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Nichts neues unter dem Himmel: Was die chinesische Denktradition zum globalen Machtkampf zu sagen hat

In der globalen Rivalität zwischen den USA und China überbieten sich Beobachter mit Warnungen vor der «Thukydides-Falle». Wer die Zukunft der Geopolitik verstehen will, muss jedoch nicht nur die griechische Antike im Blick haben, sondern auch die chinesische.

Nichts neues unter dem Himmel: Was die chinesische Denktradition zum globalen Machtkampf zu sagen hat
Xi Jinping guides Donald Trump through the gardens of Zhongnanhai. It is the Chinese host who warrants closer attention. Photo: Wiki Commons.

Das kürzliche Treffen der geopolitischen Giganten war von enormer Aussagekraft. Als der US-amerikanische Präsident Donald Trump vom 13. bis 15. Mai auf Staatsbesuch in Peking weilte, fragte sein chinesischer Konterpart Xi Jinping auf einer gemeinsamen Pressekonferenz rhetorisch: Lässt sich die sogenannte «Thukydides-Falle» vermeiden? Könnten globale Herausforderungen nicht besser gemeinsam angegangen werden, um mehr Stabilität in die Welt zu bringen? Einen Tag später führte der Gastgeber den amerikanischen Präsidenten durch den ehemals kaiserlichen Zhongnanhai-Garten – heute Hauptquartier der Kommunistischen Partei Chinas –, eine seltene Ehre für fremde Staatsoberhäupter, die Trump sichtlich schmeichelte.

Die westliche Presse stürzte sich daraufhin auf die «Thukydides-Falle» als politologisches Modewort. Benannt nach dem altgriechischen Historiografen Thukydides (ca. 460 – ca. 395 v. Chr.), der in seiner «Geschichte des Peloponnesischen Krieges» schrieb: «Es war der Aufstieg Athens und die daraus resultierende Furcht Spartas, die den Krieg unvermeidbar machten.» Jener Krieg (431–404 v. Chr.) galt als allumfassender Bruderkrieg zwischen den Stadtstaaten (Poleis) Athen und Sparta sowie ihren Bündnispartnern. Er endete zwar mit dem Sieg Spartas, hinterliess aber alle griechischen Staaten in chronischer Erschöpfung.

Antike Konzepte für moderne Geopolitik

Ausgehend von dieser Aussage versuchte in den 2010er-Jahren der amerikanische Politikwissenschafter Graham Allison, daraus ein überzeitliches Prinzip staatlicher Handlungsmuster zu identifizieren und auf das amerikanisch-chinesische Verhältnis anzuwenden, dessen Ergebnisse er 2017 in seinem Buch «Destined for War» zusammenfasste. Er identifizierte zwei psychologische Triebkräfte beziehungsweise «Syndrome», die historische Grossmachtkonflikte befeuern:

  • Das «Aufstrebende-Macht-Syndrom» (Rising Power Syndrome): ein gesteigertes Selbstwertgefühl der wachsenden Macht, das mit dem Anspruch auf mehr Anerkennung, Respekt und einer Neugestaltung der geopolitischen Regeln einhergeht.
  • Das «Herrschende-Macht-Syndrom» (Ruling Power Syndrome): tiefe Verlustängste, Paranoia und Statusunsicherheit der etablierten Macht, die jedes Verhalten des Aufsteigers als Provokation deutet.

Die giftige Symbiose der beiden Syndrome führte schliesslich, so Allison, zur «Thukydides-Falle». Er führt 16 recht willkürlich ausgewählte Konflikte der abendländischen Geschichte an, in denen er glaubt, ein solches Muster entdeckt zu haben. Jedoch räumt er ein, dass es nur in 12 von 16 Konflikten letztlich zum Krieg kam. In den übrigen konnte ein reger diplomatischer Verkehr den aufbrausenden Konflikt einhegen, bevor er sich zu einem alles verzehrenden Feuer auswachsen konnte – eine Blaupause, die Allison auch für das heutige Verhältnis zwischen Washington und Peking empfiehlt.

