Menschheitsgeschichtlicher Quantensprung

Milliarden von kleinen Computern wirken im Hintergrund. Sie erleichtern das Leben selbst des grössten Technikskeptikers, ohne dass dieser etwas davon merkt. Und sie werden unser Zusammenleben weiter revolutionieren. Bleibt der Mensch Herr der Technik?

Menschheitsgeschichtlicher  Quantensprung

Herr Gunzinger, Sie haben 1992 den schnell­s­ten Computer der Schweiz gebaut und sind mit diesem Gerät an der Schnellcomputer-WM auf dem zweiten Platz gelandet. Welchen Rang würde das damalige Modell heute erreichen?

Der Computer würde es gar nicht mehr ins Klassement schaffen! Als Faustregel gilt: Nach 10 Jahren findet sich ein einstiges Siegermodell im hintersten Bereich der Top-500. Und dort endet dann auch die Statistik; was langsamer ist, fällt raus. Nach weiteren 10 Jahren aber taucht das Gerät wieder auf, und zwar auf Ihrem Schreibtisch. Denn was wir vor 20 Jahren als Supercomputer gebaut haben, kaufen Sie heute für ein paar hundert Franken im Mediamarkt.

Das heisst: Die Technologie entwickelt sich zwar rasend schnell, wir Endnutzer arbeiten aber gewissermassen mit vorgestrigem Material. Weshalb dieser Rückstand?

Das ist vornehmlich eine Frage des Preises. Nehmen Sie zum Beispiel die Kamerasysteme in den Handys. Diese Technologie hat es schon vor Jahrzehnten gegeben. Nur wäre es damals, wo die zugehörigen Sensoren noch 10 000 Franken kosteten, nicht möglich gewesen, sie zu verbreiten. Jetzt, da der Preis eines Sensors auf 5 Franken gesunken ist, kann man sie der Masse anbieten. Ich sehe das bei der Entwicklung von Fahrassistenzsystemen gerade auch an einem eigenen Projekt. Die Idee für einen Computer, der Hindernisse erkennt und Autos bremsen oder ausweichen lässt, hatten wir an der ETH. Und jetzt, 20 Jahre später, kommt die Sache auf den Markt – weil sich der Preis seit meiner Studienzeit um Faktor 1000 reduziert hat, während die Qualität um Faktor 100 gestiegen ist.

Die Informatikinnovationen, die wir als revolutionäre Erscheinungen wahrnehmen, sind für Sie als Fachmann also nichts als absehbare Weiterentwicklungen. Gibt es im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte dennoch Neuerungen, die selbst den Experten überrascht haben?

Rein technologisch gesehen war da tatsächlich nichts, was nicht erwartbar gewesen wäre. Niemals vorausgesehen hätte ich aber die Massenverbreitung des Internets, das ja auf einer Kommunikationstechnologie des US-Militärs basierte und als internes Arbeitswerkzeug der European Organization for Nuclear Research (CERN) in Genf konzipiert worden war. Geradezu revolutionär ist in meinen Augen sodann die Linux-Bewegung: Dass Tausende von Leuten ohne Koordination gemeinsam an der Entwicklung von Systemen arbeiten, ist ein menschheitsgeschichtlicher Quantensprung! Und zuletzt haben mich vor allem die Möglichkeiten auf dem Gebiet der Sensorik überrascht. Hier hat der erwähnte Preissturz die Türe für eine Unzahl früher unvorstellbarer Anwendungen geöffnet.

Auf diesem Feld der ungeahnten Anwendungen spielt heute auch Ihre Firma. Als Sie ins Informatikgeschäft eingestiegen sind, haben Sie auf etwas vergleichsweise Unspektakuläres gesetzt und Computer gebaut. Weshalb sind Sie von der Hardware­fabrikation abgekommen?

Ich muss vorausschicken, dass ich von Unternehmertum keine Ahnung hatte, als ich meine Firma gründete. Ich dachte, Technologie sei alles… Dass das Geschäft unter diesen Voraussetzungen überhaupt überlebt hat, ist reiner Zufall. Wäre ich beim Computerbau geblieben, wäre aus dem Zufall bestimmt ein Zusammenfall geworden. Eine Firma erfordert enorm viel unternehmerisches Wissen, und mir wurde schnell klar, dass mich das Verkaufen von Computern – und darauf läuft das Bauen letztlich hinaus – zu wenig interessiert. Sei es der beste Computer der Welt: Ich will den nicht verkaufen. Ich will Lösungen heraustüfteln.

Eigentlich schade: Wären Sie drangeblieben, hiesse Hewlett Packard heute vielleicht Gunzinger Super und die Schweiz verfügte über eine eigene Computerindus­trie. Das hatten Sie sich in den 1990er Jahren doch selber gewünscht?

Ja, aber heute ist mir klar, dass das nicht hätte klappen können. Erstens ist die Schweiz keine Marketingnation, und Marketing ist für den Verkauf von Computern das A und O. Apple oder HP sind ja vor allem Marketingmaschinen, die Allerweltstechnologien verkaufen. Und zweitens ist die Schweiz keine visionäre Nation. Unsere Kernkompetenz ist die Perfektionierung. Während die Amerikaner grosse Visionen haben und…

Einsen und Nullen: Unsere Informationsgesellschaft
Einsen und Nullen: Unsere Informationsgesellschaft

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