, dass Kinder ungleiche Startbedingungen haben. Doch meine Lebenserfahrung mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern bestätigt: Der Zug ist nach der 6. Klasse keineswegs abgefahren. Allerdings sind Stipendien für viele eine schwer überwindbare Hürde und können lernwillige Jugendliche ausbremsen.

Ein häufiger Stolperstein bei Kindern mit Migrationshintergrund ist die Sprache. Lediglich 62 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der obligatorischen Schule sprechen Deutsch als Hauptsprache. Sprachbarrieren erschweren das Lernen in allen Fächern. Mathematik ist längst nicht nur Arithmetik – anspruchsvolle Aufgabenstellungen stellen fremdsprachige Kinder oft vor grosse Herausforderungen. Hinzu kommt, dass Primarschulkinder noch nicht die nötige Reife besitzen, um selbstständig zu erkennen, ob sie einen Text richtig verstanden haben oder welche Schlüsselwörter ihnen beim Verständnis helfen könnten.

«Manchmal überfordern unterschiedliche Lebensgewohnheiten die Kinder. Hausaufgaben in Ruhe und gut organisiert zu erledigen, ist nicht in allen Kulturen die Norm.»

Die Beherrschung der deutschen Sprache ist ein zentraler Erfolgsfaktor für schulischen Erfolg. Deshalb legen wir Wert auf frühkindliche Sprachförderung bereits vor dem Kindergarten. Wir Lehrpersonen können gut einschätzen, ob ein Kind einfach noch Zeit braucht, um sprachlich aufzuholen, oder ob eine Leistungsgrenze erreicht ist. Ich habe in meiner Laufbahn auch Kinder mit aktuell zu tiefen Leistungen in ein höheres Sekundarschulniveau empfohlen – weil ihre intellektuellen Fähigkeiten und das unterstützende Umfeld dafürsprachen. Manche schafften es später sogar problemlos ins Gymnasium. Umgekehrt empfehle ich Kindern, die vernachlässigt werden oder in einer anregungsarmen Umgebung leben, mehr Zeit in einem passenden Niveau mit intensiver Begleitung – damit sie nicht überfordert werden. Auch solche Wege führen mit einem dualen und durchlässigen Bildungssystem zu erfolgreichen Bildungs- und Berufskarrieren.

Die Schule als «Dorf im Dorf»

Aktuell behandelt meine Klasse das Thema «Altes Rom». Wir sprechen darüber, wie die Römer halb Europa eroberten, und vergleichen das mit unserem bunten Pausenplatzalltag. Dabei erkennen die Kinder: Wir leben heute in einer vielfältigen, bunt durchmischten Gesellschaft, in der jeder Mensch seine Stärken und Schwächen leben darf – und friedlich mit anderen zusammenlebt. Kinder in der Schweiz haben aus allen Kulturen und unabhängig vom Ausbildungsstand der Eltern die Möglichkeit, beruflich erfolgreich zu sein.

«Die Beherrschung der deutschen Sprache ist ein zentraler Erfolgsfaktor für schulischen Erfolg.»

Die eigene Leistungsbereitschaft und die Chancen des dualen und durchlässigen Bildungssystems mit lebenslangen Weiterbildungsmodulen stehen bei uns allen offen. Unsere Gesellschaft hat die Verantwortung, die Schule stets weiterzudenken und ergänzende, niederschwellige Betreuungsangebote bereitzustellen, um Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, ihr Potenzial ausschöpfen zu können. So kann die Schule tatsächlich zu einem «Dorf im Dorf» werden.

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