Wer dazugehören will, muss die Regeln kennen. Doch was, wenn sie niemand erklärt?
Für viele Familien mit Migrationsgeschichte wird der Schulalltag zur Herausforderung. Nicht wegen mangelnder Motivation, sondern wegen fehlender Orientierung.
Als ich als Kind mit meiner Klasse zum ersten Mal in den Wald sollte, stellte meine Mutter viele Fragen: «Was genau sind Wanderschuhe? Reichen Turnschuhe? Und was sind Matschhosen?» Ich wusste es nicht und sie auch nicht. Ich erinnere mich daran, wie ich ohne Matschhose im Wald stand, natürlich an einem regnerischen Tag, während andere Kinder perfekt ausgestattet waren. Ich schämte mich, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte. Für meine Mutter, die in die Schweiz eingewandert war, war vieles unverständlich; nicht, weil sie sich nicht kümmerte, sondern weil ihr niemand erklärte, was hier als selbstverständlich galt.
Solche Erfahrungen sind keine Randnotizen. Sie zeigen exemplarisch, wie schwer zugänglich Schule für Familien mit Migrationsgeschichte sein kann. Ihnen fehlt nicht die Bildung oder das Interesse, sondern das kulturelle Betriebssystem, auf dem viele unausgesprochene Erwartungen beruhen. Die Schule verlangt Mitdenken, Mitverstehen, Mitorganisieren. Doch das gelingt nur, wenn auch das Alltägliche erklärt wird, ohne dass man sich dafür schämen muss. Ausserdem denkt oft niemand daran, was eine gute Wanderausrüstung kosten kann. Bei mehreren Kindern über mehrere Saisons hinweg kann das schön ins Geld gehen.
Die Schneehose wird zur Bildungshürde
Im Winter zeigt sich das Problem besonders deutlich: Kinder kommen ohne passende Winterkleidung in die Schule, frieren in durchnässten Turnschuhen oder fehlen bei Skitagen. Der Grund liegt selten in Gleichgültigkeit, sondern in Unwissen. In vielen Herkunftsländern gibt es keine Schulwaldtage, keine Skitage, keine Listen mit der Bitte, wetterfeste Kleidung mitzugeben. Die Anforderungen sind für viele Familien fremd und nicht leicht zu entschlüsseln; besonders dann, wenn über Merkblätter in Amtsdeutsch kommuniziert wird.
Auch hier stellt sich eine berechtigte Frage: Wenn eine Familie kulturell bedingt noch nie im Schnee war, sich das auch nicht leisten kann und keine Schneesportaktivitäten plant, weshalb sollte sie dann für einen einzigen Tag eine ganze Ausrüstung kaufen, die schnell mehrere hundert Franken kosten kann?
«Die Schule verlangt Mitdenken, Mitverstehen, Mitorganisieren. Doch das gelingt nur, wenn auch das Alltägliche erklärt wird, ohne dass man sich dafür schämen muss.»
Oft hörte ich im Kollegium den Satz: «Das kann man sich von den Nachbarn ausleihen.» Aber ist das wirklich so? Welcher Nachbar würde einem Kind seine teure Skiausrüstung leihen? Ich kenne kaum jemanden, der das tun würde.
Was fehlt, ist einfache und konkrete Unterstützung. Eine Lehrperson, die kurz erklärt, was eine Matschhose ist. Ein Elternabend, der Rücksicht auf verschiedene Sprachen nimmt. Eine Checkliste mit Bildern statt nur mit Text. Solche kleinen Gesten sind kein Zusatz, sondern die Grundlage gelingender Integration. Sie schaffen Vertrauen und vermeiden, dass Kinder in Situationen geraten, in denen sie sich schämen oder ausgeschlossen fühlen.
Das Bildungssystem ist schwer zu durchschauen
Auch über das Schulmaterial hinaus bleibt vieles erklärungsbedürftig. Das Schweizer Bildungssystem ist komplex. Der Übertritt in die Oberstufe wirft selbst bei Einheimischen Fragen auf, umso mehr bei Zugewanderten. Was ist die Sekundarstufe I? Was bedeutet Niveau A, B oder C? Wie funktioniert das mit der Lehre?