Kritik an diesem Konzept gibt es reichlich: Thukydides wollte keine zeitlose weltpolitische Konstante stiften, sondern schlicht den tragischen Krieg in seiner Heimat analysieren; der berühmte Satz fällt in seinem Werk fast beiläufig. Andere haben, wohl zu Recht, auf die Obsession US-amerikanischer Theoretiker mit griechisch-römischen «Klassikern» als Autoritäten hingewiesen (ein anderes Beispiel wäre wohl «Sallust’s Theorem») und fordern, stattdessen Lehren aus der asiatischen Geschichte zu ziehen. Konstruktivisten würden sogar argumentieren, dass letztlich jeder historische Vergleich müssig sei und niemand sich etwas jemals aus irgendetwas erschliessen könnte.

Nun, Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, aber sie reimt sich bekanntlich. Und ein entscheidendes Detail ging in der bisherigen medialen Betrachtung unter: Es war nicht der amerikanische Gast, sondern der chinesische Präsident selbst, der die Metapher der «Falle» in den Mund nahm. Zumindest Xi Jinping – und damit einer der beiden Hauptakteure auf dem globalen Schachbrett – glaubt offenbar fest an die Wirkmächtigkeit dieses Narrativs.

Zwischen «Konfliktvermeidung» und «Wolf Warrior»-Diplomatie

Man könnte abwinken und behaupten, Xi nutze den Begriff bloss, um von den Amerikanern in ihrer eigenen konzeptuellen Sprache verstanden zu werden. Doch die Rhetorik fügt sich nahtlos in frühere Denkmuster des Präsidenten. Bereits 2014 betonte er, das US-chinesische Verhältnis müsse auf «gegenseitigem Respekt», «Konfliktvermeidung» und einer «Win-win-Kooperation» fussen: «Sobald China und die Vereinigten Staaten in eine Konfrontation geraten, bedeutet dies für beide Länder eine Katastrophe.»

Ende der 2010er-Jahre begann sich jedoch der Ton der chinesischen Politik und Diplomatie zu verändern: Öffentliche Äusserungen wurden schärfer, dominanter, aggressiver gegenüber anderen Staaten und nationalistischer – einen Höhepunkt fand diese Rhetorik zu Beginn der Corona-Pandemie 2020/21. Nach einem populären chinesischen Actionfilm wurde dieser veränderte Stil als «Wolf Warrior»-Diplomatie bezeichnet. Graham Allison hätte darin wohl ein Lehrbuchbeispiel für das «Aufstrebende-Macht-Syndrom» gesehen. In vielen Hauptstädten – nicht zuletzt in Taipeh – löste dieses Muskelspiel tiefes Unbehagen aus. Wohl auch deshalb wurde der «Wolf Warrior»-Stil nach 2021 klammheimlich wieder eingemottet. Stattdessen beschwört Peking heute wieder die regelbasierte Ordnung, den Weltfrieden und die gemeinsamen Interessen der Menschheit. Denn schliesslich leben wir alle «unter dem Himmel».

«Alles unter dem Himmel»

Die friedliebende Rhetorik knüpft dabei an ein anderes Konzept an, das vom Pekinger politischen Philosophen Zhao Tingyang seit den 2000er-Jahren herausgearbeitet worden ist: «Tianxia», was so viel bedeutet wie «alles unter dem Himmel». Er knüpft damit an ein Hegemonialsystem an, das – seiner idealisierten Rekonstruktion zufolge – unter der antiken Westlichen Zhou-Dynastie (1046–771 v. Chr.) vorgeherrscht und Stabilität und Frieden gesichert habe. Die Zhou beherrschten damals nur ein bescheidenes Kernland in der nordchinesischen Ebene, übten aber über das Tianxia-Prinzip eine universelle, moralische Autorität aus, die als «Mandat des Himmels» bezeichnet wurde. Ihr Kernland wirkte wie ein «Strudel», indem es benachbarte Fürstentümer durch dieses Mandat und die kulturelle wie materielle Vormacht der Zhou allmählich an sich band.

