Total informiert

Informationen sind stets verfügbar. Sie sind gratis. Sie sind in unendlicher Fülle vorhanden. Doch wissen wir erstaunlich wenig über unsere Welt. Das ist die Grundbedingung, in der wir im Informationszeitalter leben. Wie gehen wir damit um?

Ein Neandertaler, der keine Informationen über sich und seine Umwelt empfangen, gesendet, gespeichert und verarbeitet hätte, wäre nicht alt geworden, und eine Horde von Urmenschen, deren Mitglieder keine Informationen ausgetauscht hätten, wäre erst gar nicht entstanden. So gesehen, ist die Informationsgesellschaft eine alte Erscheinung. Trotzdem ist es symptomatisch, dass sie gerade heute zu einem zen­tralen Thema des gesellschaftlichen Diskurses geworden ist. Dies deshalb, weil die Beschaffung, die Speicherung, die Verarbeitung und der Austausch von Informationen – im Vergleich zu früher – sehr viel schneller und sehr viel billiger geworden sind und weil der Prozess der Beschleunigung und Verbilligung nicht nur weitergeht, sondern immer schneller weitergeht. Der Mensch lebt heute in einer Symbiose mit einer unsichtbaren, aber mächtigen Maschinenwelt, die er nur an der Schnittstelle seines Laptops, iPads oder iPhones erlebt.

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Man kann mit guten Gründen feststellen, dass diese Beschleunigung und Verbilligung im Bereich der Kommunikation eine segensreiche Entwicklung ist. Dank der neuen Informationstechnologien können Forschungsvorhaben in so ziemlich allen Disziplinen – von der Linguistik zur Chemie, von der Physik zur Geschichtswissenschaft, von der Ökonomie zur Medizin – mit Erfolgsaussichten angegangen werden, von denen man ehedem nicht einmal zu träumen wagte. Der Computer eröffnet neue Denkansätze, welche die Entwicklung und Erprobung neuer Produkte, Systeme und Organisationen in einer virtuellen Welt ermöglichen. Viele Leistungen der modernen Gesellschaft sind nur auf dieser Grundlage möglich geworden. Wie die technologischen Entwicklungen der Vergangenheit, so verändert freilich auch die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie das Bild des Menschen und der Welt.

Die modernen Technologien erlauben es, dass immer mehr Menschen über immer mehr Informationen über immer weitere Teile der Welt immer schneller verfügen. Und es muss als Vorzug der Informationsgesellschaft gewertet werden, dass für die einzelnen sich der Kreis der Mitmenschen nicht auf jene Nachbarn im Dorf beschränkt, deren Misthaufen nahe am eigenen Misthaufen liegen, sondern nun im Prinzip auch die Menschen am anderen Ende der Welt ihm zu nächsten werden können. Schliesslich ist es zweifelsohne von Vorteil, dass nicht mehr in langen Tagen und Nächten reitende Boten die Befehle des Königs an die Enden des Reiches tragen müssen, sondern ohne zeitliche Verzögerung im Zweifel lebenswichtige Entscheidungen dorthin vermittelt werden, wo sie implementiert werden sollen. Und schon träumen Utopisten weiter, was sich schon in der Realität in Ansätzen anbietet: Sensoren und Aktoren, die die Infrastruktur des trauten Heims überwachen und steuern; Sensoren in unserer Kleidung, die unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit sicherstellen sollen; Brillen, die auf die in der Nähe befindlichen Restaurants und Sehenswürdigkeiten hinweisen. Manche reden gar schon von Nanomaschinen, die die Kommunikation mit den Menschen auf die Ebene seiner Zellen und Neuronen verlegen, die gar das Bewusstsein, das Selbst des Menschen völlig in die Maschinenwelt des Cyberspace verlagern.

Schon diese bloss rudimentäre Liste der Vorteile zeigt: Vieles, was unser gegenwärtiges Leben leichter und angenehmer macht, was uns erlaubt, Dinge von der Welt zu wissen, die uns sonst verborgen geblieben wären, und Menschen als Mitmenschen zu sehen, von deren Existenz wir kaum etwas gewusst hätten, verdanken wir der schnellen und billigen Information und Kommunikation. Wenn es richtig ist, dass das Selbst des Menschen umso grösser und umso reicher ist, je grösser die Welt ist, in der er sich verortet, dass er umso mehr Mensch ist, je mehr Menschen er als Mitmenschen wahrnimmt, dann sollte die Informationsgesellschaft ein Segen, wenigstens die Chance zu einem Segen sein.

Damit nun, was ein Segen sein kann, auch ein Segen wird, ist es einerseits nötig, sich den Vorteilen der Informationsgesellschaft nicht zu versagen; andererseits ist es aber auch nötig, die jeder Entwicklung, also auch der Entwicklung der Informations­gesellschaft inhärenten Risiken und Gefahren nicht zu ignorieren. Es muss…

Einsen und Nullen: Unsere Informationsgesellschaft
Einsen und Nullen: Unsere Informationsgesellschaft

Diese Zeilen erschienen auf bedrucktem Papier. Sie mögen dieses Leseverhalten als veraltet empfinden. Und obwohl Sie damit nicht allein wären, haben wir darauf verzichtet, im Heft nur einen QR-Code zu drucken. Sie wissen schon, diese briefmarkenähnlichen Pixelbilder, auf die Sie dann Ihr Mobilgerät hätten halten können, um via App direkt auf dieser Website zu landen. […]

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