In vielen Herkunftsländern gilt nur das Gymnasium als erstrebenswert. Die Lehre wird oft mit Scheitern gleichgesetzt. Das ist ein Missverständnis mit schwerwiegenden Folgen. Denn in der Schweiz eröffnet die duale Berufsbildung mit Berufsmaturität direkte Wege zu Fachhochschulen und anderen tertiären Abschlüssen. Doch das muss man wissen. Fehlt dieses Wissen, lehnen Eltern gut gemeinte Empfehlungen ab, aus Sorge, ihrem Kind werde ein Weg verbaut.
Hier braucht es Geduld, Offenheit und Dialog. Berufsberatungen, die nicht nur informieren, sondern erklären. Lehrpersonen, die kulturelle Prägungen verstehen und sensibel vermitteln, dass es in der Schweiz mehrere gleichwertige Bildungswege gibt.
Vertrauen aufbauen statt Defizite zählen
Zu oft ist von Defiziten die Rede: mangelnde Sprachkenntnisse, geringe Bildung, fehlende Unterstützung zu Hause. Doch hinter diesen Kategorien stehen in vielen Fällen Familien mit Ressourcen, mit Bildungshunger, mit einem starken Willen und nicht zuletzt mit hohen Erwartungen an sich selbst und ihre Kinder.
Viele Eltern mit Migrationshintergrund bringen eine grosse Wertschätzung für Bildung mit, selbst wenn sie das hiesige System nicht kennen. Sie wollen das Beste für ihre Kinder, wissen aber oft nicht, wie sie sie darin konkret unterstützen können. Es fehlt nicht am Willen, sondern an einem Kompass.
«In vielen Herkunftsländern gilt nur das Gymnasium als erstrebenswert. Die Lehre wird oft mit Scheitern gleichgesetzt. Das ist ein Missverständnis mit schwerwiegenden Folgen.»
Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Beziehung. Wenn die Schule sich öffnet, nachfragt, zuhört, erklärt und Fehler nicht sofort als Versagen wertet, entsteht Raum für Mitgestaltung. Und wenn Eltern merken, dass sie nicht alles richtig machen müssen, um willkommen zu sein, entsteht echtes Miteinander. Echte Wertschätzung eben.
Was es braucht – konkret und machbar
- Alltagsnahe Kommunikation
Elternbriefe in einfacher Sprache, persönliche Gespräche statt Formulare, mehrsprachige Elternabende und visuelle Hilfen, zum Beispiel mit Bildern. - Schule als Lernort für alle
Angebote zur Elternbildung, transparente Einblicke ins Schulsystem und ein Raum für Fragen ohne Angst vor Peinlichkeit helfen, Hemmschwellen abzubauen. - Wertschätzung statt Belehrung
Eltern als Partner ernst nehmen, Herkunftssprachen und kulturelle Hintergründe anerkennen. Nicht nur tolerieren, sondern als Ressource begreifen. - Orientierung beim Übergang
Bildungswege frühzeitig erklären, Berufsberatung mit interkulturellem Verständnis stärken, Mentorenprogramme einsetzen, um Familien individuell zu begleiten. - Lehrpersonen stärken
Fortbildungen zur interkulturellen Kommunikation, Zeit für Austausch im Kollegium und Unterstützung bei schwierigen Elterngesprächen helfen, Brücken zu bauen statt Mauern zu sehen.
Schule als Ort der Begegnung
Bildung ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Das gilt besonders in einer vielfältigen Gesellschaft. Doch dieser Schlüssel funktioniert nur, wenn die Tür nicht schon beim Eintritt versperrt ist. Und für viele Familien bleibt die Schule ein unbekannter Raum voller unausgesprochener Regeln. Erst wenn wir das erkennen und ernst nehmen, entsteht eine neue Qualität von Integration im Alltag, im Gespräch, in der Haltung. Und so eine Schule, die Vielfalt nicht nur zulässt, sondern versteht und gestaltet.