«Das Tianxia-System ist als ein System gedacht, das nur Internalität und prinzipiell kein «Aussen» besitzt.»

Dieses Denken bricht radikal mit dem westlichen Politikbegriff, der historisch auf die atomisierte Struktur der griechischen Stadtstaaten (Poleis) zurückgeht. Tianxia kennt keine separaten Nationalstaaten, sondern denkt die Welt als gemeinsame, unteilbare Grossgemeinschaft – und erhebt sie zum eigentlichen politischen Akteur. Zhao fordert eine radikale Kehrtwende im Denken: Die Welt darf nicht länger als blosses geografisches Objekt betrachtet werden, das von imperialen Mächten erobert und ausgebeutet wird.

In Zhaos philosophischem Entwurf basiert das Tianxia-System auf einer konsequenten «Welt-Internalisierung». Es ist als ein System gedacht, das nur Internalität und prinzipiell kein «Aussen» besitzt. Dadurch verliert die im westlichen Denken so fundamentale Unterscheidung zwischen «Freund» und «Feind» oder «Wir» und «die anderen» ihre Gültigkeit. Während die moderne westliche Politik auf Spaltung, Grenzziehung und nationalem Egoismus beruhe, zielt Tianxia darauf ab, jede Kultur und Nation in eine einzige inklusive Ordnung der Koexistenz einzubinden und Feindseligkeit systematisch in (Gast-)Freundschaft zu verwandeln. Kriege sind in dieser Logik kein legitimes Mittel der Politik, sondern der explizite Beweis für ihr Scheitern.

Methodisch stellt Zhao in seinem Idealkonstrukt der westlichen Nutzenmaximierung des Einzelnen eine «relationale Rationalität» gegenüber. Nicht der eigene Profit steht im Vordergrund, sondern die Minimierung gegenseitiger Schäden, um Kooperation überhaupt erst zu ermöglichen. Ganz im Sinne der konfuzianischen Philosophie gilt das Prinzip der kollektiven Verbesserung: Ein Akteur darf seine Lage nur dann optimieren, wenn sich dadurch gleichzeitig die Lage aller anderen verbessert. Erst wenn die Welt als globale Tianxia verstanden wird, lassen sich laut Zhao transnationale Geisseln wie Kriege, Pandemien oder der Klimawandel effektiv bekämpfen.

Auch einen epistokratischen Verfassungsentwurf nach Vorbild des antiken Ratgebers Jizi schlägt Zhao für die Tianxia vor: Da Demokratien seiner Meinung nach immer in eine «Tyrannei der Mehrheit» entarten, schlägt er eine «Smart Democracy» vor: Diese würde eine Repräsentativversammlung beinhalten, in der Vertreter des «Volkes» sowie der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften zu gleichen Teilen vertreten wären. Die Volksvertreter behalten zwar das Initiativrecht und bringen «wünschenswerte Optionen» vor, doch die Wissenschaft fungiert als elitärer Filter, der die Vorschläge prüft, wiegt und gegebenenfalls für zu leicht befindet. Nur die weiseste Entscheidung wird Gesetz.

Der Volksrepublik China kommt in diesem Konstrukt eine zentrale Rolle zu: Da das Konzept altchinesischen Ursprungs sei, wäre China gewissermassen in einer ideellen «Vorreiterrolle», um die Tianxia als neue, kosmopolitische Ordnung auf die gesamte Welt auszuweiten – die Welt würde daher in den neuen «Strudel» hineingezogen werden. Dies würde bedeuten, dass die Weltgemeinschaft nur realisiert werden könnte, indem sie materielle Unterstützung anderen Akteuren – zum gemeinschaftlichen Wohle – zukommen lässt und durch digitale Netzwerke die Weltbevölkerung nach und nach von «gemeinsamen Interessen» überzeugt, sodass auch ideell eine «Weltgemeinschaft» entsteht. Nationalstaatliche Politik gegen diese «gemeinsamen Interessen» einer «Weltgemeinschaft» würde somit schwieriger und schwieriger werden, sodass die Welt allmählich in eine Tianxia übergehen würde.

«Chinas globale Infrastrukturprojekte und digitale Netzwerke bilden den modernen Strudel. Peking lockt andere Akteure mit materieller Unterstützung und formt über Algorithmen die ideellen Vorstellungen einer globalen Jugend.»

Man mag die Gedanken Zhaos nur für ein theoretisches Konstrukt halten, jedoch gibt es deutliche Signale, dass Chinas Aussenpolitik unter Xi Jinping das Ziel der Tianxia ausdrücklich verfolgt. So heisst es in öffentlichen Verlautbarungen der Kommunistischen Partei Chinas (und seit 2018 auch in der chinesischen Verfassung), dass eine «Schicksalsgemeinschaft der Menschheit» hergestellt werden solle mit Zielen, die sich mit der Tianxia-Theorie Zhaos überschneiden. Chinas globale Infrastrukturprojekte und digitale Netzwerke – man denke an die «Neue Seidenstrasse» (Belt and Road Initiative) oder Plattformen wie TikTok – bilden den modernen Strudel. Peking lockt andere Akteure mit materieller Unterstützung und formt über Algorithmen die ideellen Vorstellungen einer globalen Jugend. Je tiefer die Welt in diesen Sog gerät, desto schwieriger wird nationale Politik, die sich gegen diese vermeintlich universellen Interessen stellt. Die Weltgemeinschaft wird nicht erobert – sie wird eingesaugt und transformiert.

Die Ohnmacht der Kleinen

Was bedeutet nun diese Renaissance antikisierender Konzepte in der Grossmachtpolitik des 21. Jahrhunderts für kleine Drittstaaten wie die Schweiz? Sowohl das amerikanische Denken in der «Thukydides-Falle» als auch das chinesische Gegenmodell der Tianxia bergen für unbeteiligte Kleinstaaten wie die Schweiz fundamentale Risiken. Während Allisons Modell das internationale System auf ein binäres, unbarmherziges Duell zwischen Washington und Peking reduziert, in dem Drittstaaten zu blossen Manövriermassen degradiert werden, eliminiert Zhaos Tianxia die Idee des Nationalstaates und der Souveränität gleich ganz. Wo es kein «Aussen» mehr gibt, verliert auch die klassische Neutralität ihre völkerrechtliche Grundlage.

«Sowohl das amerikanische Denken in der «Thukydides-Falle» als auch das chinesische Gegenmodell der Tianxia bergen für unbeteiligte Kleinstaaten wie die Schweiz fundamentale Risiken.»

Besonders brisant: Internationale Organisationen wie die UNO, die traditionell als Schutzmechanismen für kleinere Staaten dienen, werden in beiden Denkschulen de facto als ineffektiv oder überflüssig abgetan: Zhao unterscheidet beispielsweise explizit zwischen der «internationalen Politik» der UNO und ihrer Mitglieder, die er zwar als lobenswert, aber wirkungslos charakterisiert, und der «Weltpolitik» innerhalb der zukünftigen Tianxia. Für die Schweiz als Hüterin des multilateralen Völkerrechts und profilierten Diplomatiestandort wäre eine Welt, die sich nach diesen Mustern ordnet, verheerend. Das Genfer Pflaster verliert an Bedeutung, wenn globale Fragen entweder im nuklearen Patt zweier Giganten oder in einer kollektivierten, epistokratischen Weltgemeinschaft nach Pekinger Gusto entschieden werden.

Wenn sich die Geschichte also schon «reimt» und antikisierende Konzepte postuliert werden, dann sollten Kleinstaaten genau hinhören. Es reicht nicht mehr aus, die Rhetorik der Grossmächte nur durch die westliche, eurozentrische Brille zu analysieren. Um in der Geopolitik von morgen handlungsfähig zu bleiben, muss man die philosophischen Fundamente beider Seiten verstehen – und sich darauf einstellen, dass die Zukunft der Weltordnung wohl irgendwo zwischen dem Schlachtfeld und dem kaiserlichen Garten verhandelt wird.

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